Brief zum Muttertod

GrabDiesen Brief schrieb ich an Meins, als Meins vor fünf Jahren erfuhr, dass die Mutter gestorben war. Da sich die Mutter ohne Trauerfeier anonym verscharren ließ, konnte ich auch nicht der Trauerfeier fernbleiben und damit der Familie gegenüber demonstrieren, dass ich mit dieser Frau nichts mehr zu tun hatte. Es wäre mir eine Genugtuung gewesen. – Leider erfüllten sich die Wünsche, die im letzten Teil des Briefes formuliert worden wurden, nicht. Der Muttertod war der letzte Auslöser für die akute posttraumatische Persönlichkeitsstörung, an der Meins auch heute noch krankt.

Wohl wahr, mein lieber Freund, das fällt Dir ein, wenn der Sarg auf dem Boden der Grube aufsetzt und der dumpfe Ton Dich selbstbetroffen zusammenfahren lässt, als wärest Du es, der da abgesenkt wurde, oder als rückte der Deckel zur Seite und aus dem offenen Grab stiege die verklärte Mutter, ihr Kind, Dich, vor der Brust haltend; und Du trittst an den Abriss und blickst hinab und siehst, statt der Mater amabilis, die Satansfratze übelster Brut. Sie lächelt Dich wächsern an, und Du bist für diese Schrecksekunde wieder das Kind, das von diesem Vampir gebissen und leer getrunken wurde. Du wirst wieder aufgespannt zwischen Schein und Sein, zwischen Falsch und Wahr, und Du wirst dabei nur dieses Zirren, diesen gleißenden Irrsinn spüren, mit dem Deine Seele immer wieder zerrissen wurde.

Ja, die Double Bind Situation ist mir wohl vertraut; so gut, dass ich heute meine, diese am Habitus meines Gegenübers jederzeit ablesen zu können. Sie ist jedoch von der anderen Situation unserer Geschichte zu trennen, in der wir Hass und Fürsorge erfahren haben. – Fürsorge ist hierbei nicht als reale Fürsorge zu verstehen, sondern als die Linderung, die einem widerfuhr, sobald man mal von der Bosheit verschont blieb. – Der Double Bind ist für mich jedenfalls hier die innere „schizoide“ Struktur eines Elternteils. In Deinem Fall die Mutter, die zwar Zuneigung zeigte und scheinbar Wärme vermittelte, in ihrem Inneren jedoch kalt und berechnend blieb und einzig ihrem Narzissmus frönte. Du warst ihr Prinz, den sie ihren anderen Kindern zwar vorzog, den sie aber deswegen auch ganz besitzen wollte. So wurdest Du ihr Püppchen, über das sie sich absolute Macht anmaßte. Ja, im Grunde warst Du für sie ein Fetisch, auf den sie ihre Heileweltphantasien projizierte.

Es war von Anfang an ein inzestuöses Begehren, das ihre Beziehung zu Dir prägte. Du warst das Objekt, das ihre persönliche Not lindern sollte. Die „Zuneigung“, die sie daraus entwickelte, war stets falsch und verräterisch. Sie verriet Dich tagtäglich für ihre Bedürfnisse. Dieser Verrat war in sich böse. Die Mutter konnte nicht anders, weil sie selbst durch und durch böse war. Es gab keinen Menschen in ihrer Umgebung, der für sie nicht minderwertig war. Wie diese Boshaftigkeit ihr eingegeben wurde, darüber kannst Du wohlfeil spekulieren. Diese Spekulation erklärt Dir vielleicht ein wenig die Mutter, aber sie ändert nichts an Deiner Geschichte. Gewiss kannst Du heute sagen, sie war selbst ein armes Schwein. Aber dann solltest Du dazu auch sagen, sie ist ein böses Schwein geworden und geblieben. Du warst dagegen ihre Trüffel, die sie jeden Tag aufs neue fraß.

Das Böse, das sie durchdrang, bleibt für Dich letztlich formlos. Es hatte mal Muttergestalt, aber es war nie die Mutter. Es drang durch sie, um auf Dich überzugehen. – Es ist ihm nie gelungen. Du flüchtetest schon früh in die sichere Dunkelheit des Rausches. Das war für Dich wie ein postnataler Regress, mit dem Du Dich wieder in einen Mutterleib einrollen wolltest, um Dich selbst wiederzugebären.

Kürzlich, als wir in dieser Kapelle Besinnung suchten, erhellte sich Dir etwas zum verlorenen Mutterbild in Dir. An dem Seitenaltar blieben wir lange stehen und betrachteten diese anmutige Madonna, im tiefblauen Sternenmantel. Da wurde Dir mit einem Mal klar, warum Dich Madonnen von jeher faszinierten: Es ist das Stereotyp der idealen Mutter, das sich für Dich in ihnen spiegelt. Von der Mutter, die wir nie hatten. Deren Zuneigung nicht übergriffig inzestuös ist, sondern von reiner Liebe bewegt wird. – Gewiss, ein wahnhaftes Ideal, denn eine solche Zuneigung kann nur eine Mutter zeigen, die selbst in sich heil ist – und diese Mutter gibt es wohl nirgendwo auf Erden.

Doch versuche nicht, jetzt wo das Kapitel buchstäblich begraben ist, die Erinnerungen wieder aufzufrischen, um die Wunden neu bluten zu lassen und frische Narben über die schmerzhaften alten wachsen zu lassen. Für mich ist das Glatteis, die vitale Amnesie überwinden zu wollen. Alle Deutungen dazu sind Deutungen aus dem Stand heute. Sie erklären mich und meine Situation jetzt und nicht das einstige. Ist mir das klar, können meine Deutungen durchaus sinnvoll sein; denn sie erklären mich jetzt. Genau darum aber geht es mir bei meinen Erinnerungen, um das Aufscheinen meines Bewusstseins jetzt, um das Begreifen meiner Geschichte jetzt. Ich werde meine Geschichte niemals aus sich heraus begreifen, denn dazu müsste ich sie erneut durchleben. Begreife ich sie jedoch jetzt, kann ich mich aus ihr soweit lösen, dass sie mich nicht beschweren kann. Dies ist die Art der „Erinnerungsarbeit“, der ich mich fortan widme. Ich will nicht mehr von Gespenstern gedrängt, von Alben geplagt werden. Dieses Anliegen erfüllt sich mir jedoch nur, wenn ich die Gespenster und Alben benennen und zuordnen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich sie präzise erfasse oder nur skizziere. Sie müssen für mich im Kontext verstanden sein, damit sie sich lösen können. Der Ausgangspunkt des Kontextes ist mein Sein jetzt, von diesem Punkt aus erschließt sich mir meine Geschichte, und da sich der Punkt mit mir und meiner Zeit verschiebt, verschiebt sich auch meine Geschichte. Ich muss sagen, sie wird erträglicher, aber auch unerbittlicher in meiner Beurteilung, weil – seltsamerweise trotz zeitliche Entfernung – klarer.

Ich denke, ich erinnere meine Geschichte relativ gut. Zudem kenne ich die der Täter einigermaßen. Ich will mir das Gemüt und das Wesen der Täter nicht mehr erklären. Sie waren die Schicksalsmächte, denen ich unterworfen war. Sie waren und sind verantwortliche Täter für die Traumen, die mir geschahen. Ich bin nicht bereit, mich von ihnen, von ihren Seelenschwären, von ihrer Bösartigkeit, in die Verantwortung nehmen zu lassen, ihnen Absolution zu erteilen. Ich löse mich aus diesen irren Bindungen, streife sie von mir und entschwinde. Ich hasse sie nicht, ich verzeihe ihnen nicht. Ich habe mich mit ihnen für mich ausgesöhnt, aber nicht versöhnt. Ich bin Ihnen kein Sohn mehr! Sie müssen von mir aus nicht einmal mehr zur Hölle fahren! Obwohl sie für sich wahrscheinlich zeitlebens ein Leben in der Hölle führten; denn man muss schon ein Teufel gewesen sein, seinem eigenen Fleisch und Blut das angetan zu haben, was sie mir und Dir antaten.

Im unfassbaren Zwiespalt der erlebten Gefühle gibt es keine Klarheit. Klar ist nur der Zwiespalt, klar ist nur seine Unfassbarkeit. Das deute ich nicht mehr. Die Erinnerung daran hat eine bestimmte Farbe, ein bestimmtes Geräusch und ein bestimmtes Empfinden. Diese Wahrnehmung ist die Kategorie. Diese Kategorie ist für mich absolut präzise. Begegne ich ihr, weiß ich, dass ich mit der Matrix des Bösen in Berührung komme. Ich weiche dann sofort aus. – Darum, mein lieber Freund, wirf eine Schaufel Erde auf den Sarg, tritt vom Abriss zurück. Bleib auf gutem Grund, wende Dich dem Weg zu und kehre zurück in Dein Leben. Es mag aus fremder Sicht beschädigt sein, doch aus unserer Sicht heilt es sich mit der Annahme dieser Beschädigung. Sieh zum Gleichnis auf den mächtigen Baum in Deinem Garten, der in seiner Gesamtheit heil ist, und dennoch seinen frühen Verbiss mit knorrigen, ihn prägenden Verwachsungen überheilte.

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