Meine Schuld (4)

BetonDie nachfolgenden Zeilen sind ein Auszug aus meinem Therapietagebuch für die Zeit von Mai und Juni 2012. Meins befindet sich hier noch in der Stabilisierungsphase der Traumatherapie, die ich im Oktober 2011 aufgenommen habe. Es geht um die Annäherung an mein Schuldempfinden dafür, dass Meins missbraucht wurde. In dieser Phase gelang es mir erstmals in der Therapie, das Wort Schuld für meinen vermeintlichen Anteil am Missbrauch auszusprechen. Denn dafür, dass mich mein Körper verraten hatte und funktionierte, gab ich mir jahrzehntelang bis in die Therapie hinein Schuld.

Gestern Stunde mit M.R. Danach wiederholt mimisches Erbrechen. Einschließung in einen fernen Raum. Sobald ich ihm nahekam, ersichtliches Versinken in brütende Traurigkeit. Ruth merkt es sofort und holt mich zurück. Wieder mimisches Erbrechen. Jucken, Quaddeln, Hustenreiz. Auch jetzt, beim ersten Versuch, zu berichten. Das Thema tatsächlich: Schuld! Sprachstörung. Ausweichen. Fluchtgedanken. Und dann doch – einer redet, redet über die 10 Sekunden davor. Stop! Die Hände werden lahm … Trauer.

Fünf Tage vergingen, und es ist immer noch verschlossen. Ich weiß den Raum, erinnere auch düster die Daten: Ein Datum, ich mit 15, was war bis dahin? War Schuld da? Bis dahin? Ich weiß nicht, allein dadurch, dass ich in die Hölle geboren wurde, ist da Verdorbenheit. Wann soll sie auf mich übergegangen sein? Mit 3? Mit 4? Mit 14? Oder eben doch schon mit dem Tag der Geburt? Ich höre M.R., dass Missbrauch immer da vorliegt, wo Abhängigkeiten ausgenützt werden. – Ich weiß, ich könnte es ihr unterschreiben! – Doch ich komme dem Raum nicht näher.

Eklig! Das war das Wort, das ich sagte, als M.R. über die Funktion der Schändung sprechen wollte. Als sie es formulierte, war ich schlagartig leer. Ohne Gefühl und ohne Gedanken. Ich blickte durch einen weißgestrichenen Tunnel; viereckig wie die Wand vor mir, in weißer Soße verschwindend. Ich sprach, dass ich darüber im Moment nur theoretisieren könnte; ich wusste wirklich nicht, was das mit mir zu tun haben sollte. Es war nicht mal in einem anderen Raum. – Ich war erstaunt, wie unberührt ich davon war; wollte dem Erstaunen aber nicht folgen, denn ich wollte auch keine Erklärung für meine Abwesenheit. Es war gut so. ‑ M.R. rückte, ob meiner Abwesenheit vom Thema ab.

Dieser Augenblick, etwa in der Mitte der Stunde, übertünchte mit vergesslichem Weiß das weitere. Es will sich jetzt noch keine Erinnerung einstellen. Bruchstückhaft: Erstaunen, dass ich „Schuld“ sagen und auch von der Schändung durch die Schwägerin bellen konnte. Dann Versinken. Kurz später wische ich mir die Tränen aus den Augen, und überlege ob es Selbstmitleid war. Ich blicke immer noch in den weißen Tunnel. M.R. sitzt irgendwo daneben, sie ist die Verbindung zur Wirklichkeit, hält mich an der Oberfläche, obgleich ich sie nicht wahrnehme.

Eine Woche später. Der Ablauf der Stunde war meinerseits ein leises Wehren, um nicht wieder dem Thema Schuldkomplex zu nahe zu kommen. Später sprach M.R. von meiner Ambivalenz, das Thema einerseits angehen und andererseits verbergen zu wollen. Da war für einen Moment in mir die Erkenntnis, dass dieser Widerstreit im Grunde ein einheitlicher Akt ist, der als ganzes verstanden werden sollte; gleichzeitig hatte ich eine solche holistische Ahnung des Ambivalenten und für einen Moment war die Not, nicht mehr Not, sondern offener Raum; ein Augenblick von Dasein in Not und Flucht sowie in Mut und Tat.

Bei Frau Dr. O. Ich erwähne den Schuldkomplex, dem wir uns nähern. Sie meint dazu, dass neben der generellen Introjektion von Schuldgefühlen hier die besondere sexuelle Komponente zur Geltung käme, dass Sexualität grundsätzlich als etwas angenehmes empfunden wird; jedoch in Verbindung mit einem Missbrauch würden diese Gefühle vom Opfer oft als Beteiligung am Missbrauch umgedeutet. Eine Wahrnehmung, die ich schon vor 30 Jahren unterschreiben hätte können; dennoch trifft mich diese klare Ansage sehr tief und eine entsprechende Unruhe macht sich in verschiedenen Räumen breit – ein Geschehen, das man wohl zurecht Erschütterung nennt.

Was sprach ich heute in der Stunde? Ich weiß es, ohne es zu denken, ohne es zu wissen. Ich will es nicht wiederholen. Ich sprach das Böse, das Unaussprechliche aus. Wichtig schien mir der Moment davor, der Moment zu dem ich, von heute aus gesehen meine, noch hätte umkehren, noch abbrechen hätte können. – Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, sehe ich, wie wichtig es für mich ist, mich in der Rolle des Wählenden zu sehen, als hätte ich je Macht über das Geschehen gehabt, als wäre ich der Aktive gewesen, als wäre ich zu keinem Zeitpunkt Opfer einer Täterin gewesen. Aus diesem Selbstverständnis nährt sich wohl der Schuldkomplex. – Mir ist elend, ich unterbreche …

Tage später: Ich bin Opfer und will es nicht sein. Opfer ist der Schwache, ihm wird etwas angetan. Diese Position anzunehmen, macht mich wiederum zum Opfer; da scheint, Schuld zu tragen, die männlichere Haltung zu sein. Schließlich ist die Schändung durch eine Frau auch eine phänomenologische Entmannung. Hustenreiz! Pass auf Dich auf!

Bin ich schuldlos, bin ich Opfer. Bin ich Opfer, bin ich schwach. – Zu schwach zum vögeln? – Ein Gedanke, der dazwischen schießt und die Verletzung meines Selbstbildes erhellt. Da ist ein junger Mann, auf ein Brett genagelt, nackt, zerschnitten, blutend, wie aus einem Bild von Hermann Nitsch. Wohl deswegen wollte ich mich einst im Kifferwahn zu einer Frau umschneiden lassen. – Da ist jetzt wieder der Wunsch, aus meiner Haut zu steigen; den alten Adam abzulegen und ein gänzlich neuer Mensch zu werden. Ja, vielleicht deswegen der intensive Wunsch in mir nach absoluter Transzendenz, nach vollkommenem Erlöschen meinerselbst, meines Egos. Denn löse ich die Schuldfrage durch Schuldlosigkeit, bleibt der verletzte, wehrlose Junge zurück, der Schlappschwanz, das Opfer … Es ist heftig, aber diese Sicht scheint in mir zu sein, andernfalls würde ich sie wohl nicht so reflektieren?

Über was sprachen wir? Heute ein heißer Samstag, ich erinnere mich nur mühsam. Es ist kein komplettes Bild, das ich habe. Erneut meine Sorge, womöglich als multiple Persönlichkeit erkannt zu werden. Alles, nur dieser aufgesetzte Wahnsinn nicht, diese Ausgeburt der Opferwilligen und Pseudologen; diese irre Borderliner-Mimikry.

M.R. erklärt mir das mit den personalen Anteilen als Persönlichkeitsvarianten. Ich bin nicht ganz auf dem Boden, bin zu aufgeregt, um alles aufzunehmen. Wieder versucht sie, mir die Erinnerung als Erinnerung, als einst Geschehenes und deswegen Vergangenes, verständlich zu machen. Es bleibt dennoch für manchen Raum in mir unverständlich, denn der Schmerz der Erinnerung ist gegenwärtig. Erinnerung ist für diese Wahrnehmung Wiederholungstat oder gar manches Mal frische Tat, weil erst jetzt der Schmerz aufbricht, erst jetzt die Wunde sichtbar wird.

Vor drei Tagen ein Blitz, als ich vergaß, mein Hosentürl zu schließen, und Ruth scherzhaft hineingriff. Es war eine Bewegung, die mich stark triggerte, denn ich sah die Hand der Tanten und jetzt auch die Hand der Mutter, die das Ihrige an mir mit solcher „zufälligen“ Bewegung behaupteten. Ich sah die beige Short mit roter Paspel. Ich biss mich heftig, bis sich die Bilder wieder verdunkelten, und ich die Erinnerung bezweifeln konnte.

Erinnerung lügt und täuscht, doch der Schmerz ist akut, ist wahr. Und auch so viele Erinnerung bleibt faktentreu, verändert sich nur durch die Rezeption des älter gewordenen Erinnernden. Die einstige Missachtung und fortwährende Belästigung wird heute als vernichtende Herabwürdigung, als massive Verletzung erinnert. Das Kind hatte diese Wahrnehmung nicht. Es war in dem System der Übergriffigkeit nur ein Objekt, dem es in seiner Situation subjektiv unwohl war. Erinnere ich meine kindlichen Eindrücke der Übergriffe, erinnere ich Fluchtgefühle, hilflose Duldsamkeit und ums Überleben ringende Anpassung, das „Spiel“ mit den Erwachsenen beherrschen zu können, nicht überspielt zu werden, dem Erwachsenen keine Schuld einzugeben, und damit in der Umkehrung nicht ihren Hass und ihre Wut auf mich zu provozieren. Mitspielender in einem Spiel zu bleiben, das nie das meinige, sondern immer nur das ihre war.

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