Weiblicher Exhibitionismus macht mir Angst

Feigen © Heike / pixelio.de

Feigen © Heike / pixelio.de

Vor zwei Jahren schrieb ich in meinem Therapietagebuch nachstehenden Text. Er gewinnt durch eine dumme Kampagne, die männlichen Exhibitionismus als behauptete allgegenwärtige männliche Belästigung anprangern möchte, Aktualität. Dass es sich hingegen bei den wenigen Fällen männlichen Exhibitionismus um eine psychische Störung handelt, haben die Initiatoren der Kampagne gänzlich übersehen. In seinem Blog hat Stefanolix diesen Gesichtspunkt ausführlich gewürdigt.

Im folgenden Text reflektiere ich anhand einer Begebenheit und einer Therapiestunde, wie es mir, als von der Mutter und einer weiteren Familienangehörigen sexuell Missbrauchten, mit dem alltäglichen weiblichen Drang, sich zu exhibitionieren, ergeht.

Schwimmen am Abend im Starnberger See. Es ist gut. Eine Stunde im frischen klaren Wasser. Auf der Rückfahrt fläzt Elfriede in der S-Bahn mir gegenüber und rückt dabei immer weiter vor. Ihre Knie berühren fast die meinen. Es wird mir eng und ungemütlich. Dann fängt sie an, in Altweibermanier mit ihrem Rock zu wedeln, zieht ihn weit übers Knie hoch, um sich den Zwickel zu kühlen. Ich fühle mich belästigt. Es geht mir schlecht, ich möchte fliehen und kann nichts sagen. Ich sollte es, doch ich kann es nicht, kann es aus mir heraus nicht, darf es nicht sagen; schiebe stattdessen vor, ich täte es nicht, um ihre Depression nicht zu verstärken. Sie ist mal wieder da, die Inszenierung von „Das Kaninchen vor der Schlange“, und es ist ein übles Spiel.

Am Samstag spreche ich in der Gruppe darüber. Während meiner Rede sehe ich die Tiefe der Verletzung, die dahinter wirkt, und bin ein weiteres Mal irritiert. Es muss monströs gewesen sein, was mir geschehen ist. Ich stehe neben mir, sehe die Verletzung und kann sie nicht erfassen, als wäre es ein Geschehen, das einem anderen widerfahren war. Denn wäre es in mir, müsste ich wohl meinen Kopf solange gegen die Wand schlagen, bis die Erinnerung daran ausblutet.

Ich kann mich bis zur Unkenntlichkeit verleugnen, kann Arges gegen meinen Willen behandeln, doch der therapeutische Nutzen bleibt Null. Denn die Wanderung über die Grate des Wahnsinns hat mich nicht von seinen abgrundtiefen Schründen befreit. Sie gähnen mich an, so wie mich Elfriedes Verhalten kalt behauchte.

Und wieder schreie ich kläglich in der Nacht, suche Auswege aus dem Labyrinth meiner Albträumen. Eine Nacht, die nächste Nacht, die übernächste bleibt erinnerungslos, doch der Schrecken war sicher wieder wach, die heutige, die morgige, das Grauen träumt mich, atmet in mir. Morgen habe ich endlich wieder eine Stunde bei S.B., nur das ins Auge gefasste Thema: Mutterkuchen, Mutterficker, Mutterschande, Schänderin und Schänderinnen, ermuntert mich nicht.

Und es ist Nacht geworden und ich flüstere im Schlaf „Bitte nicht wehtun!“ Ruth weckt mich und fragt, was ich träume, und ich antworte: „Ich spiele mit ihr, doch es war schon etwas komisch“, dann schlafe ich wieder. Nach dem Aufwachen weiß ich nichts mehr davon, habe auch den Traum nicht mehr in Erinnerung, nur das Gefühl, mal wieder Schreckliches geträumt zu haben.

Am Abend schwimme ich im Steinsee. Liege auf dem Wasser und blicke in den Himmel, sehe den Schwalben zu. Und da kreuzen Rauchschwalben mein Sichtfeld, die sind die Mutter, und ich beschimpfe sie mit affektiven Lauten. Dann verschwindet die Mutter wieder aus ihrer dunklen Silhouette, und ich drehe mich auf den Bauch und schwimme weiter. Selbst mitten im See, entspannt im Hier und Jetzt, springt mich die Schänderin an, triggert mich, wo sie will, in jedem Bild in jedem Ton.

Zurück zur Stunde bei S.B. Erst erzählte ich von der fläzenden und rockwedelnden Elfriede, erzähle von meiner Hilflosigkeit, ihr Einhalt zu gebieten; also steigen wir in das Thema tiefer ein.

Dazu die Frage, die mir seinerzeit auch M.R. schon gestellt hatte: wie es sich für mich im Freibad auswirkt, wo die Frauen noch spärlicher bekleidet sind. Wobei der Unterschied ja funktional bedingt ist, im Bad bewegt man sich in Schwimmkleidung. Nur warum will man sich in der Stadt in Strandkleidung bewegen?

Später wurde mir noch ein weiterer Punkt deutlich, warum mich diese aufdringliche Freizügigkeit verletzt. Es ist die Intimität, mit der ich konfrontiert werde. Die makellose wie die missförmige Entblößung verletzt die Intimsphäre beider, des Betrachters wie des Entblößten, sie ist in jeder Hinsicht die Basis von Beschämung und Peinlichkeit.

Wohl wieder ein gelungener Versuch, innere Aversion zu externalisieren. Ganz im Sinne der Moralisten. Doch der moralische Aspekt spielt für mich dabei kaum eine Rolle. Ich bin für mich selbst moralisch, nicht für andere, ja ich goutiere gar moralischen Verfall als anarchisches Element gegen soziale Zwangsmoral. Wobei ich mir hier in Praxis wie Weltsicht dann auch wieder selbst widerspreche.

Der andere nicht gelungene, sondern von S.B. gerügte Versuch, meine Aversion zu ergründen, war meine Argumentation, auf die Frage, warum ich keinen Gefallen an dem Anblick freizügiger Weiblichkeit habe. Ich begründete es, mit der Hässlichkeit der Kleidung, dass das, was Short genannt wird, meist nur ein unförmiger Lumpen sei. Mir war der Umkehrschluss sofort bewusst, weshalb ich das Argument mit Hinweis auf die Nuttenmaskera andererseits retten wollte. S.B. bremste mich aus, indem sie mir aufzeigte, wie ich der eigentlichen Frage davoneilte. Diese war: Wo mein männliches Empfinden dabei blieb? Schließlich sei es ein gottgewollter natürlicher Impuls, als Heterosexueller auf die Reize des anderen Geschlechts zu reagieren. Meine Reaktion aus Furcht, Abscheu und Widerwillen aber sei demnach widernatürlich und käme einer Kastration gleich. Eine harsche Behauptung, die so gesehen jedoch nicht von der Hand zu weisen ist. Jedenfalls liefen ihre Versuche, mir das Eingeständnis unterdrückter Lüsternheit abzutrotzen, ins Leere. Ich fand da nichts, was mich reizte, sondern erinnerte nur Furcht vor Belästigung und sexueller Forderung.

Was ich konkret befürchtete? Ich müsste mich doch simpler männlicher Affekte nicht schämen. Doch die simplen Affekte, die auftreten, sind Fluchtinstinkte beziehungsweise Furcht vor Angststarre, vor submissiver Hilflosigkeit. Die Scheu, wieder Objekt zu werden. Ja, ich möchte von möglichen männlichen Affekten gar nicht erst angesprochen werden, solange ich nicht Herr des Geschehens bin. Ich möchte nicht durch ungebetene Reize gereizt werden. Ja, in der Weise verhalte ich mich beinahe wie eine ultrakonservative, staubtrockene Hardcore-Feministin oder ein Religionswächter aus Mekka. Alles, was reizen könnte, ist bäh …

S.B. dreht dennoch weiter an der Schraube. Unterdrücke ich womöglich meine Affekte, um die Eifersucht meiner Frau nicht zu reizen. Nein, das geht durch mich durch, das ist zu konstruiert. Ja, eher würde ich mich dann reaktant verhalten. Und überhaupt, diese Form blindwütiger Eifersucht hat Ruth längst überwunden. Längst können wir offen über die Attraktivität anderer Menschen sprechen. Es wäre ja zu lächerlich, wenn nicht.

Eine andere Überlegung rückte noch in den Fokus, die Attraktivität der Weiblichkeit vordem ich Ruth kennenlernte. Ja, geschmäcklerisch war ich damals auch schon. Abgesehen von G., die mich missbrauchende Schwägerin, die mich meistens anwiderte, der ihr Pupperl ich aus guter häuslicher und mütterlicher Konditionierung dennoch war. Der ich gleichwohl anhing, da sie Gelegenheit war, Triebe zu befriedigen, auch wenn mir danach stets flau war und wahre Befriedigung ausblieb. Erfickter Triebabbau ist nun mal keine echte Befriedigung, sondern schal.

Es ist wohl der Widerwille, zum Objekt zu werden, der mich stresst. Die manchmal erlebte rotzige Reaktion von Frauen, sobald ich auf ihre Avancen nicht einging … Obgleich, das steht da nicht im Vordergrund. Nein, eher so: zweifelhaft sexuell konnotierte Kleidung und Entblößung triggern mich, weil ich wohl damit Übergriffigkeit verbinde. Sie sind für mich nicht reizvoll, sondern beängstigend. Da reagiere ich wohl kastriert. Andererseits bin ich durchaus nicht nichtreizbar. Attraktivität spricht mich an. Dirndl zum Beispiel können mich nicht triggern, selbst wenn die Balkonette vulgär überladen ist, fehlt der üble Reiz, vielmehr empfinde ich solche Ausstellung dann als lächerlich. Als ich vor zwei Jahren beim MDK vorgeladen war, war Wiesnzeit und die Empfangsdame war eher eine nuttige Erscheinung in einem Glitzerdirndl. Ich empfand sie als lästig, lächerlich kostümiert, aber nicht bedrängend.

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2 Gedanken zu “Weiblicher Exhibitionismus macht mir Angst

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