Strukturen des Missbrauchs am Beispiel Emmanuel Macron

Lucas Cranach

Als ich 15 Jahre alt war, entjungferte mich die Mutter und vollendete somit, was sie zehn Jahre davor begonnen hatte, als sie mir winkte, heranzutreten, und mir ihre Vagina zeigte. Ich war also damals im gleichen Alter wie der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, als dieser seine Frau kennen und lieben gelernt hatte. Sie war damals seine Literaturlehrerin und mit 40 Jahren ebenso alt wie die Mutter von mir.

Nun sind die veröffentlichten Altersangaben, zu denen Macrons sexuelles Verhältnis zu seiner Lehrerin begann, etwas gespreizt. Manche berichten, er sei 15 Jahre gewesen und habe darob, um einen Skandal zu vermeiden, die Schule – pikanterweise ein Jesuitenkolleg – gewechselt. Da jedoch der Schulwechsel erst sein letztes Schuljahr betraf, nachdem er seinem Vater seine Liebschaft gebeichtet hatte, scheint sich inzwischen die Altersangabe von 17 Jahren durchzusetzen, in dem das Verhältnis begonnen haben soll. Macron selbst meint zu dem frühen Verhältnis: „Es war eine heimliche Liebe, die im Verborgenen geschah und auf viel Unverständnis stieß, ehe man sich selbst sicher waren.“ (Quelle IBTimes)

In der Gesprächssendung „Unter den Linden“ bei Phoenix beredete man letzten Montag den Ausgang der Vorwahl in Frankreich. In der Mitte der Sendung (ab 30:19) erwähnt man auch die Ehe der Macrons, die inzwischen zwanzig Jahre währt. Der Moderator Alfred Schier leitet mit mokanter Miene über zu der „herzerwärmenden Geschichte“, wie er sie nennt, und bezeichnet in diesem Zusammenhang Macron als „unkonventionell“. Die gefragte Anne Mailliet meint dazu, dass der Altersunterschied der Macrons – obgleich in der Tat unkonventionell – nur etwas für den Boulevard sei. Worauf Rolf-Dieter Krause einwirft, wenn es umgekehrt wäre, wenn ein alter Mann eine junge Frau hat, würde es keinen interessieren.

Hier der Gesprächsausschnitt:

An dieser nonchalanten Bemerkung kann man jedoch erkennen, dass es, was sexuellen Missbrauch und Ausbeutung von jungen Burschen durch ältere Frauen angeht, keine Sensibilität gibt; dass diese Form sexueller Übergriffigkeit schlichtweg übersehen beziehungsweise bewusst ignoriert wird, weil es dafür kein Standing, keine politisch korrekten Verhaltensmuster gibt. Denn im umgekehrten Fall: „40jähriger Deutschlehrer beginnt ein Verhältnis mit einer 15jährigen Schülerin“, wäre die Geschichte klar; die Posen der Empörung hierfür sind eingeübt, und niemand würde es wagen, dieser Empörung zu widersprechen, etwa mit dem Satz, wenn der Bursche 15 Jahre alt sei, sei eine solche Beziehung nicht strafbar. Abgesehen davon, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler auch in Frankreich strafbar gewesen wäre – weswegen Macron ja auch die Schule wechselte -, ist mir noch gut die Entrüstung in Erinnerung, als 2011 der schleswig-holsteinische CDU Vorsitzende zurücktreten musste, nachdem seine „unkonventionelle“ Affäre mit einer 16jährigen bekannt wurde.

Gerade dieses fehlende Standing „im umgekehrten Fall“ aber, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie blind unsere Gesellschaft bei sexualisierter Gewalt von Frauen gegenüber Männern ist. Diese Strukturen des Missbrauches sind unserer Gesellschaft scheinbar eingefleischt wie Flachsen und Sehnen, und es bedarf noch sehr viel Aufklärungsarbeit, um diesen Mißstand zu überwinden. Ob und wann dies aber geschehen wird, wage ich nicht abzusehen, so wie ich es derzeit einschätze, stehen wir nicht einmal am Anfang eines solchen Diskurses. Denn solange sexualisierte und körperliche Gewalt gegenüber Männern ein festes Mem der Werbestrategen ist, die uns diese spezielle Diskriminierung bildhaft aufbereitet allabendlich als Werbeschnipsel zur besten Sendezeit servieren, solange macht sich jeder, vor allem jeder Mann, lächerlich, der dagegen seine Stimme erhebt. Ja, ein solches soziales Standing in eigener Sache darf man vom heutigen Mann nicht mehr erwarten, dazu ist er zu feig, weil zu feminisiert, sprich auf „kusch“ konditioniert! Und solange das so bleibt, bleibt der sexuelle Missbrauch von Jungs halt nur „unkonventionell“.

Tatsächlich ist die Bigotterie der veröffentlichten Meinung gerade einmal wieder extraordinär. Der Boulevard bekommt sich über die Macrons nicht mehr ein, Bild befragt irgendwelche Hinterhofpsychologen zu dieser Konstellation und das Magazin Stern, das Brüderle als alten weißen Mann in infamer Weise niederschrieb, weil er eine aufdringliche Journalistin auf ihre Dirndlqualitäten hin ansprach, worauf sich das ganze Land in einem scheinheiligen #aufschrei zertwitterte, meint plötzlich, alte weiße Frau und junger weißer Mann wäre ultrahipp. Klar, da darf dann auch die Randbemerkung nicht fehlen, dass Macron jünger als sein Stiefsohn ist. Nur den naheliegenden Gedanken schreibt man nicht, das Brigitte Auzière, so hieß Macrons Frau als die ihn verführende Lehrerin, sich damals einen Burschen ins Bett nahm, der ihr Sohn hätte sein können.

So übertreffen sich die Heuchler, doch wäre der Fall Auzière/Macron zum Beispiel in den USA geschehen und aufgedeckt worden, wäre Auzière wegen Missbrauchs eines Schülers sicher für Jahre hinter Gitter gekommen. So wurde in Atlanta eine 36jährige Lehrerin zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie Affären mit einem 16jährigen und zwei 17jährigen Schülern hatte.

Gerade dieses zweierlei Maß mit dem hierzulande Missbrauch kommuniziert wird, widert mich maßlos an. Vor vier Jahren zur letzten Bundestagswahl, als es der Einheitspresse darum ging, die FDP aus dem Bundestag zu schreiben, gab es eine wahre moralische Massenhysterie, die in der Aufschreikampagne ihre Monstranz gefunden hatte, hinter der man vor Entrüstung gebläht her pilgerte. Und jetzt begegnet mir allüberall diese kaschierte Schlüpfrigkeit, mit der eine semipornografische Milfstory kolportiert wird. Alle, die das eigentliche an diesem Fall, den Missbrauch eines jungen Burschen und die eigene spießergeile Verlogenheit nicht reflektieren, zählen für mich zu den Landschaftsgärtnern, die die Strukturen des Missbrauchs in dieser Gesellschaft hegen und pflegen.

Dabei wurde hierzulande die Story von der alten geilen weißen Frau schon vor 20 Jahren ergiebig durchgehechelt, als die Journalistin Anne Rose Katz mit 70 Jahren nochmal reüssierte, indem sie ihre Affäre mit einem 40 Jahre jüngeren Liebhaber in den Talkbuden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausbreiten durfte. Nur wusste der reife junge Mann der Katz, anders als dies gemeinhin 15jährige tun, was er tat.

Wobei Katz an der Sexschraube auch in eine andere Richtung drehte, indem sie in einem Buch verriet, dass sie es bedauere, einst nicht mit ihrem Vater geschlafen zu haben. Das war kein seniles Geschwätz, sondern die bewusste Provokation einer sexomanen Narzisstin, um im Gespräch zu bleiben. Auch hier blieb die Empörung aus. So sieht es aus, wenn sich Frauen „unkonventionell“ geben. (Quelle SPON)

Zum Schluss „Mama“ von Heintje, bei dem es mir 1967, als ich ihn erstmals sah, speiübel wurde, und bei dem mir, als ich das Lied in dieser travestierenden Version von Heaweat sah, erneut die Schauer über den Rücken liefen. Gleichwohl, es zeigt für die Frauenseele pädophilen Kitsch vom feinsten.

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5 Gedanken zu “Strukturen des Missbrauchs am Beispiel Emmanuel Macron

  1. Ja, als Frau und Feministin muss ich zustimmen. Sexualisierte Gewalt geht natürlich in beide Ruchtungen. Wenn ich erinnere, dass meine Mutter mir einmal erzählte, dass sie meinen Bruder als Baby zu sich ins Bett legte, als mein Vater auf Dienstreise war, damit er sie beschützt. Schon diese Projektion ist übergriffig. Weshalb hätte sie etwas gegen sexuelle Übergriffe meines Vaters an mir tun sollen? Die Blindheit gegenüber sexualisierter Gewalt muss auch bei Frauen als Täterinnen aufhören. Es gibt Täter und Täterinnen und beides ist unerträglich und muss benannt werden. Danke für diesen Beitrag!

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    • Liebe Benita Wiese, danke für Ihren Kommentar. In den 80er Jahren stießen Feministen, nachdem sie begonnen hatten, sexualisierte Gewalt im privaten Umfeld durch Männer gegenüber Mädchen zu kommunizieren mit Schrecken darauf, dass auch Frauen Täterinnen sein können; denn es meldeten sich zunehmend auch Frauen in den frisch eingerichteten Beratungsstellen, die von Ihren Müttern, Großmüttern, Tanten, Schwestern und weiblichen Bekannten, Erzieherinnen und Lehrerinnen sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Und nachdem auch der Missbrauch von Jungen durch Frauen zunehmend bekannt wurde, reagierte die Frauenbewegung darauf sehr irritiert. Diese Irritation beschreibt Barbara Kavemann im Vorwort zu dem 1995 im Donna Vita Verlag erschienenen Buch „Frauen als Täterinnen – Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen“. Kavemann ist heute Mitglied in der Aufarbeitungskommission.

      Im Hellfeld des sexuellen Kindesmissbrauches erscheinen unter den Tätern heute rund 20 % Frauen. Allein dieser Anteil zeigt, dass die heutige Wahrnehmung weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibt, denn fast überall wird sexualisierte Gewalt als Männergewalt verstanden. So kommt es dann, wie jüngst in Argentinien, der Heimat von Papst Franz, geschehen, das öffentliche Erstaunen sehr groß ist, wenn der fortgesetzte sexuelle Missbrauch einer Nonne gegenüber Kindern bekannt wird; als wäre das alltägliche Verbrechen eine Ausnahme.

      LG Lotosritter

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