Nicht bei Trost

Madonna auf dem Agavenfeld © Hans-Dieter Buchmann / pixelio.de

Madonna auf dem Agavenfeld © Hans-Dieter Buchmann / pixelio.de

Die evangelische Kirche Deutschlands machte nachstehende Bibelzeile zur Losung des Jahres 2016: Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Angesichts der Tatsache, dass sich in der westlichen Welt immer weniger Mütter um immer weniger Kinder sorgen, und dass die Vielzahl dieser wenigen Kinder inzwischen der staatlichen Betreuung unterworfen sind, ist diese Losung an sich schon zynisch. Noch zynischer wird sie, wenn ich daran denke, dass in Deutschland jährlich mehr als 100.000 Kinder abgetrieben werden. Und letztlich verbittert mich diese süßliche Losung als Betroffener von sexueller Gewalt durch die Mutter. Hier wird ein verkitschtes Mutterbild beschworen und Mutterschaft zugleich als eine göttliche Eigenschaft zitiert.

Nein, Mütter sind keine Götter, sondern Menschen, die ebenso böse wie gut und herzlich sein können. Ja, Mütter können ihre Kinder auch lieben, ohne sie sexuell zu begehren. Ja, das ist sogar überwiegend der Fall, aber Mütter sind ebenso selbstsüchtig wie die meisten Menschen und ihre Mutterliebe ist aus dieser Perspektive heraus häufig nur ein Instrument für narzisstische Wertschätzung und selbstbezogene Forderungen nach Vergünstigungen im Leben durch Familie und Staat. Mutterliebe wäre demnach ebensowenig Selbstzweck wie Gottesliebe, die letztlich nur demjenigen gilt, der ihn mit dem rechten Opfer verehrt, wie uns das die Geschichte von Kain, dem Bauern, und Abel, dem Schäfer, zeigte.

Als die Mutter starb, rief mich mein Bruder an, um zu erkunden, ob ich zur Beerdigung käme. Ich verneinte: Nein, ganz gewiss nicht! Er fragte weiter, ob ich denn etwas gutes über sie sagen könne? Nein, da gäbe es nichts, was mir einfiele. Auch er besaß keine gute Erinnerung an sie. Da war für ihn nur Intrige, Schmach und Verachtung. Und ich kenne eine ganze Reihe Menschen, in deren Leben ihre Mutter eine derart üble Rolle spielte, dass sie auf Lebzeiten in ihrem Gemüt deformiert waren. Allein im kleinen Kreis der Suchtselbsthilfegruppen, kenne ich mehr als eine Handvoll Freunde, die von ihren Müttern sexuell missbraucht worden sind. Ebenso kenne ich etliche Väter, denen die Kinder durch die Mütter in bösartiger Weise vorenthalten werden und die bei der Trennung falsch beschuldigt wurden, ihre Kinder sexuell missbraucht zu haben. Diese Infamie ist pure Müttergewalt, und in diesem Klima von Hass und Lüge erziehen diese Mütter ihre Kinder. Da ist nichts von Mutterliebe! – Ich selbst habe die Kindsentziehung mit meinem Enkelkind erlebt. Die Mutter hat es dem Vater und uns, den Großeltern, entzogen. Das Kind ist mittlerweile erwachsen. Es hat bislang keinen Kontakt zu uns aufgenommen, obwohl wir bis zu seiner Volljährigkeit versuchten, wenigstens zu den Jahrestagen mit ihm Kontakt zu knüpfen. – Wer weiß, was für ein verstörendes Bild das Kind von ihrer Mutter über seinen Vater und seine Großeltern mitbekam.

Deshalb empfinde ich die kitschige Losung der evangelischen Kirche für das Jahr 2016 als verlogen und bewusst täuschend. Muttertrost ist weit häufiger eine leere Phrase, als wir uns das vorstellen wollen. Und solange das Thema Müttergewalt in unserer Gesellschaft absolut tabuisiert wird, wird sich unter dem Deckmantel des Schweigens die Gewalt von Müttern gegen ihre Kinder fortsetzen. Erst wenn das süßliche Mutterbild aufgegeben und die Madonna aus ihrem Rosenkranz gestoßen wird, geben wir auch unseren Kindern eine weitere Chance, heil und ohne größere seelische Verletzung heranzuwachsen. – Doch leider ist der Muttermythos, der die Mutterlüge nährt, stärker.

Warum das so ist, darüber kann man tiefenpsychologisch wohlfeil spekulieren. Jedenfalls scheint es in einer von Grund auf verlogenen Gesellschaft, wie es unser menschliches Zusammensein allüberall ist, notwendig zu sein, derlei Mythen zu pflegen, weil wir andernfalls unser Zusammensein ebenso grundlegend anders gestalten müssten.

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6 Gedanken zu “Nicht bei Trost

  1. Kann ich einerseits gut nachvollziehen. Auch für mich ist das Bild eines mütterlichen Gottes eher wenig tröstlich. Allerdings haben religiöse Bilder immer eine Ambivalenz in sich, das gilt genauso für Gott als Vater (viele haben keinen guten Vater), oder als Hirte (Hirten schlachten Schafe auch). Für mich ist bei Texten wie diesem die Frage, was eigentlich ursprünglich gemeint war. Entstanden ist er in einer patriarchalen Gesellschaft, in der man sich Gott männlich, als König, als Richter, als strafenden Gott vorstellte. Für die damalige Zeit war das Bild von Gott als tröstender Mutter revolutionär. Das lese ich mit, auch wenn ich mit dem Bild an sich selber nicht wahnsinnig viel anfangen kann.

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  2. Wäre die Bibel neben dem Neuen Testament nicht zur Basis des Christentums geworden, wäre ihre Erzählung nur ein Epos, wie wir ihn von anderen Kosmogonien her kennen. Diese waren zudem mit ihrer Antipode von männlicher und weiblicher Gottheit, wie Shiva und Shakti, breiter aufgestellt. Dagegen aber musste der biblische Demiurg beide Rollen in sich vereinen, also bediente er sich auch des archaischen Mutterbildes. Revolutionär war es nur aus dieser Notwendigkeit heraus, und wurde deshalb in dieser Weise auch damals nicht so wahrgenommen.

    Aber es ist auch, wenn wir dieses Bild auf unsere heutige Zeit übertragen, nichts revolutionäres an ihm. Feministen würden gar meinen, dass es sich um ein reaktionäres Frauenbild handele, das die evangelische Kirche mit dieser Losung kolportiere. Obgleich ebensolche Feministen mit der nächsten Wendung auch meinen, dass nur weibliche Mutterschaft wahre Fürsorge und Trost darstellt. Da dreht sich also die evangelische Kirche mal wieder wie ein Ouroboros. – Was ich dazu meine, habe ich ja mit meiner ambivalenten Beurteilung gebloggt.

    Trost ist tröstend, egal wer mich tröstet, und ich fand in meinem Leben durch viele Menschen Trost. In diesem Sinne, wenn ich den Trost als Liebeshandlung verstehe, war es stets auch ein himmlischer Trost, der mir dabei auch zuteilwurde – und dementsprechend empfand ich ihn auch meist.

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  3. Ich hatte eine tolle Mutter und eine tolle Großmutter und ich denke das sollte man jeden Kind wünschen wie einen tollen Vater und tollen Großvater.
    So meint das auch die Bibel …

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  4. Ein sehr schweres, gehaltvolles Thema, an welchem ich nicht wortlos vorbei gehen mag.

    Auch bei mir waren Frauen Täterinnen – aus eigenem Antrieb, animiert von einem Mann oder auch durch Wegsehen.
    Ich litt sehr unter ihnen und wollte niemals werden wie sie.

    Dennoch konnte ich nicht verhindern, selbst Täterin zu werden.
    Weil ich es nicht schaffte, meine Tochter vor ihrem Vater zu beschützen.
    Nicht vor einem anderen Typen, den ich selbst nach Hause brachte und dessen wahre Intention ich nicht erkennen konnte.
    Auch nicht davor, einst in meiner Abwesenheit von ihrem Kumpel vergewaltigt zu werden.

    Ich will mich nicht frei reden von Verantwortung.
    Aber ich (an-)erkenne, dass die mir zugefügte Gewalt es mir unmöglich gemacht hatte, bereits in jungen Jahren sehen zu können. Ich war blind gemacht worden und hilflos. Wehrlos und nicht verteidigungsfähig.
    So war auch ich in diesen Jahren gewiß nicht jene Mutter, die ich gerne gewesen wäre.
    Und es tut mir unendlich Leid.

    Vielleicht wäre es eine große Chance für Mütter (und auch Väter), wenn man ihnen dieses Göttliche nähme.
    Dann dürften sie einfach Menschen sein, schwach, verwundet und unwissend.
    Und als Menschen zugeben, Dinge nicht zu wissen und Fehler zu machen.
    Sie könnten es laut sagen.
    Und sie könnten Hilfe suchen.
    Ohne Anklage und Vorwürfe.
    Und sie könnten gut werden, liebevoll und seelisch heil.
    Dies unterscheidet für mich am Ende die Täter von den Opfern.
    Der Wille zu lernen und zu heilen. Und um Vergebung bitten zu können. Ehrlichen, offenen Herzens.

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    • Hallo Luise Kakadu,
      Ihre Betrachtung spricht mich an und aus meinem Herzen. Auch ich kenne das Gefühl, durch Unterlassung womöglich Mittäter geworden zu sein. Täterin ist mir hier ein zu starkes Wort. Denn Täter ist der, der misshandelt und missbraucht. Ich hatte das Gefühl in Zusammenhang mit meiner Schwester, wo ich nicht einschritt, als mir schwante, dass der Vater sie missbraucht. Ich fühlte mich hierfür lange Zeit mitschuldig und als Versager, da ich nicht den Mumm hatte, die Sache anzusprechen. Allerdings war ich damals erst 17 Jahre alt.

      Zudem erging es mir wie Ihnen, durch vorangegangen Missbrauch und Misshandlung war ich gar nicht mehr in der Lage, mich zu wehren und hatte durch die Verwahrlosung in der Familie keinen gesunden moralischen Maßstab, um die wahrgenommene Missbrauchshandlung überhaupt als solche zu erfassen. Es war eine schleichende Konditionierung durch die Täter, die hierbei erfolgte. So habe ich erst 50 Jahre später im Rahmen meiner Therapien erfasst, dass der Vater meine Schwester vor aller Augen bereits Jahre zuvor zu missbrauchen begann, wenn er sie auf seinen Schoß genommen hatte und seine haarige Hand in ihren Schritt legte, als müsste er das Mädchen daran hindern, ihm vom Schoß zu rutschen.

      Später als mein Sohn zur Welt kam, war ich noch sieben Jahre auf Droge und hierdurch allein schon kein guter Vater. Als ich clean wurde, war ich für meinen Sohn ebenfalls, bedingt durch meinen Persönlichkeitswechsel, sicher manchmal eine Last. Besonders schmerzt mich heute noch, dass ich ihn, wenn auch nur wenige Male, im Jähzorn schlug. Aber, und da komme ich zu ihren letzten Worten, ich habe mich gleich danach bei ihm entschuldigt und ihm ohne wenn und aber gesagt, dass ich falsch und böse gehandelt hatte. Heute frage ich mich manchmal, ob ich ihn dabei nicht überfordert oder parentisiert habe. Meine Therapeuten meinen nein. Jedenfalls hängt mir das immer noch nach und ich fühle mich gelegentlich schuldig.

      LG Lotosritter

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      • Ja, das kann ich gut nachfühlen.
        Es ist für mich der wirklich allergrößte und durch nichts zu überragende Schatz und Reichtum, dass ich heute mit meiner Tochter all dies heilen kann.
        Dass sie mir vergibt und ehrlichen Herzens sagt, dass ich die beste Mama auf der Welt bin.

        Ich denke, Kinder sind in der Lage ALLES zu vergeben. Wenn sie fühlen, dass man es ehrlich meint. Und dass man nur ein Mensch war, der es nicht besser wußte.
        Wenn sie die Liebe fühlen – zumindest dann später.

        Ich freue mich sehr, Antwort erhalten zu haben.
        Im Verlauf des Weiterlesens in ihrem Blog hatte ich ein bißchen befürchtet, ich könnte evtl. triggern. Alleine durch jenes, wie ich früher war.
        Ich bin froh, dass dem wohl nicht so ist.
        Ich wünsche Ihnen weiterhin einen guten, heilsamen Weg.
        Liebe Grüße, Luise

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