Maden fürs Gemüt – Notiz zu Beginn der Traumatherapie

Winterbalkon

Vergesse ich es? Habe ich es schon vergessen? Diese Wucht, diese Erschütterung, mein Entsetzen, meine Angst, meine Tränen, meinen Impuls zu fliehen? Offensichtlich nicht, sonst würde ich es hier nicht benennen können, und dennoch meine ich, mich nicht mehr erinnern zu können. Das ist alles schon sehr weit weg, verblasst, – obgleich erst am Vormittag geschehen – und es gibt da einen Zaun drumherum, über den meine forschenden Gedanken nicht hinausdürfen.

Es war, als M. R. mir etwas erklärte, zu meiner Unfähigkeit, den belastenden körperlichen Reizen nachzuspüren. Dabei knüpfte sie eine Kette, skizzierte die Kausalität von einst und meine Konditionierung dazu jetzt. Sie sagte, was ich so klar – auf mich bezogen – noch nie vernahm. Da reagierte das Waidwunde in mir; das verborgene Verletzte. Es war eine Explosion; brach heraus, und ich wollte fliehen, mit ihm fliehen, um es zu beschützen oder wieder zu verbergen. Wer weiß?

Ich erinnere die Worte von M. R. nicht mehr, nur noch „Kindheit, sexuelle Belästigung“. Ich erinnere die Worte nur noch als ein Stakkato, das es nicht war; sehe die graublaue Blase des Schmerzes, wie sie sich zersplitternd ins Gegenwärtige sprengt.

Jetzt ist Erschütterung, Schmerz, Trauer und doch auch ein Quentchen Glück, Glück darüber, dass ich es angehe, auch in dieser Hinsicht zu gesunden. – Alte komplizierte Schwären heilt man mit Maden, die das böse Fleisch wegfressen. Welcherart könnten solche Maden für das Gemüt sein?

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