Meine Schuld (5)

Inzwischen sind zehn Monate vergangen, seitdem ich hier zuletzt Auszüge aus meinem Therapietagebuch über das Phänomen der Schuld veröffentlicht hatte, die ich als Opfer von Missbrauch und Misshandlung über Jahrzehnte bis zur Therapie meines Posttraumas empfand. Hier der Abschnitt in dem meine erste Therapeutin und ich uns zuletzt intensiv mit dem Aspekt der Schuld auseinandergesetzt hatten. Dieser Schritt half mir, dass sich das Schuldgefühl reduzierte. – Erst bei der nächsten Therapeutin konnte es sich in einem weiteren einjährigen Prozess lösen. Ich werde später auch darüber berichten.

15. Februar 2013

Wer in der Hölle lebt, dem ist die Hölle warm. Dies später in der Stunde gesagt, entspricht dem Punkt, den wir in der letzten Stunde erarbeitet hatten; nämlich, dass es mir in dieser Familie wie jemandem erging, der stets im Wald gelebt hatte und deshalb keine Vorstellung davon entwickeln konnte, dass es außerhalb des Waldes weites Land und Wiesen gibt. Ich kannte nur den Wahnsinn, der mich umgab, ahnte vielleicht, dass es auch eine andere Welt geben könnte, doch war der Umgang miteinander längst sektenhaft auf den inneren Zirkel hin ausgerichtet. Sich da dagegenstellen zu wollen, war kein Gedanke. Ja, das Konstrukt des Wahnsinns gab mir allein Halt und Rechtfertigung für meine hierdurch bedingte Lebenssicht, meinen Habitus und meine Gepflogenheiten. Durch dieses Raster sah ich die Mitwelt außerhalb der Familie, es waren Fremde, Feinde, Menschen, denen ich nicht trauen konnte, die mich verrieten, sobald sie nur ein wenig von dem Wahnsinn, der mir selbstverständlich war, hörten; meine Haltung, speiste sich aus meinem aufgesetzten Dünkel, meiner Angst vor Gleichaltrigen, meiner Zurückgezogenheit, meinen in der Einsamkeit gefundenen Interessen, meiner Hörigkeit, den Tätern gegenüber. Und meine Gepflogenheiten waren mein Saufen und Drogenkonsum.

Ich lebte im dunklen Wald und sah nichts als seine Dunkelheit und suchte nichts anderes als diese Dunkelheit und hasste nichts mehr als diese Dunkelheit und wollte ihr entfliehen und kam nie aus ihrem Schattenkreis heraus. Ein Kaspar Hauser.

Tenor, du trägst keine Schuld, weil du dich nie mit Schuld beladen hast. Und dennoch fühle ich mich beladen, weil ich mich dem Wahnsinn nicht zu entziehen vermochte. Dem steht wiederum die Ratio dagegen, die mir sagt, du konntest es nicht anders, denn du standst im Wald.

Zu Beginn der Stunde, zeige ich M.R. die Enthauptungsbilder der Eltern. Was ich dabei empfinde. Ich muss innerlich schmunzeln, es ist eine typische Therapeutenfrage, nicht ungerechtfertigt, doch weil heutzutage inflationär, bei jedem telegenen Blödsinn vorgetragen, irgendwie banal. Doch wie anders sollte man die Motivlage und ihren emotionalen Hintergrund erhellen, als durch diese Frage. Eher noch unangenehmer die Frage: Wie geht es Ihnen dabei? Gar nicht! Mir geht es dabei immer gar nicht. Denn ich bin keine gespaltene Persönlichkeit, der es anders ginge als ihr Tun und Erleben; als wäre mein Tun ein mich adaptierendes Objekt.

Also was rührt sich in mir, bei der Betrachtung der Bilder? Nun, zunächst ihre Anfertigung war ebenso vergnüglich wie belastend. Einmal eine Genugtuung auszudrücken, was ich von diesen Eltern halte, wie ich sie in mir tilgen möchte. Insbesondere befriedigte mich, das rote Blut und die offenen blutenden Mäuler zu malen. Zum anderen rührte, es zu zeichnen, an meiner Wut. Es hob sie, und ich musste darauf achten, zu zeichnen und nicht naiv zu schmieren.

Auch einer Bildinterpretation verschließe ich mich. M.R. meinte, ich gebe meine Bilder und Texte ab und spreche nicht darüber, ob ich da nicht ein Defizit verspüren würde. Nein, ich will mich lediglich durch Bild und Text offenbaren, ihr mein Bild von mir vervollständigen. Das allein ist meine Absicht, sie daran teilhaben zu lassen. Für mich ist es ein naheliegender Prozess. Zu zeichnen und zu schreiben, sind meine intensivsten Ausdrucksformen. Hierüber kann ich mich mir selbst mitteilen. Es ist quasi Therapie pro domo. Wollte ich indes die Bilder ausdeuten, würde ich sie beschränken, denn sie wandeln sich durch die Betrachtung. Egal wann ich auf das Bild blicke, es ist nie der gleiche Blick. Diese Betrachtungstiefe würde deutend nur verflachen, weil an eine Auslegung gebunden bleiben.

Was ich in der „Enthauptung der Eltern“ sehe, mag ich nicht sagen, aber was ich bei der Entstehung bedachte, darüber kann ich mich mitteilen, um den Analytikern eine Interpretationshilfe zu geben: Die Gestalten sind mit Bleistift vorskizziert, es gab dabei keine Korrekturen. Anschließend wurden sie mit Tusche und Feder gefasst. Wobei die Feder auf dem Papier schwer glitt und hierdurch der Strich noch derber wurde. Dann die Leiber nackt, die Eltern auf ihre schreckliche Leiblichkeit reduziert. Und ihr Leib als Schreckgestalt sichtbar gemacht. Ihre Körper und Gesichter ihrer realen Leiblichkeit angenähert, ohne sie wirklich treffen zu wollen. Die Augen und Mäuler aufgerissen. Ihr Entsetzen über die Wehrhaftigkeit des Kindes – das Köpfen. Die Mäuler rote Schlünde. Blutende Abgründe. Ebenso rot ihre Hände, an ihnen symbolisches Kinderblut. Die Geschlechtsmerkmale rot belebt. Die Köpfe fallend, als wären sie mit einem Streich von den Leibern getrennt worden. Das Blut beim Vater dunkler, bei der Mutter heller aus dem Hals spritzend. Es rinnt ein wenig über den Oberkörper. Die Leiber nicht hautfarben, sondern in Blau- und Violettönen. Blutende Untote. Fleckige Leichen. Bei der Mutter die Mamillen rötlich, beim Vater nur skizziert. Ihm fehlt das rotbraune Haar, das seinen Leib bedeckte. Sie stehen auf schmutzgrünem Grund, ich dachte dabei an Kot, Morast. Das war‘s, was ich beim zeichnen bedachte. Dazu das Senryu, das passender nicht sein konnte. Passend zur Verletzung der Eltern und ebenso unpassend zu ihren Taten. Ja, sie waren voller Selbstmitleid.

Vier Kinder gezeugt
Alle gut traumatisiert
Wir armen Eltern.

Sie sind mir widerlich, sagte ich, und schob die Zeichnung wieder in den Umschlag. Ob ich damit etwas verdrängen wolle, hakt M.R. nach. – Nein, sie sind mir in ihrer Leiblichkeit nur gerade widerlich geworden, und ich muss mich der Zeichnung entledigen, ehe sie mich triggert.

Nochmal Vergebung. Von wem ich Vergebung erwarte, fragt M.R. Von ihr, meine Antwort. Sie kenne meine Geschichte, und ich werde sie in solcher Ausführlichkeit niemandem mehr erzählen. Sie kennt meine Last, die nicht Schuld ist, sondern Verstrickung, Verstrickung in den Wahnsinn der Täter. Dennoch ist das Verlangen nach Vergebung immer noch da. Vergebung für meine Schwäche, meine Unterwürfigkeit, meine Hörigkeit. Oder bin ich damit auf dem Holzweg? Je näher ich einen Gegenstand der Vergebung betrachte, um so weniger ist er schuldbeladen, sondern nur banale Verwobenheit, psychische Übermächtigung durch die Täter. – Ich sollte sie bildhaft zerstückeln.

Unlängst las ich, ich sollte mir verzeihen. Indem ich mir selbst verziehe, nähme ich mir die Schuld. Ein Weg, der gangbar wäre, aber dennoch zu vernünftig, denn er versöhnt mich nicht wirklich mit meinen Gefühlen, mit dem speziellen Gefühl, dass Vergebung wichtig ist. Herrgott, Vater im Himmel, vergib mir meine Schuld. Eine Gebetszeile, doch sie trägt mehr. Sie trägt, was Vergebung für mich bedeutet, eine spirituelle Reinigung, eine transzendente Dusche. Doch es gelingt nicht. – Da bin ich, wo ich auch ganz am Anfang bei den probatorischen Stunden schon stand! – Es verkehrt sich immer wieder zu einem Brüten, einem Hoch- und Runterrechnen von Salden imaginärer Schuld, von intrusiven Bildern der Qual, in denen ich mich sehe, als hilflos tumben Tor, der von Schicksalsmächten bedrängt in seiner eigenen Tragödie herumstolpert. Ich bin Zuschauer und zugleich tragische Gestalt. Nein, da ist noch mehr, nämlich die Hilflosigkeit der Figur, die sich wie ein Schiffbrüchiger an aufschwimmende Trümmer klammert, um nicht zu versinken.

Nicht zu versinken, das war meine Aufgabe, meine Entwicklung, wie eine Pflanze auf der Schutthalde, die nicht aufgibt, sich in den Boden krallt und aus düsterer Grube dem Licht zustrebt. Überlebenswille trotz Hilflosigkeit, das ist der Kammerton meiner Entwicklung. Auf ihm baute meine Überlebensstrategie auf. Nur nicht absaufen, auch wenn der Kahn ständig voll Wasser schlägt. – Herrgott, Vater im Himmel, vergib mir meine Hilflosigkeit. Ja, da würde er mich wohl tröstend an seine himmlische Brust drücken, mein Haupt streicheln und lächeln: Bub, du hast das beste getan, was du tun konntest. Ich bin stolz auf dich. Ich freue mich für dich. Ich liebe dich dafür, denn du bist mir ein würdiger Sohn. Nimm meine Freude und meine Liebe als Geschenk für dein Leben, das du dir erhalten hast. – Nur der Bub in mir, begreift es immer noch nicht. Und mit jedem Sonnenaufgang muss ihn der liebe Gott nochmal herzen, damit er es für den einen Tag kapiert und ihn besteht.

Ähnliches sagte M.R., als sie meine Überlebensleistung und meine Resilienz zusammenfasste und meinem Begehren nach Vergebung gegenüber stellte. Ja, ich bin ein Held, der die Hölle durchschritten hatte, ohne dabei zum Teufel geworden zu sein. Der nichts von der Teufelsbrut annahm, auch wenn er dafür an Leib und Seele bluten musste.

Meine Geschichte ist schrecklich. Sie ist grauenhaft, schlimm, krank. Einen dieser Begriffe verwendete M.R. als sie meine Entwicklung skizzierte, um mich mit unbefangenen Augen darauf blicken zu lassen, woraus ich in stigmatisierter Verkehrung Schuld und Versagen ableite. Und diese Augen, ihre Augen füllen sich mit Tränen, und sie weint über das, was mir angetan wurde. Erwähnt die Szene, die ich in meinem Bericht festhielt, als wir vier Geschwister von drei bis acht Jahre alt im düsteren Gang vor der Schlafzimmertüre der Eltern standen und eins nach dem anderen mit dem Rohrstock exekutiert wurde. Es ist das Bild ihres vierjährigen Sohnes, dass ihr da vor Augen rückt; würde gleiches mit ihm geschehen, es wäre so verdammt krank und böse. Und sie erwähnt die besondere, von mir bis dahin noch nie richtig erkannte Abartigkeit, dass die Kleinsten am längsten auf ihre Tracht Prügel warten mussten. – Es fällt mir dazu ein, dass ich damals wartend dachte, dass er, bis dass die Reihe an mir ist, auf wundersame Weise aufhören würde, doch Wundersames gab es in diesem Haus nur, insofern ein Wunder den Schrecken zu steigern vermochte.

Staunen, kurze Befangenheit, dann Mitleid, Schmerz über ihre Tränen und dann das Begreifen, das ist mein Schrecken über den man weint. Man weint die Tränen, die ich nicht weinen konnte, weil Scham und Wut sie zurückhielten. Nun werden auch meine Augen feucht und ich sage, wie mich ihr Mitleid, ihre Tränen ein wenig dahin führen, den Schrecken zu begreifen, wie ihre Tränen mich zum Menschen machen und nicht mehr als Höllenbrut belassen, der es in der Hölle warm ist. Ihre Tränen konfrontieren mich mit dem abartigen Wesen meiner Familie auf eine mitfühlende Art, die ich bislang selten zuließ. Sie macht mich ein wenig hilflos, doch dass jemand mit mir Mitleid hat, tut mir gut, wirkt heilsam, hilft mir, mit mir selbst Mitleid zu haben.

Albträume begleiteten mich die darauffolgenden Nächte, als wollten die Höllenkräfte mich zurückzehren. Vermutlich ist es die tiefe in mir verbliebene Furcht, dass der Schrecken wieder erstehen könnte. Und schaue ich in die Welt hinaus, sehe ich den Schrecken als allgegenwärtigen Schatten. Das Böse ist um uns; doch es ist nicht mit uns.

22. Februar 2013

Schneetreiben vor dem Fenster. Es ist schön. Was fühlt man angesichts der Schönheit noch vom inneren Schmerz? Wenig, das Schöne überstrahlt den Schmerz. Lindert ihn durch seine Anmut. Schön ist zudem, was mit frischen Augen gesehen wird. Dann kann selbst der Schmerz schön sein. Er offenbart dann seinen Sinn, als Wunde, die auf das Heile weist. Schmerz verlangt Schonung. Ich sollte mich noch mehr schonen.

Gedankenfetzen, während ich in das Schneetreiben blicke. Die Schneeflocken, himmelwärts erschaut, wirken blaugrau, in der Straßenschlucht hingegen scheinen sie weiß. Zwischenwelten, Raumverwehungen. Kurz davor wagte sich der Bub hervor. Zögerlich, sehr schüchtern. Kaum hörbar. Erst ein wenig unwillig knatschende Töne, dann ein kurzes Gebrabbel, mit spürbar mehr Gefallen am wiegenden Klang und versteckten Wortbildungen. Er schämt sich daraufhin, weil er entdeckt wurde, weil man auf ihn aufmerksam wurde, auf ihn, der sich stets im Hintergrund verborgen hatte, der der Hüter des wahren Knaben, des Prinzen, war, während der Prügelknabe, die Schattenfigur, seine lederne Haut in der Welt zu Markte trug. Der Prinz und der Prügelknabe, eine Geschichte, die mich als Kind sehr erstaunte und die mir dennoch sehr eingängig war. Insbesondere als der Prügelknabe den Prinzen bat, nicht allzuoft über die Stränge zu schlagen, und der Prinz dies sofort verstand und sich daran hielt, denn der Schmerz des Prügelknaben war seine Beschämung, sein seelischer Schmerz.

Scham, Furcht und Zerbrechlichkeit bilden eine Melange des Gefühls, das mich anflutet und meine Augen mit Tränen füllt. Ich greife nach dem Taschentuch, kann mich über den handrollierten Saum wieder in Fassung schwätzen.

Zuvor gab ich M.R. einen Auszug aus der vergangenen Sitzung zu lesen. Es ging um den letzten Moment, ihre Tränen und mein Verlangen nach Vergebung. Nachdem sie zu Ende gelesen hat, erwähne ich die anhaltende Bewegung, die das Erleben der letzten Stunde in mir bewirkte. Das Gefühl, dass ihre Tränen mein Selbstverzeihen erleichterten. Den Eindruck, als wäre ein Bruch in der Wand so fachmännisch geschlossen worden, dass der Raum nunmehr so rund erscheint, als wäre er nie geborsten gewesen. Und das Gefühl, dass der Raum nun in sich selbst Orientierung sucht, sich selbst in seiner Geschlossenheit erst wieder neu finden und annehmen muss. Ja, so ist mein Empfinden, ich suche in mir die Orientierung, muss mich wieder verorten, mein Ich positionieren, das seiner gewohnten Mitte entrückt ist. Ich ist für mich nicht das, was ich bin, – ich bin unwirklich. Ich ist das, was die Mitte des Raumes ausmacht, und wenn der Raum frisch ausgewuchtet wurde, dauert es eine Weile, bis er sich wie selbstverständlich um seine neue Nabe dreht. Nun scheint sich der Mittelpunkt meiner Welt erneut einzupendeln, weil die Schuld sich verliert und meine Geschichte nicht mehr allein unterirdischen Ausgleich findet. Es scheint, heller um mich zu werden.

27. Mai 2013

Ich schreibe am Sonntag nach der Stunde. Am Freitag schlief ich nach der Therapie und blieb alsdann in mich gekehrt. – Die Erinnerungen an das zuvor notierte bleiben auch nach erneutem lesen vage. In der Stunde sprach ich davon, dass ich mich kaum an den Ablauf erinnere. Was in mir aufsteigt, ist der Schmerz, den ich durchlebte, die körperliche Qual und die Scham, ich sehe mich weinen und abwehren, und ich spüre, wie ich fliehen möchte, wie alles in mir drängt davonzukommen.

Die Erinnerung an den Traum, in dem ich versuchte, Knochen vom Vatertier – oder was es auch gewesen sein mag – abzulegen, rückte in den Mittelpunkt der Betrachtung. Was trieb mich, im Traum Knochen abzulegen? Die Tat verbergen, den Täter schützen? Sicher, die Tat und damit die Scham zu verbergen. Indirekt auch den Täter schützen, um mich zu schützen. Ich war der Täter, weil es seine Knochen waren. Meine Tat wollte ich verbergen. Meine Tat war mein Beugen, meine Unterwürfigkeit, meine Wehrlosigkeit. Meine Tat war seine Schändlichkeit, die ich zu verbergen hatte, um kein Weichei zu sein, dem das geschieht, was mir geschah. Ja, es wäre richtiger gewesen, den Knochen herzuzeigen, die Schändlichkeit zu offenbaren. Der Vaterknochen als meine Schuld. Aus ihm gelöst. Seine Tat mir zugeschrieben. Die subtile Scham, die falsche Scham, weil der Täter sich niemals schämte. Ich schaffe seine Leichen fort, ich bin sein Cleaner, und während ich seinen Kadaver entsorgen wollte, verbarg ich nur mich, mein Leid, meinen Schmerz, meine Schändung, meine Scham – ja auch meine unbegriffene, weil unschuldige Schuld.

Und wie Chairos, der Gott des richtigen Zeitpunktes, es so will, es wollte, hatten wir gestern (am Samstag) ein langes Gespräch mit Markus, der von seinem Vater, dem einstigen Frauen- und Kinderschläger und jetzigen Pflegefall erzählte. Er schilderte seine Not und Panik, als der Vater am Abend seiner Firmung die Mutter vom Balkon stoßen wollte, wie er ihn prügelte bis er aus Todesangst in die Hose defäkierte und ich hörte ihm zu, voll Schmerz, mich kratzend und mein eigenes Elend schlaglichtartig vor dem inneren Auge. Und wir sprechen über die Wut und die Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit, dem Täter seine Schandtat so vorzuhalten, dass er sich ob ihrer schäme. Nein, selbst wenn wir sie quälten, wie sie uns gequält hatten, wir könnten es in sie nicht hineinprügeln, sie wüssten immer einen guten Grund, warum sie schuldlos sind und wir ihre Schuld zu tragen hätten. Und es gäbe nur einen Moment, wo wir die Genugtuung erhielten, das wäre, wenn sie sich zu ihren Schandtaten bekennen würden und uns um Verzeihung bäten. Doch dies – und wir hatten dabei beide nasse Augen – würde nie geschehen.

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5 Gedanken zu “Meine Schuld (5)

  1. „Nein, selbst wenn wir sie quälten, wie sie uns gequält hatten, wir könnten es in sie nicht hineinprügeln, sie wüssten immer einen guten Grund, warum sie schuldlos sind und wir ihre Schuld zu tragen hätten. Und es gäbe nur einen Moment, wo wir die Genugtuung erhielten, das wäre, wenn sie sich zu ihren Schandtaten bekennen würden und uns um Verzeihung bäten. Doch dies – und wir hatten dabei beide nasse Augen – würde nie geschehen.“

    Besser wäre der der Sinn, bzw. der Unsinn der geschilderten Konstellationen und ihrer Dynamiken wohl kaum zusamenfassbar, denke ich.
    Ein Absurdum in sich.
    Ein „Damit müssen wir leben, wir können es aber eigentlich nicht“.
    Es enthält m.E. ein implizite Frage nach einen Warum, die sich nicht stellen lässt, deren Antwort so klar einerseits, wie unbegreiflich andererseits ist.
    Fast eine Art Koan, nur eben eines, das aufzulösen so unmöglich, wie sinnlos ist, weil es trotzdem immer ein Bild bleibt, das aber gleichzeitig in ganz realer Form und wirkmächtig vorhanden ist.
    Sozusagen ein echtes Abbild eines Trugbildes, das ein echtes Abbild der Realität beschreibt.
    Fatalismus?
    Nun, kann eine logisch zwingende Erkenntnis gleichzeitig fatal sein?
    Ich fürchte ja ….
    Wie ist ein Weg zu beschreiten, den es nicht geben kann?
    Keine Schuld

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    • Danke, für Deine Worte. Mir fiel spontan der Begriff der Hyperbel ein, der Kegelschnitt. Eine Kurve mit zwei aufeinander bezogenen Ästen, die sich gleichen, beide sind ins Unendliche angelegt. Das bedeutet es gibt einen Wendepunkt, der in meinem Fall spätes akute Posttrauma war. Danach entfernt mich zwar jeder Genesungsschritt von dem Ereignis, bleibt aber zwingend darauf bezogen. Es gibt somit kein enteilen, sondern nur entfernen und letztlich keine wirkliche Gesundung im Sinne von Los- oder Ablösung. Opfer haben demnach anders als Täter in der Tat lebenslänglich.

      Was bleibt ist die Wut, zumindest bei mir, die Täter nie wirklich stellen zu können. Solange die Eltern noch lebten, hatte ich es immer wieder einmal vergeblich versucht. Letztlich blieb nur, sie als Persona non grata zu behandeln, und der Schmerz, das Verbrechen nie vergelten und damit auch nie verzeihen zu können. Vergeben kann ich es ohnehin nicht, denn es bleibt mir als Antipode, egal wie weit ich mich auf dem gesunden Ast der Hyperbel vom anderen Ast entferne; womit ich es nie ab- und deshalb auch nie vergeben kann.

      Ja, es ist gewissermaßen ein Koan, eine Lebens-Koan. Nur am Ende steht nicht erleuchtete Klarsicht, sondern immer wieder Sammlung im Hier und Jetzt; schmerzlicher kann wohl Erleuchtung nicht sein. So schrieb ich gestern, ehe ich den Beitrag hier zusammenfasste über meine augenblickliche Verfassung:

      Ereilt mich ein solch dissoziativer Zustand, bin ich mir fern, fern meinerselbst und meiner Meinhaftigkeit, eher ein fragmentiertes Etwas mit eingeschränkter Wahrnehmung, nicht Person, nicht System, sondern eben ein zersplittertes Wesen ohne seelischen Schwerpunkt, der Ich sein könnte. So bin ich welt- und selbstverloren und ohne Impuls, mich in mir zu zentrieren, um in den Tag zu gelangen und in ihm Tag zu sein. Kein Zustand der Erleuchtung, diese Art der Ichlosigkeit, sondern vielmehr eine Form der Entleuchtung oder des Verglimmens; ähnlich dem Lichtphänomen, wenn am Weihnachtsbaum eine Kerze nach der anderen erlischt. So erlösche ich auch immer wieder einmal.

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  2. Hallo Lotosritter, das ist sehr schön ge- und beschrieben. Vielen Dank.
    Aber lebenslänglich haben wir nicht. Keineswegs. Auch wenn der Narzissmus der Täter nicht aufzulösen, nicht an sie heranzukommen ist. Na und? Im Grunde gehen Sie diese Menschen und ihre furchtbaren Mechanismen nichts (mehr) an. Und irgendwann haben die auch nichts mehr mit Ihnen zu tun.
    Sehr schwer fand ich, das Ausgeliefertsein anzuerkennen, und meine Hilflosigkeit, und Wehrlosigkeit. Schuldgefühle kommen aus der Hoffnung, man hätte womöglich etwas ausrichten können, und das versäumt. Vergessen Sie’s. Ohne Hilfe von außen (und die gab es nicht, damals nicht – und für die heute Betroffenen gibt es sie oft auch nicht) war nichts zu machen, außer dulden. Und sich, mit welchen Schaden anrichtenden Strategien auch immer, wappnen. Um zu überleben.
    Soweit ich das einschätzen kann, schreiben Sie ja hier auch, berichten der Aufarbeitungs-Kommission, damit heute Betroffene nicht so alleine dastehen, und sich mit Hilfe von außen wehren und rausarbeiten können. Das ist m.E. deutlich wirksamer als der Versuch, krankhaft narzisstische und übergriffige Menschen vom Verbrecherischen ihres Tuns zu überzeugen.

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    • Liebe Nicht-die-einzige,

      dass wir nicht lebenslänglich haben, sagt mir meine Psychiaterin auch. Nur sehe ich es gleichwohl ein wenig anders, denn durch die zwanzig Jahre Missbrauch und Misshandlung, die ich durchlebte, bin ich geprägt und zersplittert. Da bin ich gründlich unter einen Panzer geraten. Es gibt in dem Sinne nicht einmal ein gesundes vorher. Also kann es nur ein minimiertes Leiden nachher geben, in dem ich die Illusion von Komplettsein gewinne. Mehr erwarte ich auch nicht als Therapieziel. Dennoch würde ich jederzeit noch mehr klaglos annehmen. Ob ich allerdings die Albträume je verlieren werde, weiß ich nicht, denn die begleiten mich, seit ich denken kann, Nacht für Nacht. Meine süchtige Disposition wird mir auch für den Rest meines Lebens bleiben.

      Was die Täter angeht, stimme ich Ihnen hingegen unwidersprochen zu, die sind die Abgründe, die man hinnehmen muss. Es ist gänzlich sinnlos sie auszufüllen. Ja, ich habe es an den Tätern, die mich schändeten und an anderen Tätern, die meine Freunde missbrauchten, ablesen können: das einzige was die betrübt, ist nicht ihre Tat, sondern ihr Selbstmitleid darüber, dass ihre Opfer ihre Schandtaten nicht vergessen und nicht vergeben mögen.

      Ja, und mein Behuf für dieses Blog ist in der Tat mein frommer Wunsch, dass von sexuellem Missbrauch Betroffene eventuell eher ihren Teufelskreis verlassen und eher und intensiver therapeutische Hilfe erlangen. Eine weitere Intension ist zudem, dass therapeutische Hilfen stringenter und nachhaltiger werden; deshalb meine wiederholte Forderung nach soliden traumatherapeutischen Ausbildungen und der Errichtung von Standards und Qualitätskontrollen. Letztlich darf es nicht sein, dass unfähige Psychotherapeuten ihre Klienten retraumatisieren. Wie allerdings eine solche Qualitätskontrolle aussehen mag, weiß ich selbst nicht. Im Grunde müsste es eine Schulung für Patienten geben, damit die befähigt werden, die Spreu vom Weizen zu trennen.

      LG Lotosritter

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  3. „Dennoch würde ich jederzeit noch mehr klaglos annehmen“ 🙂
    Ich weiß ja nicht, was man / frau so unter „heil“ und „gesund“ und „Lebensfreude“ verstehen kann, soll, darf. . . Freilich, es gibt diesen „Kaspar Hauser“ in uns. Die Erinnerung daran, wie man lieber tot sein wollte, als weiter so zu leiden, und womöglich noch mehr zu leiden, aber das mit dem Totsein ging auch nicht.
    Ich habe den dringenden Verdacht, dass wir Opfer sexueller Gewalt auch dazu „benutzt“ werden, den Kaspar Hauser, die Not, die Angst, den Schmerz, die das Leben als Körper auf dieser Erde nun einmal mit sich bringen kann, zu „parken“. Damit die „anderen“ sich davor gefeit fühlen können.
    Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache.
    Aber ich will den Kaspar Hauser gar nicht loswerden, und auch nicht die Erinnerung an die Not. Viele Menschen wissen nicht, was sie Gutes haben. Ich weiß und empfinde es tief. Oft auch eine Dankbarkeit, und ich glaube, die schadet nicht. Verbundenheit, durchaus auch, mit Menschen, mit dem Universum. Wenn ich die Einsamkeit und den Schmerz nicht gekannt hätte, wäre ich vielleicht genauso nölig drauf wie andere Zeitgenossen.
    Womit ich nicht sagen will, dass es traumatische Erfahrungen braucht, um Freude und Dankbarkeit am und fürs Leben zu empfinden. Das geht bestimmt auch anders. Aber zu finden, es gebe gar nichts anderes als heil und satt zu sein, ist wahrscheinlich auch keine gute Voraussetzung.

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