Muttertag

Muttertag… für wen? Wer soll Danke sagen?

Das Kind, das von der Mutter nicht gemartert wurde? Das Kind, dem die Mutter den Vater nicht entzog? Das von der Mutter nicht verprügelte Kind? Das Kind, das die Mutter nicht mit Verachtung strafte? Das Kind, das sie nicht vernachlässigt hatte? Das Kind, vor dem die Mutter nicht über ihr verpfuschtes Leben jammerte? Das Kind, das von ihr nicht parentifiziert wurde? Das Kind, das von ihr nicht für sein Leben entmutigt wurde? Das Kind, das von ihr nicht sexuell missbraucht wurde? Das Kind, dem die Mutter nicht mit bösen Worten die Seele zertrümmert hatte? Das Kind, an dessen Leben die Mutter keine Ansprüche erhob? Das Kind, das nicht zur Selbstverwirklichung der Mutter geboren wurde?

Soll ein Kind für diese Selbstverständlichkeiten danken?

Ach ja, und da gibt es noch die vielen abgetriebenen Kinder, die ihren Müttern nicht danken werden, dass Ihnen all der Seelenschmerz erspart blieb, den Mütter ihren Kindern im Laufe ihrer Erziehung absichtlich und unabsichtlich antun.

Allein die Vorstellung, dass es einen Feiertag braucht, um Mütter für eine Selbstverständlichkeit – nämlich die, eine gute Mutter zu sein – zu ehren, ist eigentlich eine Verballhornung jeder guten Mütter. So empfand ich es, als ich in der Schule irgendein Sonnenscheinbildchen für den Muttertag malte oder später den erwarteten Fliederstrauß stahl, damit der Vater einen nicht später auf Geheiß der Mutter vertrimmte, weil ich sie nicht beschenkt hatte. Für diese Mutter war jedes Bildchen und jede Bastelei eine Lüge. Doch sie ließ sich gerne belügen, denn sie war, wie alle schlechten Mütter ein krankhafter Narziss.

Muttertag ist der Tag der Festschreibung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung von Frauen, egal ob sie Mütter sind oder nicht. Denn auch Nichtgebärendhabende lassen sich und ihre mögliche Mutterschaft feiern, oder bejammern an diesem Tag ihren Abort oder ihre letzte Regel. Denn sie haben allein dafür, dass sie per Frausein eine potentiell gute Mutter sind, so wie jeder Mann per Mannsein ein potentieller Vergewaltiger ist, Anspruch auf Danksagung. Schließlich würden sie sich windelwaschend klaglos selbst verhärmen, auch wenn die Windeln die Waschmaschine wäscht oder Pampers entsorgt.

Für mich und vielen anderen verprügelten, gefolterten und geschändeten Kindern, die die „Fürsorge“ ihrer Mütter überlebten und sich deswegen heute auch Überlebende eines Seelenmordes nennen, ist der Muttertag ein Tag verstörender Erinnerungen.

Da dachte ich daran, wie ihr in ihrer letzten Stunde der Stuhl zum Hals herausquoll, und schämte mich. Ich schämte mich, weil es mir für den Moment als ein gerechter Tod erschien. Weil ich so verbittert war, dass ich dieses schreckliche Sterben für sie begrüßte. Weil ich mich an dieser Grausamkeit ergötzte. Weil ihre Schande, die sie über mich brachte, und meine erlittene Schändung für den Augenblick dieses üblen Gedankens Genugtuung fanden. Und ich schämte mich, weil ihre Untat, selbst nach ihrem Tod, in mir solch niedrige Gedanken anzustoßen vermochte. Ich schämte mich somit einmal mehr über die Verletzungen, die sie mir zugefügt hatte. Ich schämte mich, dass ich einmal mehr Opfer war und wider mich dachte und somit ihr sadistisches Täterintrojekt in mir belebte.

Muttertag. Ich wünsche mir, dass er vergessen wird. Weil es keine narzisstische Frauen mehr gibt, die sich für Selbstverständlichkeiten feiern lassen müssen. Weil es glückliche Kinder gibt, die nicht für spärliche Momente an Mutterliebe kitschige Bildchen als Geschenk malen müssen. Und weil es Eltern gibt, die in Liebe zueinanderstehen und so einen Hort für ihre Kinder schaffen.

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2 Gedanken zu “Muttertag

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