Auf der Flucht

Fluchtweg

Vor exakt zwei Jahren hielt ich in meinem Therapietagebuch nachstehende Betrachtung fest. In ihr skizzierte ich, wie man selbst die Therapie nutzen kann, um dem einen innewohnenden traumatischen Schrecken zu entfliehen. Es ist ein automatisiertes Fluchtverhalten, das hier aufgedeckt wurde. Fliehen, davoneilen wo man nur kann, war über Jahrzehnte das grundlegende Coping meiner posttraumatischen Verdrängung. Warum also soll sich mein eingeübter Fluchtimpuls in der Therapiesituation leichthin verändern?

Derzeit ist die Flucht eher ein Zerreden in der Therapie, indem ich mit immer neuen Details und Fragen der Konfrontation mit meinem Trauma ausweiche. Allerdings habe ich in der Therapeutin eine aufmerksame Begleiterin, die mich stets wieder einfängt oder aufhält. Gleichermaßen reflektiere ich mich auch längst soweit, dass ich mich selbst auszubremsen vermag, sobald ich mal wieder geschickt davoneile. Gleichwohl bedarf es beständiger Erdung, dem Disstress in der Therapiesituation nicht auch dissoziierend zu entfliehen. Hier ist besonders die Aufmerksamkeit der Therapeutin gefragt, da ich selbst oft nicht merke, dass ich bereits dissoziiere.

Es ist gut, dass wir nach einem Monat Pause fortfahren. Anfänglich war mir bang, wie ich wieder in die therapeutische Situation zurückfände. Zu fern erschien mir mit einem Male, was in diesem Zimmer besprochen wurde. Eine gemusterte Kleenexpackung fängt meinen Blick und mit ihm einen Teil meiner Person, sie folgt dem Muster und lässt den Berichterstatter frei. Also berichte ich von meiner Traurigkeit als der anhaltenden Hintergrundstimmung in mir und von den intrusiven ineinander verketteten Szenen, die sich über längere Zeit abwechseln und mir das Gefühl vermitteln, als sei ich in einer Konserve eingeschlossen. M.R. meint, es ähnele einem Grübeln, bei dem eine Schlechtigkeit die andere ablöse. Einerseits sei es zwar Beschäftigung mit meiner Geschichte, andererseits sei es aber auch eine spezielle Form der Flucht, indem kein Gedankenbild wirklich zu Ende gedacht, sondern immer wieder von einem anderen Schreckensszenario abgelöst werde. Es sei auch auffällig gewesen, wie bei den vergangenen Traumaexpositionen gewissermaßen mit der Annäherung an die schlimmsten Momente jedes Mal eine heftige Intrusion aus einem gänzlich anderen Szenario aufflammte, um den fokussierten Schrecken zu konterkarieren.

Es ist eine wichtige und präzise Beobachtung. Sie lässt mich wieder einmal das Ausmaß meiner seelischen Verletzung erahnen, und bringt mich gleichzeitig zum Staunen, wie raffiniert verschiedene Anteile in meiner Seele wirken, um weiterhin in gewohnter Manier den Schrecklichkeiten auszuweichen. Ich frage mich, ob überhaupt jemals eine abschließende Bewältigung des Geschehens möglich sein wird. Wahrscheinlich Ja und Nein. Es wird, denke ich, eine Wandlung geben, die mein Leiden daran verringert und in manchen Punkten gar aufhebt. Ein wesentlicher Punkt zur Wandlung ist, dass ich meine Geschichte nicht mehr verdrängt oder mit großer Distanz in mir trage, sondern sie mit Wut und Trauer hebe. Sie gerät ins Licht und dort in ganz anderer Weise vor meine Augen als in meinen Albträumen. Womöglich werde ich die Bilder irgendwann auch bis zu ihrem Ende betrachten, so dass sie ihre Macht verlieren. Ein Wunsch wie ein Wissen. Gleichwohl immer noch ein Vorantasten, mit schönen Worten im Diffusen den Schmelz bereiten, der die Seele für den Augenblick tröstet. Selbstbeschwörung … warum nicht?

Jedenfalls ist mein Leiden kein Konflikt, gestiftet vom Unwillen am Gegebenen. Nein, es ist der verschlossene Schmerz, der nunmehr mit den Bildern der Schändlichkeiten ans Licht gerät. Die Tränen müssen geweint werden, damit sie trocknen können. Stoizismus oder „meditative“ Gleichgültigkeit wären nur eine Lüge, eine Lüge, die Wut und Trauer ob eines religiösen Schemas verbietet und die Seele in anderer Weise knebelt. Nein, ich habe meine verletzte Seele lange genug an die Dunkelheit gebunden … 

 

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