Probatorische Stunde IV

© twinlili / pixelio.de

Mutterfarben © twinlili / pixelio.de

Anfang Februar, Dienstag

Ich rufe bei einer weiteren analytischen Psychotherapeutin um eine probatorische Stunde an. Nachdem ich ihr das Stenogramm meiner Falldaten genannt habe, interessiert sie sich für den Fall, obwohl sie eigentlich keinen weiteren Klienten annehmen kann. Und da durch Absage eine Stunde frei geworden war, habe ich gleich morgen Vormittag eine erste Stunde. Darauf reagiere ich im Lauf des Tages wieder mit einem infantilen Regress, mit affektivem Lauten und Dissoziationen sowie einer guten Portion Angst. Dazu stellt sich ein Gefühl von Aussichtslosigkeit ein. Andererseits machten mir ihre hörbare Betroffenheit und ihr sachlicher Ton wieder Mut.

Mittwoch. Probatorische Stunde.

Die Therapeutin steht an der Tür, kerzengerade, wach, spröde, aufgeschlossen. Das gefällt mir. Distanzierend wirken ihre Biederkeit und ihr Brillenblick auf mich. Der Therapieraum ist sehr geschmackvoll, sehr gediegen eingerichtet. Stilmöbel, ich denke Biedermeier. Die Therapieecke im Raumhintergrund mit Blick in den Garten zur Rechten, an der Seite zur Linken ein verglaster Bücherschrank, ebenfalls ein Stilmöbel. Zwei moderne Ledersessel ‑ dereinstige Stilmöbel ‑ einander gesprächig gegenübergestellt, am Boden ein moderner Tibeter. Der Raum hat eine gute Atmosphäre, er scheint den Schmerz gut aufzunehmen und abzuleiten.

Dann eine Eintrübung. Sie ist keine Psychoanalytikerin, die 300-Stundenregelung greift hier nicht. Dennoch, das erste Abtasten verläuft aufgeschlossen, harmonisch. Sie stellt Fragen nach meinem anfänglichen Verhalten beim Eintreten. Warum ich den Raum so gründlich inspiziert habe. Nun, ich muss checken wo ich bin, wo ich von mir spreche, ob es in der Umgebung geht. Sie fragt, was Kanten für mich bedeuten, weil ich von den optischen Fluchten spreche, die mich einfangen und spalten. Sie sind Fix- und Selbstauflösungspunkte für mich. Konzentration und Flucht ist mit ihnen möglich. Sie fragt so ganz ohne Psychologentonfall, dass man die Fragen für voll nehmen kann; jedenfalls schlummert mein Zynismus, der bei solchen Fragen eigentlich sofort erwacht, nach kurzer Anspannung wieder.

Dass sie keine 300 Stunden abrechnen kann, betrübt mich, doch ihre Art ermutigt mich, die Hürde eventuell zu nehmen. Sie arbeitet nach Reddemann (Psychodynamisch Imaginative Trauma Therapie) und EMDR, das aber bei mir nicht greift. Nun ja, ob die Videofahrten etwas bringen? Ich weiß es nicht. Ich frage nach der Messingschale, die im Couchtisch eingelassen ist. Für mich ist sie ein guter Abtragort, den Seelenmüll hineinzugeben. Es ist eine Aschenschale für Zigarren. Ihre Großeltern, von denen die Möbel stammen, hatten sie benutzt. Überhaupt setze ich meine Orientierung im Raum weiter fort. Erhöhte Vigilanz, wird S.B. später bemerken; die Therapeutin sicher auch. So manche Äußerung und Reaktion von mir hält sie auf ihrem Bord fest.

Wir sprechen über meine Angst, meine Albträume, über meine Dissoziationen, wobei sie die heftigen Dissoziationen, die ich nur durch zufällige Rekonstruktionen aufdeckte, klar als Amnesien benennt. Wir sprechen weiter über meine Angst bei der Therapeutensuche, darüber was die vergangenen vier Jahre Therapie bereits bewirkt haben. Dass es mir insgesamt zwar besser geht, jedoch das komplexe Trauma nach wie vor besteht, was allgegenwärtige Trigger zeigen. Ich erwähne meine Skills, zeige ihr mein Riechfläschen und erkläre das affektive Lauten. Es ist mein Status quo, den ich berichte. Ich knete dabei mein Taschentuch, rolle es um den Zeigefinger, rolle es wieder auf, drehe es zu einer Rolle, für einen Moment sehe ich mein nervöses Nesteln und verurteile mich dafür. Sie beruhigt mich, ich dürfe das. Ich will es nicht, falte das Tuch und flüstere dabei affektiv. Und dann sage ich, weil mich Trauer und Angst übermannen wollen, dass ich auf den Schlag losweinen könnte und knipse dazu mit den Finger, als wären das mein Kommando hierfür.

Wir kommen nicht dazu, meine Datenliste durchzugehen, oder zu überfliegen. Sie wird sie sich zur nächsten probatorischen Stunde durchlesen.

Freitag, Ende Februar

Probatorische Stunde zwei bei der Biedermeierin. Sie trägt Mutterfarben. Ins lila und violette gehende Rottöne, von purpurrot bis rotviolett. Die Farben triggern mich derart, dass ich in ihrem Gesicht die Züge der Mutter sehe. Ich schaue weg, auf den Neubau im Nachbargarten, blicke wieder hin, und die Mutter schaut mich aus ihr an. Ich möchte aufstehen und davonlaufen. Doch ich diszipliniere mich, lasse den Verstand walten. Blicke auf ihre Nase, sie ist ganz anders geformt als die der Mutter. Ich sehe prüfend auf ihr Gesicht, sehe wie es keine Ähnlichkeit mit der Mutter hat. Du kannst nicht weglaufen, nur weil es dich triggert und du daraufhin halluzinierst. Beim zweiten Mal, ein paar Minuten später, ist der Impuls, aufzuspringen und zu gehen, noch stärker, auch die Halluzination war viel intensiver. Diesmal waren es nicht nur Züge, sondern ihr ganzes Gesicht mitsamt der Frisur. Da saß mir die Mutter gegenüber. Ich schaue sie nicht mehr an, blicke an ihr vorbei. Die Halluzination wiederholt sich, sobald ich sie anblicke. Ein drittes Mal ist sie erneut so stark, dass ich eigentlich aufspringen muss; doch wieder rationalisiere ich die Überlagerung der Bilder und blicke weg. Gegen Ende der Stunde erscheint mir ihr Gesicht vernebelt, sobald ich sie anschaue, als wäre ihr Kopf ausradiert worden.

Diese Halluzinationen sind ein gewichtiger Punkt, warum ich bei ihr keine Therapie aufnehmen werde. Doch soweit bin ich noch nicht. Sie möchte wissen, was denn nach 200 Stunden Therapie noch mein Therapieziel sei. Da schwingt für mich ein austherapiert, übertherapiert sein, unausgesprochen mit; auch Ratlosigkeit und die Furcht vor ineffizienter Therapie, die ganz normale Sorge des Psychologen, am Ende einer weiteren Therapie nach soundso vielen Stunden, die Akte nicht mit dem Stempel „genesen“ schließen zu können.

Ich erkläre, dass mein Ziel eigentlich noch dasselbe wie am Anfang vor vier Jahren ist, dass ich komplett werden möchte; dass ich mich zwar auf den Weg dahin empfinde; dass mir auf diesem Weg inzwischen auch Besserung widerfuhr; ich zum Beispiel nicht mehr suizidal bin; ich mit Flashbacks besser umgehen kann, sie oft bereits durch Coping abfangen oder kleinhalten kann. Aber dass ich mich dennoch häufig genug verliere, in Dissoziationen abgleite, mich bis zur eigenen Unkenntlichkeit an andere Personen anpasse und auch nach wie vor vom Alb geplagt werde.

Sie möchte wissen, was ich denke, wie es zur Entwicklung der akuten PTBS kam. Was meiner Meinung nach der Auslöser sei. Ich berichte die Umstände der Namensänderung, die mich zur Offenbarung meiner Geschichte zwangen. Und in deren Folge die PTBS ihren Lauf nahm.

Sie fragt, über was ich jetzt konkret sprechen und was ich zu einer möglichen Zusammenarbeit wissen möchte. Ich frage, ob Sie den Abriss meiner Geschichte gelesen habe, und ob sie aufgrund dieser Geschichte mit mir arbeiten wolle. Sie hat sie gelesen, findet sie zweifelsfrei schrecklich und komplex, doch sei das nicht das wesentliche, über das sie sprechen möchte. Viel mehr interessiere sie, was ich den noch von ihr erwarte, respektive was sie überhaupt noch leisten könne. Sie sei irritiert, ob der 200 Stunden absolvierter Therapie.

Ich frage nach, was daran das Problem sei. Daraufhin bemäkelt sie, dass ich wohl zu hohe Anforderungen stelle, zu speziell und zu kritisch sei; dass man es mir nicht recht machen könne. – Da denke ich an die Worte von S.B., die meinte, dass es schon eines speziellen Therapeuten bräuchte, der mit mir zusammenarbeiten möchte; ich sei nämlich sehr speziell und in meinen Eigenarten schwierig zu erfassen.

Sie hebt damit auf die probatorischen Stunden ab, die ich zuvor schon absolviert habe. Einmal passte mir das Mobiliar nicht; dann war mir der therapeutische Ansatz zu obskur; ein anderes Mal war mir die Stunde zu sehr verplaudert; zuletzt stieß ich mich am Geruch der Praxis. – Dass es seine fehlende Traumausbildung war, die mich abhielt, wollte ihr nicht in Kopf, obwohl ich dies zweimal wiederholte und auch zu Beginn der Stunde schon angemerkt hatte, um ihr zu signalisieren, dass sie derzeit meine einzige Karte im Spiel ist.

Sie hatte drei Wochen zuvor alles aufmerksam mitnotiert und nummeriert, der Säuerling stand an Platz 4, meiner probatorischen Exkursion. Die Situation erinnerte mich an die letzten Bewerbungsgespräche, als man mir 1977 vorhielt, dass ich überall nur kurzfristig in Stellung gewesen war; da saßen sie auch mit dem spitzen Bleistift vor mir und musterten mich aus.

Auch sei mein Ansatz fragwürdig, dass ich nach einer analytischen Therapie suche … – Suche ich doch gar nicht, sondern folge nur der Empfehlung der Traumaambulanz der TU, die meinte, eine Therapie würde bei mir ohnehin noch länger dauern und mit dem Stundenpotential der Analytiker käme ich besser hin, zumal dann meine Probleme in dichterer Folge bei durchschnittlich zwei Sitzungen pro Woche eingehender behandelt werden könnten. Sie meint dazu, 300 Stunden, die müssten auch erst genehmigt werden, wenn dann geschähe auch dies nur etappenweise.

Sie hört mich nicht wirklich, obwohl ich sie gerade erst mit der Behauptung, dass ich mich von ihr verstanden fühle, in manipulativer und dependenter Absicht umschmeichelt hatte.

Sie sei irritiert, bekennt sie mir erneut. Sie wisse nicht, was sie mit mir anfangen soll. 200 Stunden Therapie und noch immer … Die posttraumatische Stabilisation sowie anschließende therapeutische Konfrontationen, strukturiert und narrativ, sei ja ausreichend exerziert. Und was bliebe dann noch …?

Sitzengeblieben, durchgefallen! Klasse wiederholen geht ja nun gar nicht mehr … doch austherapiert. Die Mutter verzieht ihre Mundwinkel, signalisiert Vergeblichkeit, wie so oft. Aus dir wird nichts mehr, sie stellt mir kein Bier hin, wenn ich vorbeikomme, und wundert sich, warum ich doch so trallala bin. Mit Bekifften hat sie keine Erfahrung, so stört es mich nicht, dass ich kein Bier erhalte. Nur ihre Verweigerung und ihr düsterer Blick stören mich …

Hoppla, steig aus dem Bild, du bist in einer probatorischen Stunde und schleimst: Ich brauche den Widerspruch, um mich besser reflektieren und korrigieren zu können. In was für einen Sumpf bist du geraten? Ich merke es nicht. Ich will nur keine weiteren probatorischen Stunden mehr; sie machen mich fertig; sie versetzen mich in Panik. Also muss ich die Mutterfarbige weichreden. Wären da nur nicht diese leicht verbittert, sich verschmälernden Lippen, der Mutter wieder.

Fehlentwickler, Stehentwickler, Therapiesüchtiger, In-sich-selbst-Versumpfer … Ich höre, was sie nicht sagt, denn ich denke es mir zu. Ich finde es dämlich, womit habe ich nur meine Zeit vergeudet … Nein, ich bin nicht masochistisch veranlagt, ich sumpfe nicht in Selbstmitleid, pflege keinen Stillstand. Dafür, so spreche ich weiter, ginge ich nicht seit dreißig Jahre in Selbsthilfegruppen, dazu bin ich zu reflektiert …

Sie bleibt irritiert, rätselt, ob da nicht noch mehr sei – was bin ich froh, dass ich zuvor ihr gegenüber nur die Mutterfarben erwähnt hatte, aber nicht die Halluzinationen. Womöglich gäbe es da noch mehr, nicht nur die PTBS … Oh ja, ich weiß um das mehr, und fürchte zugleich die multiple Keule … Sie sagt und sagte nichts in dieser Richtung, ich kam noch gar nicht darauf zu sprechen, dass das für mich der Horror wäre, in diese Richtung taxiert zu werden, und dennoch, ich meine es zu wittern …

Ich stehe auf, die nächste Klientin wartet schon im Vorraum; ein neuer Grund, mich zu fürchten. Ich reiche Ihr die Hand, ich werde darüber nachdenken. Sie scheint froh zu sein, dass ich den Abschluss finde und das offene Ende zum Ende mache.

Nachdem ich durch den Nymphenburger Park gewandert bin und die Nacht darüber geschlafen habe, bin ich mir sicher, hier darfst du keinesfalls mehr weiter machen.

Danke an S.B., meine Noch-Therapeutin, dass sie mich – den so Speziellen – speziell genommen hatte und weiterhin begleitet. Ich denke, es ist an der Zeit einen Antrag bei der Krankenkasse für das Erstattungsverfahren zu stellen.

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