Meine Schuld (6) und Schluss

Im Zusammenhang mit den gewonnenen Erkenntnissen über Täterstrategien berichtet die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs in ihrem ersten Bericht (S. 59):

„Betroffene berichten immer wieder von der destruktiven Macht ihrer Schuld und Schamgefühle, welche auch die Suche nach Hilfe erschwert hätten. So wurde den Betroffenen nach der Manipulation ihrer Genitalien ein eigenes Lusterleben zugesprochen, oder ihnen wurde das Gefühl gegeben, die Tat selbst provoziert zu haben.“

Ja, die Scham- und Schuldgefühle reichen tief und wirken nachhaltig. Bei mir währten sie bis zu meinem 64. Lebensjahr, ehe ich mich dank zweier Psychotherapien davon befreien konnte. Nachdem die erste Psychotherapeutin schon sehr gute Arbeit leistete und mir grundlegende kognitive und emotionale Einsicht in die Irrationalität meiner Schuldgefühle vermitteln konnte, half mir schließlich meine zweite Therapeutin in der unmittelbar anschließenden Therapie soweit, dass ich mich heute nicht mehr schuldig fühle. Dennoch blieb mir ein Rest von Scham, der mich gelegentlich hindert, die erlittenen Verbrechen der Vergewaltigung und sexualisierten Gewalt beim Namen zu nennen. Der Grund meiner durch PTBS als Spätfolge der Verbrechen bleibt nun mal ein indezentes Gemütsleiden, von dem die Mitwelt lieber verschont bleibt.

© Jörn / pixello.de

Die zweite anschließende Therapie war dank des Fonds Sexueller Missbrauch möglich, wofür ich äußerst dankbar bin. Denn ohne die so schnell anschließende Therapie wäre ich mit meiner psychischen Salutogenese noch lange nicht so stabil, wie ich es inzwischen bin. Gleichwohl leide ich immer noch an den Symptomen meiner komplexen PTBS. Eine weitere Therapie steht demnächst an.

Hier der letzte Teil meiner Therapietagebucheinträge zum Thema Schuld.

8. August 2014

Zwei Schrecken und zwei Wohltaten hält der Tag für mich bereit. Es wird ein schöner warmer Tag, eigentlich schon ein erster Frauendreißiger. Ein angenehmer Sommertag voll Schönheit und Schrecken, gleich der Mutter.

Mit dem Aufstehen sehe ich doppelt. Das rechte Auge ist rot entzündet. Zudem plagt mich ein Schwankschwindel, der durch die Sehstörung noch verstärkt wird. Ich laufe über gebogenes und zersplitterndes Pflaster zur U-Bahn. Bei S.B. angekommen, habe ich mir mittlerweile einige Tricks angeeignet, wie ich mit der absurden Sicht umgehen kann.

Auch mit der Sicht auf meine absurde Vergangenheit kommen wir einen Schritt weiter. S.B. musste mich zwei-, dreimal erinnern, weiter zu atmen, weil die anfängliche Spannung mir die Luft nahm.

So konnte ich bei der Betrachtung von Scham und Schuld, zunächst „keine Schuld“ nicht aussprechen. Unvermittelt hatte ich eine Sprachhemmung, die mich nicht sagen ließ, dass ich mir durch das Verbrechen keine Schuld aufgeladen hatte. Erst über den Umweg, indem ich über mich in der dritten Person sprach, wurde die Sicht auch Wort. Auf S.Bs. Frage, was ich dabei empfand, als ich über „k …, k …,“ nicht hinauskam, nannte ich nach einer Introspektive: „Scham“.

S.B. bot dazu folgenden Gedanken zur Überlegung an: Die Täter fern jedem Schuld- und Schamgefühl lassen fremdschämen. Ihr Opfer nimmt diesen Impetus auf und schämt sich statt ihrer ob der erlittenen Tat. Ja, sie machen gar das Opfer für ihre schamlose Geilheit verantwortlich. Wegen dir konnte ich mich nicht mehr beherrschen … Schmerzlich ist die kognitive Dissonanz, einerseits zu wissen, dass die Scham unvernünftig ist, andererseits dass das Empfinden von Scham einen stets so unvermittelt und ungewollt immer wieder einnimmt. Was wiederum ein weiterer Anlass für Scham ist, da die eigene scheinbare Einfältigkeit offensichtlich wird, seiner Empfindungen nicht Herr zu sein.

Wir sprechen über die Nähe der Mutter und ihre subtile Übergriffigkeit. So erinnere ich mich daran, wie sie mich daheim manchmal herzte, indem sie meinen Kopf, wenn ich sie stehend umarmte gegen ihre Scham drückte. Es war beengend.

Später im Heim, ich war fünf Jahre alt, pinkelte sie vor mir bei offener Klotüre. Ich stand da und sah ihr zu. Die pinkelnde Mutter war mir ein vertrautes Bild. Doch dann stand sie auf und hob den Rock ihres Kleides hoch, so dass ich ihr haariges Dreieck sehen konnte. Sie befahl mir näher zu treten, deutete in ihren Schritt und sagte: Da kommen die kleinen Kinder raus. Sie ließ den Rock nicht fallen, sondern wartete, bis sie sich gewiss war, dass ich alles gesehen hatte. Ein, zwei Tage später, ich dachte über das Gesehene und Gesagte nach, fragt ich die Tante der Spatzengruppe, ob sie auch Haare da unten hätte. Eine knallende Ohrfeige machte mir klar, dass ich nunmehr ein verbotenes Wissen besaß. Ich behielt es für mich.

Die Mutter so nah. So nah, dass ich sie riechen kann, und in der Tat habe ich während der Stunde ihren Geruch in der Nase. Dieser seltsame Duft nach Frau und Mutter, den ich nicht mochte, der mich aber stets anwandelte, wenn ich die Eltern, als sie noch möbliert in einem Zimmer zur Untermiete wohnten, aus dem Waisenhaus heraus besuchen durfte. Dann hatte ich übers Wochenende ihre Nähe und ihren Geruch. Ich schlief mit ihr im gleichen Bett. An so manchen Morgen zupfte ich ihr die grauen Haare. Das war oft ein zeitraubendes Ritual. Dazu legte ich ihre Haare von einer Seite zur anderen. Man plauderte dazu. Sie war mir nah, umfasste mich, drehte mir den Rücken, wendete sich wieder. So verjüngte ich sie. Es endete meist in Kuscheln und Schmusen. Es war angenehm, doch selten schön, denn es ließ mir kaum Luft, verpflichtete mich viel eher, als dass ich gekost wurde. Dann wurde ihr Geruch unerträglich.

Häufig stand ich mit der Mutter in der kleinen Küche, sie herzte mich dann, drückte dabei meinen Kopf gegen ihre Scham und streichelte ihn. Vielleicht sagte sie dazu: „Mein Böckchen“, ich erinnere es nicht. Jedenfalls klagte sie mir dann oft ihr Leid über den Vater, der so mürrisch sei, den man nicht stören dürfe. Er war mir fremd und seltsam.

Im Gegensatz zur Mutter die Tanten, die einen auf den Schoß zogen und herzten, die meisten aber ließen einem Raum. Einige aber waren wie die Mutter, die dich umschlossen und verschlingen wollten. Gleichwohl war es besser, den Tanten nachzugeben, denn war man unlustig, zu schmusen, wurden auch die lieben Tanten meist garstig. Das Bübchen hatte sich zu fügen …

Zum Ende der Stunde war ich geschafft. Zwischendurch ein glockenhelles Lachen von mir – selten in dieser herzhaften Tonlage. Es war der Gedanke an den Fehlgriff der Mutter, die einst reich heiratete, und dem kleinen Sohn dann in der Kombüse des möblierten Zimmers ihr Leid über die Geschäftsuntüchtigkeit des Vaters klagte. Es war für den Moment ein absurdes Bild. Es war aber zugleich eine späte kleine Befriedigung meiner Wut. Ihre damalige Bitterkeit über ihr Schicksal, entschädigte mich für einen Augenblick.

Nach der Stunde, sehe ich noch immer doppelt. Die Überlegung schwankt zwischen Sehstörung und Schlaganfall, d.h. Innere oder Augenklinik. Ich entscheide mich für Augenklinik.

Später erzähle ich Ruth von einer Szene in der Augenklinik. Als die Ärztin mein durch die Behandlung tränendes Auge mit einem Papiertuch trocknete, empfand ich das als eine mütterliche Geste. Schon wurde mir bange, denn ich erwartete einen Trigger, doch es löste sich nichts aus, es kam kein Flashback, kein Schrecken; die Geister regten sich nicht. Dann kam mir, dass die Mutter mir nie die Tränen aus den Augen wischte. Es waren einzig die Tanten, die mich trösteten und die, wenn es arg war, mir „Heile, heile Segen“ sangen.

Sechs Tage später

Die Therapie geht weiter und wir steigen dazu in den Keller hinab. Die gewollte und gefürchtete Konfrontation mit dem Unsäglichen geschieht … geschah … doch, wo ich dazu berichte, ist sie noch so nah, als wäre sie nur unterbrochen … Der ganze restliche Tag ist von der Wucht der Konfrontation belegt. Irgendwann am Anfang sprach S.B. von einer Bewältigungsstrategie, der Videoprojektion, der Regiearbeit, mit der ich das Geschehen anders rückspeichern könne, und ich höre mich nur: „Nein, nein, nein“, sagen, denn ich will, dieses Elend überhaupt nicht sortieren, umschichten und irgendwie endlagern. Ich will es nicht … Ich will die Bilder nicht, ich will sie nicht betrachten, nicht wissen, mich nicht damit beschäftigen. Nein, der Regisseur meines Elends möchte ich nicht werden. – Da verlasse ich mich lieber auf mein Gottvertrauen. Er wird’s richten, wenn wir Ihn lassen, meinte die Nonne auf der Frauenwörth. Es ist die Bereitschaft, Führung anzunehmen. Ein Thema, dass mich am Anfang meiner Therapie umtrieb, diese Führung wieder wahrzunehmen und annehmen zu können.

Meinem unbewussten Mäandern, meinem Ausweichen, über dies und das zu reden, nur nicht über das, setzt S.B. gerade in dem Moment ein Ende, als es mir selbst auffällt, und ich unentschlossen bin, ob ich es beenden oder nicht doch schlechterdings fortführen möchte. Nun also exploriert sie: wie kam es dazu, was geschah. In wenigen Schritten sind wir da, wo ich zwar hin will, wovor ich mich dennoch fürchte. Und der Schmerz, die Scham, die Wut werden mich wieder übermannen, so wie mich am Anfang das sprachlose Entsetzen übermannte, und ich mich erst wieder orientieren musste, wo ich bin, und mich dabei zusätzlich die violetten Töne des Zimmers irritierten, weil sie mich an die Mutterfarbe erinnerten und damit ein Triggerpotential besaßen. Sprachloses Entsetzen versiegelt mir den Mund. Wieder empfinde ich die ganze Scham und Wut, dieses Warum-musste-mir-das-Geschehen; das ich mir in dieser Form auch indirekt vorwerfe, als trüge ich Schuld daran, weil ich es zugelassen hatte. Ich schaue die beiden Teddybären lange an. Besonders der blaue Bär lockt mich aus meinem Versteck. Vermittelt dem ängstlichen Part in mir Stabilität und ermöglicht es mir, zugleich aus dem Vordergrund zu sprechen, während der affektiv vibrierende Part im Hintergrund bleibt. Und so dringen die Worte aus mir und skizzieren, über was wir eine lange, lange Stunde sprechen werden.

Es ist der Morgen der Schändung, in dem so viele meiner Albträume gründen. Über zwei, drei der Bilder vermag ich mich zu nähern. Die Schlüsselmomente des Missbrauchs sind das Morgengrauen, die Papa-Papa-Rufe der Mutter und ihre schwimmenden Mamillen. Ich beschreibe die Bilder, über ihr verworten, nähere ich mich dem Aussätzigen. S.B. beginnt mit ihrer Exploration.

Ich erinnere den Ablauf nicht mehr genau. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, die ich zu einem Bild zusammenfüge; zu einer weiteren Erzählung meinerselbst, einer weiteren Form von Meins, zu einer Seelen-, Gefühls- und Seinsgestalt, einem Wesen, das sich mir ebenso wie ich mich ihm nähert, auf dass wir dereinst zusammenwachsen, ein komplettes Meins darstellen, in dem ich bruchlos Heimat finde. – Schöne Worte, doch in dieser Weise taste ich mich immer wieder an diesen Text heran, an die Fortsetzung meines Tagebuchs der Wandlung. Ich erzähle mich, wie ich mich neu zusammenfüge, korrigiere, ergänze und weiter komplettiere.

Dazwischen kullern die Tränen. Mal ein kindliches Schluchzen: „Ich mag das nicht, ich mag das nicht!“ Gelegentlich wehrt sich Meins auch physisch gegen die Gegenwart des Schreckens. Ja, es sind bald 50 Jahre her und doch ist er spürbar gegenwärtig.

Ob sie mich vorher angefasst, direkt stimuliert hat, fragt S.B. Ich weiß es nicht. Sie hat nach mir gegriffen, als sie sich hin- und herwälzte, doch wo und wie sie mich angegriffen hat, weiß ich nicht. Gewiss, da hat die Geschichte eine narrative Schwäche, doch es geht mir nicht darum, solche Schwächen phantasierend oder mutmaßend zu füllen. Ebenso erinnerungslos ist der Moment: wie kam ich auf sie …? War sie auch untenrum abgedeckt, schlug ich ihre Bettdecke weg? Ich bin über ihr und sie greift nach unten, um ihn einzuführen … oder tut sie es nicht? Auch hier bin ich mir unsicher. Neige aber dazu, ihre Aktivität in diesem Moment zu erinnern. Zweifelsfrei erinnert sind die wabernden Mamillen. Dieses Bild dominiert gemeinsam mit der olfaktorischen Wahrnehmung die Erinnerung. Der Geruch ekelt mich heute; damals war er mir unangenehm. Ich meine damit den warmen Geruch von Frau; nicht von jeder Frau, sondern den der Mutter … manchmal riechen Frauen danach oder sie assoziieren bei mir mit ihrem Geruch diese Geruchserinnerung.

Erinnert sind auch die körperlichen Empfindungen. Das „erste Mal“ so ‑ und damit auf immer hintergründig belebt, nicht beliebig, nicht lieblich, nicht verliebt, sondern Tabu und von allen bösen Geistern sanktioniert, dementsprechend die Albträume. Gottlob vermochte ich die Schimären stets bei meinem Zusammensein mit Ruth zu bannen.

Zum Zeitpunkt, zu dem ich mich ihr nicht mehr widersetzte, dachte ich mir: Nun, wenn du es willst, besorg ich es dir. S.B. meinte, dass dies die wörtliche Wiederholung einer Sequenz von dem war, was ich berichtete, als ich zuhören musste, wie die Eltern es einst neben mir trieben. Dann wäre ihr Papa-Papa-Locken kein verdrehter, aberwitziger Code gewesen, sondern eine klare Ansage nach dem Motto: Ich Tarzan, du Jane – im Klartext: Ich Frau, du Papa. – Jedenfalls erinnere ich mich aktuell, dass ich bereit war, diese zugewiesene Rolle auszufüllen. Dann machst du ihr halt den Alten, mag wohl der affektive Gedanke dazu gewesen sein.

Und dann das Nichtgeschehen, das Nichtseinsollende, das Verbotene, ich spreche darüber, höre ihre Laute, sehe ihr Gesicht, sehe das Wabbelnde, sehe das Morgenblau, die mir fortan auf immer verworfene Stunde. Nein, es war nur dieses eine Mal; nein, ich kam nicht, antworte ich S.B. Es war ein Laut von ihr, ein Stöhnen, der mich zu Sinnen brachte, und ich mir die Frage stellte: Was tust du da? Und ich einhielt, zögerte, und aus ihr ging, und mich auf meine Seite des Bettes warf, ihr den Rücken kehrte und den toten Mann mimte, obgleich meine Erregung schmerzlich anhielt, und sie nun wieder begann, sich zu wälzen, nun eindeutig nach mir griff, mich zurückziehen wollte, und Papa, Papa rief, als wäre der Code nicht längst verbraucht … Ich blieb toter Mann und begann zu beten: Lieber Gott, lass es nicht gewesen sein. Doch Er hielt die Uhr nicht an. Ich versuchte, es mantraartig aus meinem Gehirn zu löschen: Es war nicht, es war nicht, nichts ist geschehen. Und solange ich das Mantra durch den Kopf jagte, war scheinbar nichts, doch mit jedem Innehalten, war das ganze Elend wieder da, die wenigen Minuten des Warnichts ließen sich nicht mehr aus der Welt schneiden, sie waren geschehen.

Irgendwann gab sie Ruhe in meinem Rücken; schlief ihren Rausch aus. Ich blickte ins Morgenbleich. Du bist nicht da, du bist nicht da, das andere Mantra, das mich begleitete, irgendwann schlief ich ein. Betrunken war ich nicht mehr.

Der Morgen danach? Ich habe keine Erinnerung daran. Erst der Nachmittag hat ein Bild. Sie steht in meinem Zimmer am Bügelbrett und bügelt im Morgenrock. Wiederholt nestelt sie am Revers des Morgenrocks, um die beim hin- und herführen des Bügeleisens sichtbar werdende Blöße ihrer rechten Brust zu bedecken. Sie erinnert mich an versoffene Gangsterliebchen aus dem Film noir. Sie habe gestern nacht immer Papa gerufen, stelle ich fest. Sie schaut nicht auf, sondern sagt nur nachdrücklich, das hast du geträumt. Nun denn, dann hab ich es geträumt … Ich träumte Jahre davon, doch zu einen einzigen bösen Traum wurde die erlittene Schändung nie. Die Albträume waren eigentlich immer da; Ruth weckte mich mehr oder minder vom Anfang unseres Zusammenseins an immer wieder aus einem Alb. Verschlimmert haben sich die Träume etwa ab meinem 40. Geburtstag. In dieser Zeit entstand auch das, meine Träume über eine Dekade hinweg beherrschende, Traummotiv: das Haus des Unheils mit dem Raum des Tabus.

S.B. ist sehr besorgt um mich und gibt sich viel Mühe, in mein aufgewühltes Gemüt, in die Panik, die mich beherrscht, beruhigend, tröstend und bestimmt durchzudringen, mein Meins zu erreichen, um mir zu sagen: Sie haben keine Schuld. Selbst wenn Sie es von sich aus wollten, und die Mutter bedrängten, selbst dann wären sie ohne Schuld. Ich verstehe, da wird der Verstand angesprochen, damit ein wenig davon tiefer in die emotionale Ebene dringt. Immer wieder wiederholt sie den Satz: Sie haben keine Schuld; als wollte sie ein scheuendes, hoch nervöses Pferd beruhigen. Ich selbst nehme mich in einem seltsamen Zustand wahr. Als sei ich am Grund einer Schlucht, die mir nur wenig Ausblick bietet, so verengt bin ich. So auf der Flucht bin ich. Nur weg, und doch bin ich in dem Zimmer. S.B. zu meiner Linken. Ich blicke auf die Bären. Sie helfen mir, anwesend zu bleiben.

Dass ich den Tabubruch abgebrochen habe … Nein, das sind meine Worte, um nichts hässlicheres, wütenderes zu schreiben! S.B. formuliert es eingängiger. Dass Sie nicht weitermachten, mitten im Geschehen aufhörten, hebt Sie weit über die Sache. Es sei eine ungewöhnliche resiliente Entscheidung gewesen. Offensichtlich war da in dem ganzen niederträchtigen Zusammensein, in der ganzen deprivierenden Entwicklung, ein unbeschadeter Kern in mir geblieben. Ein unschuldiger Raum, der von den Wüstlingen nicht verwüstet werden konnte. – Ich sehe es im Rückblick auf meine Geschichte schon länger so. Mein Schutzengel muss wohl, auch wenn es für ihn oft unmöglich war, mir sehr nahe gestanden haben und ein besonderes Talent besitzen, mein Seelenherz zu schützen, damit es rein wie ein Lotos allen Schmutz überragt und von sich abgleiten lässt.

So viel, so kleingliedrig habe ich noch nie über diesen Schrecken geschrieben. Ich schreibe schon den vierten Tag daran. Es ist die sprachbedachte Art, wie ich darüber schreibe, die mir Abstand gewährt. Es ist eine schreibende Dissoziation. Ein Lied, das ich singe, seine Melodie, sein Rhythmus machen das Erzählen leichter, denn die Form dämpft die aufsteigenden Gemütswallungen. Die Sprachfindung wird zum Filter. Gleichwohl ist es nur so möglich, mich darüber zu äußern.

Zugleich zeigt es mir, dass inzwischen viel geschehen ist; ich auf meinem Weg ein gutes Stück vorangekommen bin. So konnte ich am Anfang in der Therapie bei M.R. noch nicht einmal das Wort Schuld aussprechen und das, was ich jetzt skizzierte, nur mit dem Code XXL umreißen. Der Schmerz über die erlittene Schändung[1] blieb dadurch ebenso unbestimmter, diffuser, bedrohlicher. Er ist heute nicht weniger überwältigend, nicht minder verwirrend und konstriktiv, indes er ist erkennbarer, bestimmter, adressierbarer.

Wie kam es dazu? Um diese Frage drehten sich schon die letzten Stunden. Wir begannen mit der ersten Übergriffigkeit, als sie dem Fünfjährigen ihre Scham zeigte. Wie sie ihn zum Haarzupfen in ihr Bett bannte. Wie sie ihn beschmuste, und er diese Zärtlichkeiten auch gerne annahm; aus seiner Verlassenheit heraus; daraus die Scheu, sich dagegen aufzulehnen. Da nahm er ihren Geruch in Kauf. Wie sie neben ihm vögelte, und den Buben dabei miteinbezog, indem sie ihn mit ihrer Sorge und Lustangst indirekt ansprach: Wenn du wach bist, sei still! Wie sie sich zu ihm manchmal betrunken ins Bett legte und ihn oft heftig beschmuste und ihm dazu Ziele für ihre Zukunft aufgab, ihr weißer Ritter zu werden, ihren Stolz zu nähren und ein großer Architekt zu werden. Dazu weinte sie, weil der Vater ein Versager war, und der Bub tröstete sie und versprach ihr, einst schöne große Häuser zu bauen.

So wie er da beschmust wurde, so beschmust keine Mutter ihr Kind, da war ihre Not zu spüren, ihre Bedürfnisse, ihre Armseligkeit und all das trug sie ihm ‑ trug sie mir an. Ich weiß nicht, was sie mir in jener Nacht antrug, als wir bis in den Morgen zusammen soffen. Jedenfalls saß sie in Unterwäsche am Tisch und zechte mit mir. Der Vater war verreist. Ich weiß nicht, wie wir vom Tisch ins Bett kamen. Ich weiß nur, dass wir für eine kurze Weile normal lagen; sie auf ihrer, ich auf der Vaterseite.

Es war nur einmal. Doch es änderte wenig in ihrem sexualisierten Verhalten zu mir. So erzählte sie mir über die Zeit hinweg, wie sie mit ihrem Kurschatten umging und sehr detailliert, wie sie es mit dem Anwalt meiner Schwester getrieben hatte, als diese wegen Mordversuches vor dem Jugendrichter stand. Und ebenso soff sie mit mir weiter, mal angezogen, mal in Unterwäsche. Es hörte erst auf, als ich das Haus verlassen hatte. Und selbst danach nicht wirklich, immer wieder bestellte sie mich zu sich in die Arbeit, um mir irgendwelche kleinen Geschenke zu machen, ein bisschen Geld zuzustecken. Und stets wenn ich mit Ruth bei ihr war, machte sie irgendwelche Gesten, die ihren Besitzanspruch auf mich symbolisierten. Vieles davon bemerkte ich, ebenso vieles übersah ich, weil ich es erst viel später einzuordnen vermochte.

Wie abartig sie tickte, konnte ich Jahrzehnte später beobachten, als sie nach einer längeren Operation auf einer Intensivstation im Durchgangssyndrom lag. Da phantasierte sie Kolportagen mit Personen aus ihrem Umfeld rund ums Krankenhaus und allesamt handelten nur vom Durcheinanderficken.

Es ist Dienstagnacht geworden. Es ist kein Ende des Berichts, es ist kein Ende meiner Geschichte, es ist nur Erschöpfung. Zumindest habe ich ein wenig Boden gefunden, hänge nicht mehr im Stupor, bin auch nicht mehr verwirrt. Allmählich komme ich zu mir, und frage mich, was ich mich fragen sollte …

Fazit der Stunde. So deutlich, so häufig, so emphatisch und intensiv wie von S.B. habe ich bislang noch nicht vernommen, dass ich keine Schuld trage, dass ich eine erstaunliche Resilienz besitze. Ich weiß darauf – neben Dank – nur zu sagen, dass es mich tröstet, ich deswegen aber nicht in die Heldenrolle schlüpfen werde. Die kognitive Dissonanz bliebe dennoch bestehen, dass ich mich einerseits vernünftigerweise unschuldig weiß, und dennoch ein vages Schuldgefühl auch nach über 100 Stunden Therapie noch vorhanden sei. Blicke ich darauf, sind es immer noch die Aktivität und Funktionalität, was mich beschämt und Schuld empfinden lässt.

… eine kognitive Dissonanz, so S.B. hätte mich auch gegen meine spontane Einsicht den Akt fortsetzen lassen können, und dennoch, selbst wenn es so gewesen wäre, hätte ich keine Schuld auf mich geladen. Ja, ich stimme zu, und weiß, dass das Schuldgefühl sich nicht von vernünftigen Einsichten lenken lässt.

28. November 2014

Lange geschlafen. Traumgehacktes, ohne Erinnerung, jedoch mit Furcht unterlegt. Freitagabend. Erst nach dem Schwimmen finde ich wieder Grund und komme spürbar in der Wirklichkeit an.

Samstag. Vermehrte Intrusionen, verbunden mit starker Traurigkeit.

Sonntagnacht, Montagmorgen, noch immer schreibe ich an der Niederschrift der letzten Stunde, noch immer bin ich sehr still und verschlossen. Befreit fühle ich mich nicht, aber vielleicht erleichtert. Es ist auch viel Zeit dazwischen, zu der ich die Niederschrift fliehe, Ablenkung suche. Und jedesmal, wenn ich mich hinsetze, um den Bericht fortzuschreiben, braucht es große Disziplin, um nicht, wieder flüchtend, die Zeit zu verplempern. Schließlich wird es Mittwochmorgen bist die Fortschreibung aus der letzten Stunde fertig wird.

Donnerstag. Barbaratag. Eine Nachbereitungsstunde. Wie erging es mir danach. Habe Schwierigkeiten mich zu finden, das Meins, auf das der innere Beobachter … Hahaha, da ist kein innerer Beobachter, sondern ein Raum, in dem sich etwas findet, das dann beschrieben wird. ‑ Klar ist da ein innerer Beobachter; denn wenn die Binnensicht beschrieben wird, muss sie jemand wahrnehmen. Nein, es kann sich die Sicht auch selbst mitteilen. Sicht und Mitteilung müssen nur intraflektiv nicht subjektiviert sein. – Schönes Kauderwelsch! Okay, ich habe Selbstfindungsstörung und damit auch Sprachfindungsprobleme, doch nach mehreren Anläufen finde ich einen Anker, von dem aus das Innen nach außen zu dringen vermag.

Ich beginne mit meiner Außenwahrnehmung; so wie ich meine, mich meiner Umgebung gezeigt zu haben: Schweigsam, maulfaul, konstriktiv, scheu. Weiter spreche ich von meiner Verwirrtheit, von meinem Gefühl allmählich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, von meinem affektiven Lauten, von meinem Staunen darüber, dass ich das erste Mal so detailliert und komplex von der Schändung sprechen konnte. Bislang war es nur bruchstückhaft, oder im Rahmen der Exposition nach Wahrnehmungskategorien geschichtet möglich. Nun wissen S.B. und ich gemeinsam und umfassend um diese Geschichte; sie ist nicht mehr nur ein Datum, sondern ein offenbarter Teil von Meins; so bin ich nicht mehr allein mit dem Schrecken; schließlich erklärte meine Stimmung während der Konfrontation das vergrabene Entsetzen und somit mein stilles Erleben, meine stumme Last. Nun ist die Geschichte in der Welt, und S.B. ist mein Zeuge, denn Meins war während der Sitzung in einem sehr aufgewühlten Zustand und dementsprechend eingeschränkt Zeuge in eigener Sache. – Meins ist der Versuch, mich als komplett zu behaupten, sprich meine Zersplitterung in einem Raum oder in einem gefassten Spiegel, wobei jeder Splitter und jeder Raum ein Stück meinerselbst, ein Teil zum ganzen ist.

Sehr geholfen hatte mir die Auflösung am Schluss der Sitzung, als S.B. mantraartig wiederholte: Sie tragen keine Schuld. Indem Sie es beendeten, handelten Sie mehr als gesund. Es war mir eine enorme Beruhigung und ein sanftes Hineintragen in meine sich mal wieder neu formende Wirklichkeit. Später, bat ich per E-Mail um eine Wiederholung des Mantras, um die Worte, die Melodie, den Rhythmus der Genesung und Stärkung in mir aufzunehmen und weiter schwingen zu lassen. Ja, dieses Mantra bewegte ein anderes Rad der Wiedergeburt.

Die Antwort, die ich erhielt, berührte mich tief und sie trägt die Melodie, des Schlussakkords fort:

Sie tragen keine Schuld!!!

Die Krankheit lag im System Ihrer Familie.

Sie haben den Beginn einer sexuellen Beziehung zu Ihrer Mutter gegen deren Impuls und Ihre eigene körperliche Erregung und Ihre Sehnsucht nach fürsorglicher mütterlicher Liebe und Zuwendung SELBST beendet.

Ihr Familienmodell übergriffiger, missbräuchlicher und schädigender Normalität fiel in Ihnen nicht auf fruchtbaren Boden, was Sie sogar innerhalb dieses Systems in Ihrer unreifen Struktur aus eigenen Ressourcen heraus erkannt und intuitiv gespürt haben.

Selbst kaum zurechnungsfähig im Rausch, haben Sie damit auch Ihre betrunkene Mutter vor weiterem Missbrauch Ihrer beider geschundenen Seelen geschützt, ob sie das wollten oder nicht, sie sogar am nächsten Tag konfrontiert, so wie es Ihnen möglich war.

Die Rolle eines Erwachsenen gegenüber der eigenen Mutter in einer derartig beschämenden Situation zu übernehmen, zeugt von großem Mut und gleichzeitig von der grenzenlosen Verwahrlosung der elterlichen Fürsorgepflicht Ihnen gegenüber!

[1] Vor der Korrektur stand hier „meine Schändung“. Zur Korrektur entstand dieses Senyru: „Schreib: meine Schändung / Erschrecke und streich es aus / Sie ist erlitten.“

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