Meine Schuld (2)

Baer00823. März 2012

Müde, erschöpft und traurig, obwohl es diesmal wieder sehr ruhig voranging. Es war ein Fragen meinerseits. Fragen warum taten sie so etwas; warum klage ich heute mit 61 Jahren noch über die Schandtaten meiner Eltern; wie werde ich von M.R. erfasst? Letztere Frage, um meine Verrückung selbst besser einschätzen zu können. Dann meine Feststellung, wie schwer es mir fällt, es mir für mich gutgehen zu lassen. Darauf die Frage von M.R. was mich daran hindere. Ich suche nach der Antwort in mir und finde Trauer, es ist weniger Trauer über mein Unvermögen, als vielmehr darüber, dass ich in mir keinen Grund, keinen Boden, finde, auf dem das Sich-gutgehenlassen Sinn macht. Es fehlt mir das Zentrum, das ein Gutgehenlassen für sich verlangt. Wem soll ich es gutgehenlassen? Aber als M.R. das Schuldmotiv als womöglich weiteren Hindernisgrund einbringt, sehe ich mich von einem lähmenden Mantel umhüllt. Dazu fällt mir das Gleichnis vom Habicht und der Wacholderdrossel ein, die das Gefieder des Habichts, sobald er in der Wiese sitzt, aus dem Flug heraus bekotet, damit er nicht mehr aufsteigen kann; da er dafür sein Gefieder erst reinigen muss. So holt ihn am Ende der Fuchs. Im gleichen bildhaften Sinn ergeht es mir, auch ich fühle mich beschmutzt und somit flugunfähig. Von daher fehlt mir die Freiheit unbekümmerten Wohlseins, die Freiheit, trotz-dem fliegen zu können.

Ob wir demnächst den Komplex des Schuldigseins angehen sollen? Ich schnappe nach Luft, Jein, jein, jein … Das hieße den Mont Blanc zu besteigen. Wer das will, der muss, ehe ihn ein Bergführer annimmt, in den 14 Tagen zuvor fünf 2000er bestiegen haben. Was diese fünf 2000er für mich seien, fragt M.R. Ich zähle auf, meine Selbstvernachlässigung, meinen fragwürdigen Zynismus, meinen Unterwerfungszwang und meine Gereiztheit, der fünfte Berg bleibt unbenannt. – Mal sehen, wie sich solches Erklimmen anlässt …

Eine Übung zwischendurch. M.R. flüstert dem Entspannten zu: Matthias, Du darfst es Dir gutgehenlassen. Du hast ein Recht dazu. Ich lasse es auf mich wirken, und denke mir, die Stimme lügt.

Gegen Ende der Stunde kam sie erneut auf den Komplex von Schuld und Vergebung zu sprechen, und dass wir ihn angehen sollten. Sofort meldete sich zum stechenden Juckreiz in Armen und Hände das Hüsteln zurück. Ob ich es verkrafte, fragte sie besorgt. Ja, ja, fand ich, es sei ja auch notwendig. Ich will es auch angehen, dennoch schied ich mich in Vernunft und Furcht und entzog mich wohl ersichtlich, ihren Worten. Ob ich denn noch da sei? Ihre Stimme zog mich ein wenig zurück, hielt den Zuhörer fest. Ich bejahte, und merkte erst jetzt wie weit da ein Stück von mir sich entfernt hatte; rechts, nach hinten in den Raum aufsteigend, eine schöne Bewegung, wie eine Spielhahnfeder am Hut.

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