Narbenschmerzen

Heute stieß ich auf einen Text, den ich am 2. Juni 2011, zwei Monate vor dem Tod der Mutter schrieb; dem Weib, das mich ein Jahrzehnt lang von meinem fünften Lebensjahr an mit seiner sexualisierten Gewalt bedrängte, ehe es mich schließlich zum Beischlaf manipulierte. Ich notierte die Gedanken just in jener Phase, als ich noch ohne Traumatherapie war und dafür ersatzweise in einschlägigen Foren zum Thema schrieb, die heute seltsamerweise alle eingestellt wurden. Jedenfalls kenne ich kein Forum mehr im Internet, in dem man sich speziell über erlittene sexualisierte Gewalt durch Frauen austauschen kann. Am Ende des Textes zeichne ich mir eine Perspektive von Genesung, die ich mir damals noch als Ergebnis meiner Salutogenese erträumte. Inzwischen weiß ich, dass ein solches Ausheilen des Traumas kaum möglich sein wird, zu komplex ist meine Persönlichkeitsstörung als Folge des Missbrauchs, als dass ich je komplett werden könnte. Es werden darum wenn, nur oberflächlich verheilte Seelennarben bleiben, und diese Narben werden auch immer wieder aufbrechen, bluten und schmerzen. Ich skizziere zwei Trigger. Der erste gilt der Mutter. Der zweite dem Vater, der seine Lust darin fand, seine Kinder in einem perversen Ritual blutig zu schlagen, und dem das mit mir und meiner Schwester nicht genügte, sondern zuerst mich und später sie vergewaltigte.

Zwei Trigger, zwei Bilder

Du schriebst: „Es macht mich nur eben auch bitter, wenn ich an alles andere denke, was in unserer Familie geschehen ist.“

Ja, mein Freund, das ist die Eigenschaft von Abgründen, dass sie voller Schründe und dunkler Nischen sind, und dass es einen immer wieder schaudert. Sie waren so. Die Eltern waren arme Irre, böse Kranke, verbogene, angepasste Figuren, unter Nazis, Mördern und Heuchlern sozialisiert. Sie waren Spießer, Ausgestoßene, Säufer und brave Bürger mit einer liebenswürdigen Fassade. Sie waren selbst voller Angst, fürchteten sich vor der Dunkelheit in sich und ihrer inneren Verwüstung, die sie nach außen projizierten. Oh ja, ich kann ihr Profil gut skizzieren, ganz in der heute üblichen therapeutischen Kausalitätswahrnehmung so viel Verständnis zeigen: Böse Eltern = missbrauchtes Kind = späterer Täter – und diese Kette hängen wir uns seit Karl dem Großen um und flechten sie bis ins 4. Jahrtausend fort.

Es ist eine Wahrnehmung, die ich ablehne, jeder Mensch hat zu jedem Moment die Wahl, sich für das Böse oder das Gute zu entscheiden. Die Gründe, warum er den scheinbar bequemeren Weg im Bösen geht, sind vielfältig. Tief in der Täterseele aber haben sie mit Lust zu tun. Es gibt die Lust am Bösen, die Lust, Gewalt über andere zu besitzen und sie auszuüben. Die Macht über sein Opfer macht den Täter zum Gott. Und gottgleich zu sein ist höchste Lust, ist Täterlust. Die eigene verkrüppelte Seele an anderen aufzurichten, indem man sie zerbricht, das ist ihr Behuf.

Du schriebst: „Ich hatte beim schreiben den Eindruck, dass sie meine Erinnerung manipuliert hatte.“

Aber sicher, mein lieber Freund, tat sie es. Kein Täter sagt zu seinem Opfer: Verstehe, ich habe Lust, Dich zu quälen, Du kannst nichts dafür, ich kann nur nicht anders. Nein, da wird dem Kind eine Abweichung vorgehalten, oder man kommt ihm mit Güte, weil man nur das beste für es will. Dabei will man es nur zerstören, rein aus der Machtlust heraus, dies tun zu können; und weil es den Täter stimuliert, ihn anmacht. Da wird dem Kind gesagt, an was es sich zu erinnern hat. Dass es böse gewesen sei, dass es auf schlimme Stellen geschaut und sich schlimme Dinge gedacht habe. Und die liebe Tante, die liebe Mutter rückt das ganze wieder zurecht, korrigiert mit Liebe und Behutsamkeit und fasst das Kind dort an, wo man es nicht anfassen darf. Und das Falsche macht dem Kind gar Lust und ein angenehmes Gefühl. Und das Kind erfährt wieder einmal, wie böse es ist, weil es das Falsche schön findet. Ja, die Tante, die Mutter haben recht, du bist abgrundtief böse, andernfalls würdest du das Schlimme nicht noch schön finden.

Und selbst die Angst, wenn du auf die angekündigten Schläge wartest, macht dir Lust, weil sie deine Eingeweide verdreht, dir das Hirn verdunkelt, und weil allein der Schinder dich schließlich hiervon erlösen wird. Indem er seine böse Lust exekutiert, befreit er dich von ihrem Übel. Die Entspannung und Befriedung, die in deinen blutenden Leib nach der Exekution einkehrt, vermittelt dir ein Gefühl von Liebe, die dir der Täter gewährte. Denn er schlug dich nicht tot, sondern nur blutig. Und er endete, als es unerträglich war. Ja, er hat dich liebevoll erlöst. Ja, er klagte manchmal danach, dass er nur wegen dir so Schreckliches habe tun müssen; doch er verzieh dir, schließlich hattest du deine Lektion bekommen.

Ja, mein lieber Freund, sie verstanden es perfekt, dein Fühlen und Denken zu verdrehen, so dass du noch als junger Erwachsener, die Hand deiner Folterer küsstest, weil du tief in dir davon überzeugt warst, dass es so richtig war, wie sie mit dir umgingen. Ja, selbst als ausgereiften Menschen haben sie dich noch am Wickel, und du denkst ihnen in all der Schändlichkeit, in der du sie jetzt siehst, noch etwas gutes zu. – Das ist das besonders Schlimme, was ich rückblickend erkenne, nämlich die Gehirnwäsche, der sie dich unterzogen hatten. Sie ist in hermetischen Sekten kaum anders. Am Ende hättest du dich noch wie 1978 die Anhänger von Jim Jones in Jonestown, Guyana, in die Warteschlange eingereiht, um deinen Becher voll Gift zu erhalten und trinken zu dürfen.

Glaube mir, mein Freund, die Zerstörung, die sie anrichteten ist unauslotbar tief, ja sie erfasste Leib, Psyche, Seele und Geist, und es brauchte eine starke Resilienz samt einem guten Gott, dass du nicht geworden bist wie sie. Aber es braucht ebenso viel Tiefblick und noch ein wenig mehr, damit dich das Erlittene nicht mehr grämt, sondern die Narben ausheilen, und ihr Wetterschmerz dich nicht mehr in vergangene Nächte reißt.

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