Wegmarken – eine Buchrezension

Wegmarken ist eine 72-seitige Broschur. Gedichte und Bilder, blaugrau, eisgrau, staubgrau, schwarz, weiß. Sie lag schon länger auf meinem Tisch. Am Anfang kurz geblättert, beiseitegelegt; dann wieder in die Hand genommen, geblättert, verwundert über den eigenwilligen Satz, so gegen alle Regeln der Buchkunst gemacht. Wieder beiseitegelegt, wieder Anlauf genommen. So habe ich mich dem Gedichtband von Astrid Mayer allmählich genähert.

Sie ist auch eine Überlebende sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit. Ihr Vergewaltiger war ein Pfarrer und mit ihm in treuer Verbundenheit ein ganzes schweigendes Dorf (Link). Sie war damals Kommunionkind, acht Jahre alt, als der Pfarrer sie schändete und damit ihre Seele erdrosselte. Das begann 1973. Die nächsten 30 Jahre war sie erstarrt, versuchte zu überleben und irgendwie bei sich zu bleiben. Dann 2005 fand ihre Seele wieder genügend Atem, um das erlittene Verbrechen nicht mehr still in sich zu verbergen, nicht mehr unheimliche Mitwisserin dieses Verbrechers zu sein. Sie ermutigte sich, die erlittene Schändung dem Bistum Rottenburg-Stuttgart anzuzeigen. Die Reaktion war dermaßen indolent, dass sie ein schweres Posttrauma übermannte und sie physisch in eine lebensbedrohliche Verfassung abglitt.

Letztes Jahr legte sie eine Sammlung von 23 Gedichten vor, die Einblick in die seelische Verfassung einer Betroffenen erlauben; sobald sie darüber nachsinnt, was ihr als Kind widerfuhr; wie sie lernte, trotz ihrer seelischen Verletzungen ihr Überleben anzunehmen und einzurichten.

Noch vor den Gedichten steht das optische Signal der Broschur. Wie gesagt, sie zeigt ein gebrochenes Layout, aufgebrochen, spröde, abweisend, als sollten das Geschehene und das Geschehen weiter klandestin bleiben.

Es sind Fotos, die überwiegend Details von Winterlandschaften hervorheben. So bedeckt auf etlichen Bildern eine Schneedecke, die landschaftliche Struktur, als wollte sie den Beobachter vor dem darunterliegenden Grauen schützen. Doch mählich weicht der Schnee und gibt den Blick frei. Ja, eine vereiste Seele schickt sich an aufzutauen. Indes zeigt der befreite Blick eher Brache, Zerstörung, Leblosigkeit. Es sind trostlose Bilder und doch voller Zauber und Zeichen – eben Gravuren des Überlebens. Es sind dennoch ruhige Bilder, als fühlte es sich so an, so karg wie es aussieht, wenn eine Seele Kraft schöpft, zur Ruhe findet, ja als wollte sie überwintern.

So formen die Fotos von Johannes Traub eine Metaebene zu den Gedichten und werden zwingender, stimmungsstiftender Bestandteil der Botschaft; bleiben freilich zaghaft, gleich den zögernden, stotternden Ansätzen eines Kindes das fürchterliches zu berichten hat, indes es nicht wagen darf, nicht wagen kann, das dröhnende, alles verdunkelnde Tabu zu brechen. So bleiben die Bilder auch verschlüsselte Zeichen, wie teilweise die Gedichte, die letztlich nur deuten kann, wer die traumatische Geschichte kennt. Ganz nachvollziehen vermag sie jedoch wohl zum Ende nur jemand, der selbst Kindesmissbrauch durchlitten und überlebt hat. Gleichwohl bleiben die Fotos trotz aller Ahnung kryptisch. Es sind Vorlagen für Pareidolien des Schreckens, jedenfalls entdeckte ich in ihnen Schädel, Skelette, Alben, Zähne, Bisse und Obszönes, als witterte ich überall Missbrauch und Leid.

In der Folge meine Assoziationen der 23 Gedichte

01: „Aufwachen“ das erste Gedicht, quasi als Prolog, zeichnet eine Vorstadttristesse und zugleich zwei Welten, wie in jeder Vorstadt, Enge und Weite, und wie meistens verharrt man und flüstert die letzte Zeile: „Es blieb mir nichts anderes übrig“.

02: Das zweite Gedicht flankieren „Pappeln“, zwingen Kind und Menschen den Weg auf, bilden Orientierungspunkte und werden zum Lot, das auch die Illusion von Aufrichtigkeit vermittelt. Doch die Welt der Aufrechten bleibt kurzlebige Illusion, so wie die kurzlebige Pappel. Im Bild drei Wischer auf Pflaster. Pappeln oder schon Schreckensmasken?

03: Darauf „Dortan“, das dritte Lied, besingt im ersten Teil auf französisch, der ersten Sprache der Dichterin, den von Buchsbäumen eingewachsenen Weg, gleich einem Fluchtweg für das Kind in einen anderen Raum, einen Schutzraum, weg vom Elend und doch nur eine Illusion. Im Bild drei konkrete Ausfluchten unterm Schlußstein.

04: „Verlorene Töchter“ folgen, eine Feder liegt im Bild auf Harsch. So leicht, so flüchtig, so gar nicht da ist das Kind geworden. Aufgenötigtes Schweigen verdunkelt seinen Mund, seine Seele, die Zunge erstarrt. Dafür umschließt das Kind der „Bleimantel aus Schuld“, die Infamie der Täter, die das Schweigen im kindlichen Gewissen verankert und das sich fortan selbst verwischt, um überleben zu können. Im zweiten Bild Flocken auf Sand. Überleben wird zur Aufgabe.

05: „Femme Fatale“ ist verstörend, weil changierend. Spricht da die Frau, das Kind oder das Kind in der Frau? Jedenfalls klingt es fatal, unabwendbar, wie da Vertrauen missbraucht wird und ein Mensch durch Lug und Trug zerbrochen wird. Der Verrat von Gefühlen und das Resümee: „Kein Verrat wäre der Tod.“

06: Im Bild ein Weg aus Weiß ins Schwarz, ein Drachen und ein Rattenkopf, alles Auswurf. So die Pareidolie, und dann die vielen, vielen bösen Augen. „Unsere Tage“ tönt das Lied. Tönt von unserer Hilflosigkeit sich dauerhaft ins Jetzt, an diesen Tag zu binden, weil der nächste nur eine Fortsetzung des Schreckens sein kann.

07: Schon „Danach“, ein vereister Krähenkadaver, Spuren im Schnee, keine Krähenfüße, eher ein einsames Kind. Die beiden Bilder tragen ebenso einsame Verlassenheit. „Der Hof ist ein anderer / Schneebefallen überbelichtet / Das von Folter gelöschte Ich / Nicht auffindbar“.

Wie oft sah ich selbst als Kind den Vögeln nach, die auffliegen und den dunklen Ort verlassen konnten. Und hier die Sehnsucht des missbrauchten Kindes, krähengleich unsichtbar eins unter vielen zu werden, auf dass der Vergewaltiger von einem ablässt.

08: Endlich, hoch in den Himmel fliegt das Kind, den Krähen nach, rettet sich mit ihnen, indem es sich verlässt. Gnädige Dissoziation, zerfleddern, um als Schwarm unzählbar und doch allsichtig zu sein. Sie sehen das zerbrochene Kind und tragen es wie Ikarus der Sonne entgegen. Wandel durch Weltflucht. „Auferstehung“, der Titel des Gedichts

09: Ein Abgrund ist ebenso verworren, wie Gestrüpp, beide führen ins nirgendwo, so meine Gedanken, beim betrachten der beiden Bilder zu „Posttraumatisches Rodeo“. Das Posttrauma als apokalyptischer Ritt, ein passendes Bild, und passend verdichtet im dissoziierenden Mädchen, das nur Bruchstücke der Wirklichkeit erkennt und gleichermaßen die erwachsene Frau, die Mutter, aus der Welt ihrer Familie drängt. „Will ich runter (um jeden Preis) / oder mit (um jeden Preis), / erfahren, was er sucht und flieht zugleich / mein apokalyptisches Pferd / bei unserem Ritt ins Nichts“.

10: Sohlenabdrücke im Schnee wirken wie verlorene Granaten. „Gelegentlich / schlingt Todesangst mich ein / Rülpst mich wieder hoch“. Noch krasser ein Vers im Lied „Wegmarken“, der einen Mann skizziert, der auf ewig das parentisierte Kind bleiben wird, das seine Mutter retten muss. Ja, durchlebter Missbrauch bleibt ein endloser Alb.

11: „Und bekenne: / Ich will leben, ja / Tod und Teufel hin oder her / und werde nicht widerstehen / noch widersagen“; ein Vers aus dem „Sommergebet“, das Bild dazu: Silberdisteln, negativ, wirken wie Disteln im Schnee; gleich zwei Kratern. Widerborstigkeit wird zur Basis, sich einzuleben. Resilienz!

12: „Heldentod“, die nächste Verdichtung. Die Pareidolie: Trolle, Elfen und Abgründe einer ausgeglühten Caldera. Den Ludergeruch der eigenen verrottenden Seele in der Nase – wie gut ich das erinnere. Wie heilsam, dass ein weiterer Überlebender davon singt. Selbstverletzung und Selbstverirrung kennzeichnen diesen fragilen Weg.

13: „Reine Marie“ ein weiteres Wechselbild zwischen Vers und Bild, zwischen Kode und Pareidolie. Eine Frau, eine Mutter ohne Kopf und Hände, nur ein Leib, und im nächsten Bild ein aufgebrochener Pilz, gleich einem entleertem Uterus, ausgetrieben das schwierige Kind. Das Lied besingt die Furcht der Mutter, dass die böse Saat, die sie vergiftete, auch ihre Kinder verderben könnte. In eine solche Welt will keine gebären, und doch es geschieht. „Du aber mein Nicht-Kind / wirst nicht töten / Deine Frau / den Vater / mich“.

14: „Rondo d´une dauphine défunte“, ein Rondo für eine verstorbene Prinzessin in Anlehnung an Margareta von Schottland (Link). Als Kind mit einem Kind zwangsverheiratet, starb sie mit 20 Jahren kinderlos. Zwanghaft dichtend, doch keiner ihrer Verse blieb erhalten. Ihr Kindsgemahl verbrannte sie mit Genuss. So spurlos ausgelöscht hätten die Täter gerne ihre „Prinzessinnen“ und „Prinzen“.

Als Bild frei von Pareidolie ein Lapidarium versteinerter Witwen. Im Hintergrund eine – recht lebendige – mit dem Rücken zum Betrachter, die den Kreis verlässt.

15: Die Pareidolie imaginiert mir einen Gral, aufgebrochen ein Schädel in zerbrochenem; Wasser verbindet zwei Welten.

So auch das „Liebeslied“. Das lässt sich nicht deuten, da finden sich zwei verletzte Seelen, trotz alledem, lebens- und damit liebesfähig. „Vorsätzlich und wissend / die Frucht wohl kennend, / bist du angekommen / ins Dunkelste meiner Nacht“ – Ein Wunder, das zu heilen verspricht, was einst ein Satan in der Soutane entweihte.

16: „Unerbittlich“ spiegelt mir die Pareidolie zwei Wirbel. Ein dunkler und ein heller, Schlund und Auswurf. Einerseits ein weiteres Trotzalledem, die gefundene Zweisamkeit zu verteidigen, und dennoch dagegen steht die Zweisamkeit einer Seele und ihrem Trauma. Das einen zu wollen ist eine Aufgabe für Resiliente, die Auge in Auge verharren können.

17: Die verdichtete Begegnung mit der Vergangenheit, in der alles noch nicht so war, wie es wurde. Sie ist pareidoliter gesehen ein dunkles Loch, das, wäre das Bild ein Negativ, ein hell strahlender Fleck inmitten eines Himmels von Schäfchenwolken Kinderköpfen gleich.

Das Gedicht bleibt verhalten, die Sängerin sucht Orientierung im Unerfindlichen. Sie bleibt Beobachterin, wie im Titel gesagt: „Paris vu du Parvis“. Ein zerbrochenes Haus, eine goldene Kuppel, so weit die Spannung und schließt: „Übe alles in allem / Vergessensein“.

18: „The City“. Ein weiterer Abstecher in beinharte Wirklichkeit – als wäre eine PTBS irreal – nach London, auch dort Auflösung im Bild und im Gedicht. Kalte Ausbeutung – welcher Überlebende denkt da nicht an seine Kindheit -, Luxus, berechnende Zweisamkeit … Ja, das ganz normale Leben ist ebenso ruinös, wie eine Gesellschaft, die das Desparate in ihr übersieht.

19: Es hört nicht auf, und wenn du denkst es hat aufgehört, ist es nur Unterbrechung. Bei „Tombeau pour Olivia“ erfahren wir nicht, über welcher Olivia das Grabmal errichtet wurde. Doch wir erfahren, dass der Stein den üblen Geist nicht abhält, worauf der als Alb entweicht, „der mir mit roten Augen / und schwarzen Krallen / auf der Brust sitzt / Nacht für Nacht“ und der Überlebenden schwere Träume beschert.

20: Das Trugbild trügt stimmig. Die Pareidolie erlaubt, den Buddha ebenso zu sehen wie das Purgatorium, und so spannt sich das Lied der Überlebenden von Selbstverleugnung bis zur Selbstverlorenheit, ja, „Abwesenheit“, so die Zeile zum Lied einer Dissoziation: „Aber das ist es nicht / Sondern etwas viel Größeres / Gegen das / Ich / Nichts ist“.

21: Wieder erscheint mir die Kraft der Resilienz als ein Lied an die Schönheit. „Robinienmauser“ ist licht und beschwingt. Selbst das Bild fällt aus dem Rahmen, es hat fast Farbe, einen Hauch von Gelb – oder Gold? Und doch, es ist ein Herbstgedicht ein Abgesang, nein, so viel Leichtigkeit darf sich um seines Überlebens willen kein Überlebender erlauben: „Wir sind in Eile / Wir treten fest auf“.

22: Erneut ein Trotzalledem. „50“ heißt das Gedicht. 42 Jahre nach der erlittenen Schändung „Hoffnungslosen Unterfangen aufsitzend / Mit fliegenden Segeln / Spass muss sein“. Resilienz ist gelebte Hoffnung, die nicht hofft, sondern sich zum Heilen hin wandelt. Versöhnlich das Bild, eine Geburt des Lichts.

Dazu der Gedanke zu den Zeilen Reflexion der Reflexion der Reflexion. Nein, sage ich, stopp! Wir lassen uns von eurer Schuld nicht beschmutzen. Wir waren die Opfer, nie die Täter.

23: „Winters Ende“, das letzte Lied. Spüren, wie der Eispanzer abschmilzt, sich Verborgenes zeigt, „und unsere Heimatlosigkeit klar zu stellen“. Zurück bleibt vom Gletscher zermahlener Stein, und es bleibt „Jeden einzelnen Ast nachgezeichnet / der nackten, schwarzen Bäume.“ Das Schlussbild: seichte Brandung, als könnte man es wagen, mit dem Meer – dem Leben – zu wogen.

Meine Empfehlung für die Rezeption der Broschur: Unbedingt kaufen, sich mir ihr anfreunden und schließlich, sich ihr immer wieder nähern und dabei der eigenen stillen Berührtheit Raum erlauben, in dem sie sich formen kann.

Sie können den Gedicht- und Bildband „Wegmarken“ über die E-Mail-Adresse: wegmarken(ät)web.de bestellen. Er wird zum Unkostenbeitrag von 15 € inklusive Versand abgegeben.