Staatsakt für Missbrauchsopfer in Österreich

staatsakt

In Österreich gab es am 17. November im Plenarsaal des Parlaments einen Staatsakt, an dem hochrangige Politiker, Geistliche und Missbrauchsopfer teilnahmen. Täter waren vermutlich abwesend. Jedenfalls sprachen die Honoratioren von Kirche und Staat in deren Heimen, Sakristeien und Kammern Kinder gequält, misshandelt und missbraucht wurden. Die Opfer schwiegen beziehungsweise sie sollten, so die Planung, schweigen. Sie erhielten jedoch indirekt eine Stimme, indem fünf Schauspieler aus Texten von Opfern lasen, zudem scheuten sie sich auch nicht, selbst ihre Stimmen zu erheben.

Der Staatsakt war im wahren Sinne des Wortes eine ambige, also zweideutige Veranstaltung; obwohl er als eindeutige geplant war, gab es schon im Vorfeld massive Kritik an ihm und auch danach blieb der eigentliche Sinn der Veranstaltung unklar. Wollten sich die Honoratioren selbst beweihräuchern, weil sie sich mit den „Betroffenen“ solidarisierten, sie als Opfergruppe wahrnahmen? Oder wollten sie auf die nach wie vor vorhandenen verborgenen Strukturen des Missbrauches in unserer Gesellschaft verweisen, und somit bekunden: ja wir wissen, dass etwas schief gelaufen ist und immer noch etwas schief läuft? Oder meinten sie, es sei an der Zeit einen „Schlußstrich“ zu ziehen, ohne dass man die Folgekapitel des Missbrauchs überhaupt geöffnet und mit einer Wiedergutmachung und Rehabilitierung der Opfer begonnen hatte?

In der Tat fehlt in Österreich ein übersichtliches Angebot an materiellen und therapeutischen Hilfen für die erwachsenen Opfer von Kindesmissbrauch. In Deutschland gibt es Hilfen über den Fonds sexueller Missbrauch (FSM), dem auch Hilfsangebote der Institutionen angegliedert sind. Eine für Opfer im familiären Bereich vergleichbare Leistung, wie sie im FSM hierzulande besteht, gibt es in Österreich nicht. In Österreich müssen Opfer sehr findig sein, um nicht einen Spießrutenlauf zwischen Pontius und Pilatus zu absolvieren, ehe sie, wenn überhaupt, eine passende Stelle finden, die ihnen Unterstützung gewährt. Es ist auch nicht erkennbar, in welchem Maße eine vergleichbare Institution wie der FSM begründet werden könnte. Jedenfalls fühlt sich hierzu niemand verantwortlich oder zur Federführung berufen. Schade auch, dass diese konstruktive Kritik am Staatsakt in den Reden nicht aufgenommen wurde. Damit hatte man eine bedeutende Möglichkeit, der bekundeten gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für das Missbrauchsgeschehen tatsächliche Verantwortung folgen zu lassen, versäumt. Es blieb, wie die Nationalratspräsidentin Bures zum Zweck der Veranstaltung meinte, „eine Geste der Verantwortung“. Aus diesen und anderen Gründen war der Staatsakt auch kein feierliches Brimborium, wie sich das die Ausrichter wohl gewünscht hätten, sondern es wurde vernehmbare Kritik laut, da sich die anwesenden Missbrauchsopfer nicht mit der Schönrednerei zufrieden gaben.

So kann man den Staatsakt auch als einen Akt des Betroffenheitsauswurfes unbeteiligter Wichtighubers auffassen, bei dem es eben doch eher um sich selbst ging, als um die durch ihre Helfershelfer geschändeten Kinder. Hierbei stößt mir auch die hinterhältige, vertuschende Sprachregelung, der sich als vermeintlich gute Menschen wähnenden, auf, die den Begriff Opfer generell nicht mehr gelten lassen – weil von ihnen und ihrer Entourage als politisch inkorrekt detektiert – und stattdessen allüberall nur noch Betroffene sehen; gleichermaßen Betroffene wie sie selbst. Ja, diese guten Menschen sind Betroffene, weil wir, die Opfer, sie mit unserer Geschichte betroffen machen. Sie sind in diesem Sinne ebenso Betroffene wie die Täter und die Vertuscher. Auch die Angehörigen der Opfer sind ebenso durch die Schmach, die ihren Kindern angetan wurde, und die Verachtung, die ihnen durch derart institutionell Betroffene zuteil wurde, Betroffene. Dementsprechend planiert die Benennung „Betroffene“ alle. Alle und niemand sind fortan betroffen, schließlich war der Staatsakt ein Betroffenheitsakt der Nichtbetroffenen und der Opfer, die hier im Plenarsaal verschwanden, dafür von „betroffenen“ Schauspielern am Ende der staatstragenden Betroffenheitsbekundungen der Honorablen eine leise Stimme erhielten. – Ich bloggte schon einmal über derartig verlogene Sprachpanscherei in meinem Beitrag „Missbrauch der Opfer durch Missbrauch der Sprache“.

Dennoch halte ich den Staatsakt für ein positives Signal, vor allem deshalb, weil ernstzunehmende Worte an Schuldbekenntnissen und Vergebungsbitten zu hören waren. Als ich las, wie unumwunden sich die Redner zum gesellschaftlichen Versagen bekannten und ihr Mitgefühl für die Opfer leider nur als „Betroffene“ äußerten, empfand ich mich in meinem persönlichen Leid ernst genommen und schenkte ihren Worten Glauben. Ob sie es verdienen und daraus Vertrauen erwächst, vermögen letztlich nur sichtbare gesamtgesellschaftlich verantwortungsvolle Taten erreichen. – In jedem Fall würde ich mir einen ähnlichen Staatsakt auch hierzulande wünschen, zumal zumindest die Politik den frommen Worten auch teilweise frommende Taten folgen ließ. Über ihre Unterlassungen werde ich hier weiterhin bloggen.

Nachstehend einige ehrlich wirkende Momente aus dem Staatsakt. Wobei ich hier vorneweg eine Kritik anbringen muss, mit der ich wiederum auf ein strukturelles verborgenes Muster des Kindesmissbrauchs verweise. Kardinal Schönborn sprach von Opfern, die politisch Korrekten, dem Wind in ihrer Filterblase folgend, von Betroffenen, alle zusammen sprachen von Kindern. Doch von Jungen, die am häufigsten vom institutionellen und kirchlichen Missbrauch betroffen waren, sprach niemand. So traf sich der Kardinal vor dem Staatsakt mit einer Frau, die Opfer von Missbrauch in der Kirche war und ist, doch mit einem Jungen, der von geistlichen Päderasten geschändet wurde, sprach er nicht. Diese Ausgrenzung der männlichen Opfer sexuellen Missbrauchs folgt der gesamtgesellschaftlichen Ausgrenzung der Missbrauchsopfer und zeigt somit auf, dass auch Aufarbeitung, Schuldbekenntnis und Vergebungsbitten den Zeitgeist in sich tragen, Mädchen und Frauen sind demnach Opfer, Jungs hingegen stecken so was weg, wie das von grünen guten Menschen gesagt wird. Diese Art der Selektion ist schändlich!

Auszüge aus dem Bericht von Radio Vatikan zum Staatsakt

„Wir haben in der Kirche wie auch im Staat zu lange weggeschaut. Wir haben vertuscht, wir haben, wenn Missbrauch bekannt geworden ist, Leute versetzt und nicht abgesetzt“, so Schönborn, der dafür spontanen Applaus aus den Reihen der Betroffenen bekam. Und weiter: „Für diese Schuld der Kirche stehe ich heute vor Ihnen und sage: Ich bitte um Vergebung.“

Nur die Wahrheit ermögliche den ehrlichen Blick auf die Vergangenheit und dann „Schritte zu setzen in eine bessere Zukunft“, so der Kardinal weiter. Er sei der Präsidentin des Nationalrates, Doris Bures, sehr dankbar für die „mutige Geste“ des Staatsaktes, könnten doch Staat und Kirche die Verantwortung nur gemeinsam übernehmen. „Es ist ein starkes Zeichen, dass die höchsten Repräsentanten des Staates sich zu der Schuld, die an Ihnen und an vielen anderen geschehen ist, bekennen.“ Genauso müsse auch die Kirche ihr Versagen einbekennen.

Unmittelbar vor dem Staatsakt habe er mit einer Frau, die Opfer schweren kirchlichen Missbrauchs wurde, gesprochen und nach ihrer Botschaft an die Veranstaltung gefragt, berichtete Schönborn. „Man kann uns alles nehmen – aber unsere Würde kann uns niemand nehmen“, habe sie daraufhin gesagt. Wenn auch den Opfern viel an menschlicher Würde genommen worden sei, könne ihnen letztlich aber niemand die persönliche Würde nehmen, sagte der Kardinal. Dies solle mit dem Staatsakt bekundet werden.

„Was Ihnen widerfahren ist, ist eine Schande für unser Land. Ich stehe hier und schäme mich dafür“, sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures in Richtung der Betroffenen, für deren Anwesenheit im Saal sie dankte. Mit dem von ihr initiierten Staatsakt im Parlament solle kein Schlussstrich unter die Aufarbeitung gezogen werden, vielmehr wollten Staat und Kirche „gemeinsam das Unrecht benennen, anerkennen und ihre Schuld eingestehen“.

Statt Fürsorge, Liebe, Schutz und Geborgenheit hätten Kinder oft „Gewalt und Missbrauch, Demütigung, Gleichgültigkeit, Kälte und Einsamkeit“ erfahren, betonte Bures. Die Kontrolle habe versagt, zumal das kollektive Wegschauen System gehabt habe. Vielen Kinder hätten auf diese Weise tiefste körperliche und seelische Wunden erhalten, seien ihrer Würde und den Chancen auf unbeschwertes, selbstbestimmtes Leben beraubt worden.

Bundesratspräsident Lindner bezeichnete es als zentrale Verantwortung des Staates, „die Rechte und die Würde aller Menschen zu verteidigen, die in seinem Schutz leben“. Besonders gelte dies für Kinder und Jugendliche. „Österreich hat bei Ihrem Schutz versagt. Unsere Institutionen haben versagt. Unsere Länder. Wir sind zu Mitwissern und Komplizen geworden“, bekannte er. Seien auch die Verantwortlichen von heute nicht jene, die damals die Augen verschlossen und Unrecht gedeckt hätten, übernehme man „Verantwortung für das Versagen unseres Staates. Für das Unrecht und die Verbrechen, die Ihnen wiederfahren sind.“ (Quelle)

Eine Stimme der Opfer

Die Stimmen der Opfer in Kommentaren zu Berichten der Presse nach dem Staatsakt sind überwiegend entrüstet und gekränkt, dass es eben keine Ankündigung einer substanziellen Unterstützung gab, sondern die Opfer sich weiterhin mühselig, alleine und häufig auf eigene Kosten um ihr Seelenheil sorgen müssen.

So kommentiert Jürgen53 in „Die Presse“:

Skandal im Parlament

Jetzt ist es schon ein paar Stunden aus – ich musste mich von dieser Veranstaltung erst erholen. Ich hatte an meiner Jacke ein Bild von meinen Bruder. Er hat sich wie viele das Leben genommen. Drei Jahre im Kindergefängnis Jagdberg reichten, um mit seinem Leben nicht mehr zurecht zu kommen. Die Sicherheitsleute zwangen mich, das Foto zu entfernen. Wir Betroffene sind im Patter gewesen. Abgeschirmt von uns saßen die Promis. Ex-Bundeskanzler und Ex-Bundespräsident und ein Haufen Justizbeamte schauten von oben herab auf uns. Frage: was haben die für uns geleistet? Heinz Fischer war über Jahrzehnte in der Politik.

Das traurigste ist, dass wir ihren Reden zuhören mussten, aber von uns niemand sprechen durfte

Ich selbst konnte nur weinen, und viele andere Betroffene. Gott sei Dank gab es den sozialen Notdienst, der mir Trost spendete.

Die Betroffenen ließen den Rednern den vollen Zorn spüren. Da war ich wieder stolz – wir, die von der Gesellschaft Ausgestoßenen, haben uns gewehrt. (Quelle)

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