Niemand will die Folgen von Kindesmissbrauch sehen

Vor acht Jahren wurde der Missbrauchsfall in der Gemeinde Fluterschen im Westerwald bekannt. Ein 48jähriger Mann, der 2011 zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, hatte seine vier Stiefkinder und vier leiblichen Kinder geschändet und misshandelt. Eine Stieftochter vergewaltigte er mit 12 Jahren und führte sie anschließend Männern gegen Geld zu. Den Stiefsohn vergewaltigte er ebenfalls. Als die Stieftochter 16 Jahre alt war, begann er sie zu schwängern. Sie gebar aus den fortgesetzten Vergewaltigungen acht Kinder. Über 20 Jahre terrorisierte er seine Familie und demütigte seine Frau, die allerdings bis zuletzt zu ihm hielt. (Bericht hier)

In Fluterschen munkelte man zwar über den Kindersegen in dem Schandhaus, doch dabei blieb es auch. Mehr wollte man nicht hören und sehen, es könnten ja sonst unangenehme Wahrheiten ans Licht kommen, obwohl die Schändlichkeit des Täters mehr oder minder offen zutage lag.

Ich erwähne diesen Fall vor allem deswegen, weil es von dem Schandhaus, in dem die „Familie“ lebte, ein bezeichnendes Bild gab. Es zeigt das Tathaus und das Nachbarhaus. Das Nachbarhaus ist durch eine hohe weiße Klinkerwand abgetrennt, als wollte man so jeden Blick auf die womöglich erahnten Schändlichkeiten nebenan vereiteln. Diese Mauer symbolisiert gewissermaßen die Scheuklappen, mit denen eine Gesellschaft ihre soziale Kontrolle aufgibt, weil die Wahrheit für sie zu peinigend peinlich ist; weil sie anzusprechen, eben Mut erfordert, und zwar auch den Mut, womöglich einen Nachbarn fälschlicherweise eines Kindesmissbrauchs zu verdächtigen und hierdurch eine „gute“ Nachbarschaft zu gefährden. Dabei müsste eine gute Nachbarschaft gerade eine solche Peinlichkeit ertragen. Doch offensichtlich findet man den Mut nur, wenn für eine kurze Zeit mal alle zur gleichen Zeit ins selbe Horn blasen, wie es derzeit bei #metoo geschieht, und ein jeder noch eine Mutmaßung, einen Verdacht, ein Hörensagen und ein „das habe ich ja schon immer gewusst“ dazugibt, ohne sich etwas über seine eigene Niedertracht zu denken. Denn wenn es wirklich so war, wie hier vorgegeben wird, waren diese Gerechten allesamt durch ihr Schweigen Mittäter. Doch in der Masse mitzulaufen enthebt jeden Mitläufer immerhin jeder Peinlichkeit und Scham. Weiterlesen

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