Selbstfürsorge

Selbstfürsorge war in meiner Traumatherapie ein stetes Thema, denn die Vernachlässigung meinerselbst war mir von Kindesbeinen eingefleischt. Ich war es mir nicht wert, mich um mich selbst zu kümmern … Stopp! Dieser Satz führt bereits in die falsche Richtung. – Ich konnte keinen Selbstwert empfinden, weil ich mir selbst nicht selbstverständlich war. Ich war eine Funktion, die von ihrer Mitwelt determiniert wurde, der Schammes (Erklärung siehe Link), wie ich freundlicherweise in meiner Jugend in der Familie genannt wurde, häufig war ich auch nur der Schlappenschammes, also der Schammes des Schammes, jene Karikatur des Synagogendieners, der die eingesäuerten Vorhäute bewachte, wie es der Vater von mir gerne launig von sich gab. Selbstfürsorge war mir folglich fremd. „Erst kommt das Vieh, dann kommt der Mensch“, ist ein Spruch von Bauern, die zuerst ihr Vieh verköstigen, ehe sie sich selbst zu Tisch setzen. Dieser Spruch trägt etwas von Fürsorge mit sich. Es war nicht immer Tierliebe, sondern schlichte Vernunft, wenn man sich daran hielt. In meiner Familie hätte der Spruch wohl so gelautet: „Erst kommen die Eltern, dann das Vieh und danach die Kinder.“ Jedenfalls lernte ich erst nach dem Waisenhaus – wieder zuhause – Hunger kennen.

Warum mache ich mir darüber Gedanken? Nun, weil das mit der Selbstfürsorge für mich immer noch nicht klappt, vor allem dann nicht, wenn Strukturen meiner PTBS klandestin wieder aktiviert werden. Das ist gestern geschehen. Wobei die Belebung vermeintlich längst verwischter Strukturen unmerklich vor sich geht. Ich spüre es nur im nachhinein an den Folgen, und häufig spüre ich nicht einmal diese Folgen als Wirkung einer Ursache. So lief es auch heute ab, dass meiner Frau auf der Straße auffiel, dass ich verstärkten Schwankschwindel hatte. Ich bejahte es und meinte, es könnte daran liegen, dass wir zu langsam gegangen seien; denn zuvor, als ich allein ging, ginge ich schneller, so dass sich der Schwankschwindel weniger zeigte. Ein Zirkelschluss, der meiner Frau jedoch gleichfalls auffiel. Daheim angekommen, fragte sie mich, ob ich denn heute etwas getrunken hätte. Ich verneinte, denn in der Tat hatte ich außer je einer Tasse Tee und Kaffee sowie einem Glas Orangensaft in der Früh bis zum Abend keine Flüssigkeit mehr zu mir genommen. Ich hatte mich also einmal mehr wie zu den schlimmsten Zeiten meiner PTBS selbst vernachlässigt.

Das wiederum erhellte für mich die Wurzel meines Übelseins. Den Abend zuvor hatte ich mich intensiv mit Texten aus meinem Therapietagebuch, das inzwischen über 1500 Seiten umfasst, beschäftigt. Ich musste aus dem Konvolut für einen interessierten Multiplikator einen Auszug zusammenstellen. An diesem Abend ging es mir schon nicht gut. Ich erlitt einen Urtikariaschub und musste einen zusätzlichen Cortisol Blocker schlucken. Ein sicheres Anzeichen dafür, dass ich mich psychisch übernommen hatte. Heute morgen spürte ich dann auch die bekannten Anzeichen für einen sich ankündigenden Herpesausbruch. Die Signale waren also wieder auf Regress gestellt. Doch anstatt auf sie zu reagieren und mir gutes zu tun, tat ich das exakte Gegenteil und vernachlässigte mich. Der Schammes war es nicht wert, dass sich jemand um ihn sorgt. – Und das alles, nachdem ich gerade mit meiner Frau eine wunderschöne Wellnesswoche an einem traumhaften Ort verbracht hatte. Die Erholung war in Nullkommanichts im Eimer.

Wie oft muss ich diese Lektion noch wiederholen, dass ich mich bei Anzeichen von aufkommendem Disstress schone und daran denke, Entspannung und Muse zu suchen. Ein Rezept gibt es dafür offensichtlich nicht, denn es gehört mit zu diesem verborgenen Teufelskreis, dass man gar nicht mitbekommt, dass man längst auf dem altbekannten Höllenkarussell dreht. – Gut, diesmal ging es schneller, dank des reflexiven Zusammenspiels zweier therapieerfahrenen Seelenverletzen, die Höllenfahrt zu stoppen; dennoch erschrickt es mich immer wieder, in solchen Momenten erkennen zu müssen, dass die seelische Verletzung aus Missbrauch und Misshandlung nach wie vor besteht und als wiederkehrende Belastung wahrscheinlich bestehen bleiben wird.

Ach ja, und noch eine Marginalie zum Schluss: Sucht man im Internet nach Bildern zu Selbstfürsorge respektive Self-Care, findet man ausschließlich Bilder mit Frauen oder solche, die vom Design her Frauen ansprechen sollen.