Probatorische Stunde

bur006

Therapeutensuche ist selten angenehm, weil meist von Disstress begleitet. Probatorische Stunden sind für Klient wie Therapeut eine Herausforderung. Sie bedeuten prüfen und wägen, ob man miteinander arbeiten kann; ob man einander vertrauen mag. Besser eine Beziehung kommt erst gar nicht zustande, als dass man sich nach wenigen Stunden trennt. Manchmal liegen die Hindernisse nicht im persönlichen Miteinander, sondern an schlichten Äußerlichkeiten. Hier mein Bericht von einer probatorischen Stunde in der letzten Woche. Wir konnten nicht miteinander und ich konnte nicht im gebotenen Rahmen.

Der Tag begann mit einer probatorischen Stunde. Die Therapeutin streckt mir ihre Hand in Brusthöhe zur Begrüßung hin. Ich will zugreifen, stoppe und winke lächelnd ab; ich möchte ihre Hand nicht greifen. Ich entschuldige mich zugleich dafür. Sie nimmt meine Abwehr positiv auf; sie sei ebenfalls kein Händeschüttler.

Ich trete ein. Der Therapieraum, die Stundensessel, der prüfende Blick der Therapeutin, verunsichern mich. Durch die großen Fenster fällt das Gegenüber in den Raum. Durch die quadrierten Fensterleisten scheint es, noch näher zu rücken und gleichzeitig fern zu sein. Ein unendlicher Blickfang, um in der Stunde abzugleiten, einen Teil von mir hinauszuschicken und trotz Anwesenheit abwesend zu sein.

Eigentlich lockt mich eine solche Perspektive in einen partiell dissoziativen Zustand, weswegen ich sie zu vermeiden suche und ‑ sofern möglich ‑ einen Blickpunkt wähle, der mir weniger Muster und Linien bietet. Doch dieser Raum bietet mir nur chaotische Blickachsen. Er ist voller Muster und Linien. Buchregal rechts, Fischgrätenparkett unter mir, Gummibaum links, ein grünes Wirrwarr, Fenster gekastelt, und im rechten Blickrand noch eine großflächig gegliederte Fototapete.

Dann der Ledersessel – eigentlich eine verkürzte, dreilehnige Chaiselongue, oder ein Sessel mit überlanger Sitzfläche. Er sieht ausgesessen, patiniert aus. Da haftet schon viel ausgeschwitzte Seelennot an ihm. Miasmentau. Als Verstärkung der Rückenlehne und Verkürzung der Sitzfläche steckt ein dickes, in Kelimstoff eingenähtes Kissen im Sessel. Es ist leicht speckig vom Haartalg einer langen Reihe von Klienten vor mir. Mit spitzen Fingern hebe ich das Kissen heraus und lege es auf eine abgeranzte Analysecouch im Eck, die mir im Gegensatz zum überlangen Sessel seltsam gestutzt erscheint.

Die langen Seitenlehnen des Sessels wirken auf mich wie Lederarme, die mich in ihn zwingen und in ihm festhalten wollen. Der Sessel hat lügenkurze Beine. Die Sitzfläche ist so niedrig, dass man, will man bequem, halbliegend sitzen, in die Knie gehen und damit seinen Leib den Lederfangarmen dieser Sesseltherapievorrichtung anvertrauen muss. Objektbonding.

Den Leib umschlossen, die Seele gefangen, nur eine Öffnung ist gegeben, der Blick auf den gleichen Lehnliegesitzstuhl der Therapeutin. Das Pendant, das die Seelennot aus der meinen Sesseltiefe in sich aufnimmt, um Seelenheil zurückzuspeien. Und dies im Gegenlicht des Fensters, so dass ich erhellt und die Therapeutin verschattet bleibt. Verläuft so ein Gespräch mit der analytischen Dunkelheit?

Ich gehe in die Hocke und setze mich, vorne auf die Kante. Im selben Augenblick erhebe ich mich schon wieder; die Sitzfläche ist noch sitzwarm von der Klientin vor mir. „Haben Sie Zwänge?“, höre ich die Stimme aus dem Hintergrund, ich war zum Fenster gegangen und blicke auf die Straße. „Nein. Nicht so richtig. Manchmal schon. Ja.“ Meine Antwort fällt angesichts des Sesselspiels gegen die Fensterscheibe. Ich drehe mich zu ihr und bitte um eine andere Sitzgelegenheit. Es ist nur noch ein einfacher Bürostuhl im Raum. Sie sitzt auf ihm kurz am Schreibtisch, um meine Versicherungskarte einzulesen. Ich setze mich nach ihr auf ihn und bin erleichtert. Sie bemerkt, dass der Stuhl nun auch Sitzwärme von ihr habe. Ich entgegne, dass sie nur auf der Stuhlkante gesessen sei, und somit ihre Sitzwärme aufgrund des leichten Abstandes durch meine angewinkelten Beine nicht zu spüren sei.

Dass ich jetzt höher sitze als sie, scheint sie nicht zu stören. Der Umstand verschwindet auch für mich im Gespräch. „Kompliziert bin ich eigentlich nicht.“, erkläre ich mich nachträglich. Es wirkt selbstironisch. Ich rede nicht weiter. Später stellt sie fest, dass ich mich durchaus zu behaupten wüsste, wie mein Entree gezeigt habe. Dabei war das weniger Selbstbehauptung als Notwehr. Andernfalls wäre ich gleich geflohen. Gleichzeitig meint sie, dass man mir meine psychische Not, mein Trauma, ansehe. – Nun ja, was sieht man alles, sobald man weiß, wen man vor sich hat. – Jedenfalls hatte ich während des Gesprächs, die leise Furcht im Hinterkopf: Wie soll ich in diesem Mobiliar, in diesen, mich aus mir ziehenden und ins Dissoziative werfenden, Fluchten Therapie machen?

Dementsprechend reaktant und verhalten verlief das Gespräch meinerseits. Wir werden es nicht vorsetzen. Mit zwei Therapeutenempfehlungen verlasse ich die Praxis.

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