Probatorische Stunde III

© Dieter Schütz / pixelio.de

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Wenn man als Patient bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) anruft und nach männlichen analytischen Psychotherapeuten, die auch Traumabehandlungen durchführen, fragt, kann man eigentlich davon ausgehen, dass man einen Therapeuten mit entsprechend absolvierter Traumaausbildung genannt bekommt. Ich bekam bei meinem Anruf drei Therapeuten, die Traumtherapie machen, genannt. Allerdings war meine Annahme, dass ein Therapeut der Traumabehandlungen durchführt und einen freien Behandlungsplatz bei der KVB meldet, auch über eine traumaspezifische Ausbildung verfügt, irrig. So absolvierte ich zwei probatorische Stunden, ehe ich die Frage nach der Zusatzausbildung stellte. Er hatte keine! – Das kommt davon, wenn man nicht genau genug fragt. Und es hätte – wer weiß – weit schlimmer für mich kommen können, wenn ich nach der zweiten probatorischen Stunde nicht doch noch nachdenklich geworden wäre. – Nachstehend mein Erfahrungsbericht.

29. Januar: Recht früh eine erneute probatorische Stunde, diesmal ein männlicher Therapeut. Seine Praxisräume sprechen mich nicht an. Sie riechen ein wenig säuerlich. Die Bilder im langen Gang und Therapieraum: Drucke von Impressionisten. Der Therapieraum schmal und karg, und penibel aufgeräumt. Der Therapeut ein schmächtiger Mann, etwa in meinem Alter, weißes Haar, Halbglatze, grünalternativ leger gekleidet. Ich mag den Raum nicht, ich mag den Therapeuten nicht, der sich ebenso karg gibt wie der Raum und seine blasse Kleidung. Ich mag weder den Geruch im Raum; noch mag ich in ihm das düstere Licht des vergrauten Tages; noch mag ich das Parket, ebensowenig die Therapiecouch für Kleinwüchsige oder einen von den drei möglichen Stühlen im Raum. Ich mag weder den Nachtspeicherofen neben der Türe, noch die Balkontüre in meinem Rücken zum Hinterhof, mit der durch verknotete Schnüre gegen die Tauben verriegelten Balkonfläche. Ich mag nichts hier, es ist mir zu früh am Tag, zu trist, und ich möchte fliehen. Der Therapeut spricht dialektfrei, und auch seine Tonlage mag ich nicht.

Ich gebe ihm meine Auflistung des Schreckens. Er fragt mich, ob er das lesen soll. Ich bejahe und erkläre dazu, dass es mir leichter fiele, als wenn ich meine Geschichte jetzt skizzierte, und es für das Verständnis meines Anliegens für beide Teile angenehmer wäre, es jetzt zu lesen. Er beginnt zu lesen, stoppt und fragt mich das gleiche, was mich die Therapeutin Anfang der Woche fragte: „Wer hat diesen Text geschrieben?“, als würden sie einem Klienten nicht zutrauen, neben seiner familiären Konstellation eine chronologische Auflistung seiner Geschichte zu verfassen.

Er stellt Fragen zum Text, die ich mit ja oder nein beantworten kann. So rücke ich allmählich von meiner reaktanten Abwehrhaltung ab. Ich schnuppere von dem Parfum an meinem Handgelenk. Er liest die Auflistung aufmerksam. Stellt präzise Fragen dazu und bemerkt, wie komplex und gewaltig das Geschehen gewesen war. Manche Frage ist zu präzise, so dass ich die Antwort verweigere, da ich spüre, wie ich zu dissoziieren beginne. Dann, er ist mit der Liste noch nicht fertig, neigt sich die Stunde dem Ende zu, und er skizziert kurz sein Therapiekonzept. In der Arbeit mit mir ginge es um meine innere Befindlichkeit, die innere Sicht der Ereignisse, und dabei vor allem um das, was mir fehle. Es gilt also, das zu erforschen, was mir nicht gegeben wurde, was mir nicht ermöglicht wurde, in mir wachsen und sich entwickeln zu lassen. Ein vernünftiger Ansatz, denke ich. Und da wir zu keinem Ende gekommen sind, vereinbare ich mit ihm eine weitere probatorische Stunde.

Als ich gehe, ist meine Ablehnung geschmolzen, sind meine Vorurteile widerlegt. Trotzdem riecht der Raum säuerlich, trotzdem werde ich mich nie auf eine Couch in einem Therapieraum legen. Beim nächsten Besuch, werde ich mir ein Duftkästchen mit Amberharz mitnehmen.

10. Februar: Am Aschermittwoch läute ich beim Hänfling zur probatorischen Stunde. Es öffnet niemand. Ich klingele wieder. Nichts. Ich gehe ums Haus, komme zurück, schelle erneut. Schimpfe still mit ihm. Nachdem nicht geöffnet wird, wähne ich mich vergessen. Nein, ich habe eine noch bessere Idee: Er liegt tot in seiner Praxis, im säuerlichen Dampf. Ich bin erleichtert, ich muss nie wieder dorthin. Die Angst vor der Stunde verblasst. Ja, er liegt drei Stock höher tot auf seiner Analytikercouch. Ich komme heim und schaue auf den Streifenkalender. Der Termin steht in der Mitte des lila gefärbten Wochenblocks, das ist ein Donnerstag. Seit 1975, in diesem Jahr wurde die DIN 1355 geändert, ist der Donnerstag und nicht mehr der Mittwoch die Wochenmitte. Und ich sah nur den Eintrag in der Wochenmitte und meinte den Mittwoch. – Interessant wie verschüttete Gewohnheiten urplötzlich wieder durchbrechen, vor allem in Stressituationen. Es ist wie bei der PTBS, da spült es Erinnerungen nach oben, an die man sich eigentlich gar nicht mehr erinnern könnte, selbst wenn man wollte.

12. Februar: Nein, er ist gar kein Hänfling. Als ich gestern den immer noch lebendigen Therapeuten wiedersah, sah ich ihn anders. Zu Beginn fragte er mich, wie es mir nach der letzten Stunde ergangen war. Ich wusste es nicht, konnte mich nicht wirklich daran erinnern, war heilfroh dass ich draußen war, sehe mich irgendwie auf der Straße zur U-Bahn gehen, doch das hat mit mir schon gar nichts mehr zu tun. Wahrscheinlich war ich dissoziiert. Ganz gewiss, denn während der Stunde gab ich mir Mühe, wenig Gefühle zu zeigen, denn mir war elend und zum weinen. Also achtete ich diesmal auf meine Gefühle, nachdem ich die Stunde verließ: Ich war traurig; wahrscheinlich ebenso traurig wie vor einer Woche.

Diesmal befragte ich ihn ein wenig, und er befragte mich, so erkundeten wir uns gegenseitig. Ich hatte mein Amberkästchen dabei. Als er danach fragte, was ich da in der Hand hielt, zeigte ich es ihm, ließ ihn daran schnuppern, und sagte ihm, dass es bei ihm das letzte Mal etwas säuerlich gerochen habe. Er meinte, dann hätte er wohl zu kurz gelüftet. Jedenfalls roch es diesmal nicht, als ich bei ihm den Gang hinunterging. Erst später gegen Ende der Therapie, stiegen Kohldämpfe aus einem Stockwerk unter uns auf. Und während ich dies schreibe rieche ich den angewärmten Kohl.

Nein, er wird mir nicht böse sein, wenn ich mich nicht auf seine Couch lege. Er würde das auch gar nicht wollen, denn er halte das für mich kontraindiziert. Er weiß, ich würde mich mit meiner Geschichte in seinem Beisein gar nicht entspannen können. – Kluger Mann, die Analytikerin mit den Greifarmensesseln, wollte mich dagegen gar zum traumasensiblen Yoga schicken. Schrecklich die Vorstellung – frei nach dem Motto der Grünen: Jeder Mann ist ein potentieller Vergewaltiger -, in einem Saal potentieller Vergewaltigerinnen entspannt auf der Matte zu liegen, da verkrampfe ich schon beim tippen. (Übrigens interessant, dass mein Rechtschreibprogramm das Wort „Vergewaltigerinnen“ für einen Rechtschreibfehler hält; noch verrückter dann die Vorschläge für die richtige Schreibweise.)

Ich habe das Gefühl, er versteht manches nicht, was ich sage, einmal sagt er, als ich die Metapher gebrauche, der Vater sei eine düstere bedrohliche Wolke gewesen, dass das sehr bildhaft sei. Finde ich nicht, und erkläre ihm darum mein Empfinden noch ein wenig konkreter, indem ich sage, er sei wie ein alter Bovist gewesen. Daraufhin kann er mit dem Bovist nichts anfangen. Ich erkläre ihm den Kartoffelpilz, erst ein weißes Kügelchen, schmackhaft im Essen, später ein dunkelbrauner Staubbeutel. Jetzt versteht er, was ich meine, und hat zugleich das Wort Bovist gelernt.

Vorher meinte er, als Antwort auf meinen Wunsch, komplett zu werden: die Menschen würden stets dazulernen. Ich musste spontan lachen. Mit dem Ernst, mit dem er es sagte, war diese Feststellung für mich besonders lachhaft. Jedenfalls wies ich nach außen und meinte, die Menschheit lerne doch erkennbar nichts dazu. Er wollte seine Aussage noch differenzieren, doch lenkte er schnell wieder auf unsere Sitzung hin: das sei nun nicht unser Thema; ich stimmte ihm zu.

Um zu erläutern was ich mit komplett meine, beschreibe ich ihm mein Selbstempfinden, der Zwischenraum vieler Räume zu sein, gewissermaßen die Diele, in der die Räume miteinander kommunizieren oder schweigen, je nachdem welche Tür offen oder geschlossen ist. Womit ich mich ihm als ein Bedarfs-Ego oder von Fall-zu-Fall-Ego andeute. Er kann auch mit diesem Bild nicht viel anfangen.

Also erkläre ich ihm, wie sich diese Ego-Fragilität im Außen als eine Art dependenter Persönlichkeitssstörung darstellt, was ich inzwischen, dank der Therapien, als eine Form von Nachinszenierung erkenne. Auch mit diesen Begriffen scheint er nichts konkretes zu verbinden. Ich wähle als erläuterndes Beispiel das Chamäleon, um ihn auf meine Spur zu setzen, und dass ich diese Fragmentierung auch mit der Therapie überwinden will, dass ich komplett werden möchte. Er meint schließlich dazu, dass es immer einen festen Kern gebe, der Überlebenswille und Gerechtigkeitssinn berge. Also die Idee vom guten Seelenfunken. Es reizt mich, darauf zu antworten, ich schwanke, schweige, blicke in mich, in die Leere und tiefer in den Raum der zerrissenen Seele, in dem der Bezugspunkt all der erlittenen Schrecklichkeiten zertrümmert liegt, in dem meine Seele fragil und schwer verletzt weilt. Es ist ein zartblau-weiß beleuchteter Raum, in dem der Schleier Meins weht, wie der Tintentropfen im Wasserglas zu Beginn der Therapiestunden bei M.R. und S.B. – ich habe das Ritual noch keinem anderen anvertraut. So sieht sich Meins und schickt mir Angst und fleht mich an, zu schweigen. Für einen Moment möchte ich ihn einweihen, nur um verstanden, um erkannt zu werden, doch dann spüre ich, das darfst du nicht, du darfst dich nicht so entblößen, es wäre ein Verrat an Meins. Ich bin den Tränen nahe, und führe den Schweigefinger vor den Mund und flüstere: nein, ich will nicht darüber sprechen. Damit ist Meins sicher, der Raum hinter der Leere tief in mir schließt sich. Meins bleibt geborgen und verborgen. Nicht hier, nein! Hier wird es sich nicht zeigen, mag er auch von festen, heilen Kernen sprechen – dieserart Kerne sind taube Nüsse in mir, für jeden zu knacken, der einen Teil meiner Person haben möchte. Aus der leeren Schale staubt genau das Bild, das er in mir sehen will. Ich bin so frei, ich bin Euer hochwohlgeborenen Einbildung gern zu Diensten. Euer durchlauchter Diener Eurer Selbstherrlichkeit. So bleibe ich sicher in mir, bleibt Meins verschont und unbetatscht …

Ich frage ihn, ob er über eine Traumausbildung verfüge. Nein, habe er nicht, brauche er auch nicht; schließlich sei so gut wie jede Seele, die sich seiner Analyse anvertraut habe, traumatisiert gewesen. Er habe so schwerste Traumata behandelt. Wie denn sein Behandlungserfolg sei, frage ich nach. Nun da gibt es den einen großen Teil jener, denen er sehr geholfen habe, dazu gibt es den anderen Großteil derer, die durch ihn Genesung erfahren hätten, und da gibt es den kleinen Teil derjenigen, die bei ihm nicht weitergekommen seien, bei denen habe er dann meist selbst die Therapie abgebrochen. – Nett, die hierin enthaltene klandestine Drohung vermittelt er mir nun schon zum zweiten Mal: Wehe du machst nicht richtig mit, dann breche ich mit dir. Sie spricht eindeutig meine dependente Persönlichkeitsstörung an …

Eine andere Frage, die mich beschäftigt: Die anderen analytischen Therapeuten hatten mir gleich nach fünf Minuten die Schule und die Methode verraten, nach der sie mich behandeln wollen. Er habe dies nun wo wir am Ende der zweiten Stunde sind, noch nicht einmal angedeutet. Dazu schmunzelt er geschmeichelt. Er ist alt genug, dass er auf keine Schule mehr setzen muss, seine Schule sei seine Lebenserfahrung.

Irgendeine Bemerkung meinerseits, wohl über meine Verletzung, es mag mein wiederholter Rekurs auf den Status komplett gewesen sein, ließ ihn sagen, dass ich trotz Trauma den Tod noch nicht ins Auge geschaut habe, also das letzte große Trauma mir gottlob versagt geblieben wäre. Als ich ihm darauf entgegne, dass ich dem Tod schon mehrmals ins leere Auge geblickt hätte, mag er zweifeln. Also erkläre ich ihm lächelnd, dass dies während meiner Drogenkarriere vermutlich mehrmals und einmal definitiv mit einer Überdosis der Fall gewesen sei. Nun mit Drogen … unwillig lässt er diesen Fakt gelten – Widerspruch scheint ihn zu quälen -, aber es fehlte noch, dass er sagte – was ihm sichtlich auf der Zunge lag -, mit Drogen sei man zu benebelt, um einen klaren Blick für die Orbita des Boandlkramers zu haben.

Anderntags in der Gruppe erzähle ich von dieser merkwürdigen Stunde und meinen lausigen Zuständen und Gefühlen seitdem; von meiner Blindheit, einen Therapeuten ohne Traumaausbildung und mit ausschließlich selbstgewirkter Traumaerfahrung weiter in die Wahl zu ziehen, als hätte ich nicht schon genug Zeit mit einem gleichermaßen Selbstüberschätzten verplempert. So frage ich mich in der Gruppe, inzwischen wissend verwundert, warum ich nicht schon während der Therapie aufgestanden und hinausgegangen bin. Nein, ich habe gar noch eine weitere Stunde vereinbart … soll ich ihm dann in dieser Stunde erzählen, wie ich rauschig über rote Ampeln gebrettert bin? Oder wie ich, eine Figur aus einem Hitchcockfilm nachahmend – ich denke, es war „Der Fremde im Zug“ –, mit geschlossenen Augen, bis Zehn zählend, auf der Autobahn fuhr? – Ich denke, ich beende das ganze besser, bevor ich mich in einem dependenten Regress mächtig verleugnen werde und eine Therapie wider mich beginne.

Eigentlich wollte ich S.B. noch befragen, welche Entscheidung sie mir empfehlen würde, doch inzwischen weiß ich, dass ich ihn am Montag absagen werde. In der Zwischenzeit flimmern verstärkt Flashbacks durch meinen Kopf und bin ich in hohem Maße triggeraffin.

Montag nachmittag. Ich rufe bei ihm an. Mir graut es und ein Wolf rast durch mein Gedärm, während der Rufton erklingt. Dann sein Anrufbeantworter. Ich bin irritiert, es ist fünf vor halb, seine Anrufzeit. Doch dann erklärt seine Stimme, dass er montags telefonisch nur vormittags erreichbar ist. Nein, bis morgen will ich die Last der Absage nicht mit mir herumtragen, also sage ich ihm auf den AB ab. Ich bin erleichtert. Ginge es allein nach meiner Angst, hätte ich die dritte probatorische Stunde noch wahrgenommen, nur um dieser Absage auszuweichen. Ich fühlte mich nämlich verpflichtet, hatte die Sorge, ihn materiell zu schädigen, weil ich mit ihm die Stunde ja bereits vereinbart hatte.

Nun gut, so habe ich in zwei probatorischen Stunden mal wieder viel über mich erfahren und konnte einige in den Therapien zuvor gelernte Fertigkeit anwenden. Verloren war die Zeit keineswegs.

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