Es bleibt ein wandelnder Albtraum

Am Rande des Parks stand ein verlassenes Haus mit zerbrochenen Fenstern und ohne Türe. Einmal nur stromerte ich als Junge durch das Haus. Es war unheimlich in ihm. Matratzen lagen in manchen Zimmern auf dem Boden, und es sah aus, als würden dort hin und wieder Obdachlose übernachten. In den oberen Räumen gab es schlimme Bilder an den Wänden. Mit schwarzer Farbe gezeichnet standen und lagen da nackte Frauen. Mit roter Farbe hatte ihnen jemand zwischen die Beine gepinselt. Sie bluteten die Frauen und schrien aus der Wand. Mich schreckten die Bilder fürchterlich. Ich wagte kaum zu atmen oder aufzutreten. Langsam ging ich rückwärts aus dem Zimmer, damit mir das sichtbar Böse nicht in den Rücken fallen konnte. Schnell lief ich die Treppe hinab und stürzte aus dem Haus und betrat es nie wieder und machte fortan stets einen großen Bogen darum. Irgendwann war es abgerissen worden; und ich war sehr darüber erleichtert, dass der Teufel nun kein Haus mehr besaß.

Doch viele Jahre später ‑ der Teufel hatte inzwischen in Muttergestalt dem Jungen die Jünglingsschaft geraubt; der Junge war längst zum Mann geworden und hatte diese Begegnung mit dem Teufel tief in sich vergraben ‑ erstand das Haus wieder in seinen Träumen.

Es waren schlimme Albträume, die mich plagten. Ich bewohnte das Haus am Park. Es war renoviert und bot ein gemütliches Zuhause. Die Zimmer waren freundlich, warm und das Sonnenlicht zeichnete helle Bahnen auf die Böden. Es war schön, hier zuhause zu sein. Doch das Haus hütete ein Geheimnis. Irgendwo in ihm die Treppe hinauf gab es ein Zimmer, das es nicht gab. Es lebte dieses Zimmer und es lockte mich, doch ich wehrte mich gegen den Lockruf. Ich wusste, in diesem Zimmer wohnt das Böse. Das absolute Grauen. Ein unnennbarer Schrecken, der alle vorstellbaren Schrecklichkeiten in sich barg und noch überbot. Und egal, wie ich diesen Raum auch mied, er kam zu mir. Er verbarg sich unter dem Boden in jedem Zimmer. Und er war dort oben. Hinter dem letzten Zimmer. Es war ein ganz und gar verbotener Raum. Wer ihn betrat, war für immer verloren.

Inzwischen zerstörte die permanente Anwesenheit des Bösen, die gute Stimmung im Haus. Ich musste hinauf und die Renovierung fortsetzen; den verborgenen Raum hinter dem letzten Raum öffnen und ihn bewohnbar machen. Doch sobald ich hinaufging, packte mich das Grauen. Ich wollte fliehen, doch es ging nicht, ich war wie gelähmt, nur langsam vorwärts tappen war noch möglich. Gleichzeitig zog mich das Schreckliche in den Keller hinab. Es steckte auch in den Fundamenten, nicht nur in diesem verborgenem Zimmer, hinter dem letzen Zimmer. Es war so unvorstellbar tief und dunkel. Ich wusste, es ist verboten, dieses Zimmer darfst du niemals betreten. Doch das Zimmer wurde sichtbar, obwohl es keinen Weg zu ihm gab, keine Türe in es hineinführte. Es war mit einem Mal da, und um mich herum. Und ich wusste, ich muss den Zugang finden, damit ich seine Türe für immer verriegeln kann. Doch es ließ das nicht zu. Es wollte mich besitzen, ummanteln, verzehren, vernichten. Der Teufel wollte mich ganz einatmen.

Geh nicht weiter, wach auf, schau hin was es ist, werde weich, damit du ihm entkommst, es seine Macht verliert … Doch dieser Trick, mit dem ich einst, erwachsengeworden, mein Geburtstrauma überwand, half nicht. Das war damals der eine Albtraum, der mich von Kindesbeinen an verfolgte. Dieser Alb war ein großes grauweiß lichtes Gebilde, mal wie eine Walze aus weichem Stoff, mal wie ein dichter Nebelhaufen oder greifbarer gleich einer leichenhäutigen Blase, aber immer unglaublich mächtig. Die infantile Amnesie hätte diesen Alb gar nicht zulassen dürfen, doch offensichtlich war der Horror, in diese Welt, in diesen Abgrund gepresst zu werden, mächtiger, als es die enzephale Physiologie schonend verhindern hätte sollen. Und so bildete sich dieser Höllensturz in mir ein. Die leichenblasse Blase verfolgte mich, und ich entfloh ihr. Sie setzte mir nach, und ich lief weiter, bis ich irgendwann schreiend aufwachte. Doch dann, während einem Biwak in den Bergen, als sie wieder auf mich zuwalzte, war ich schlicht zu müde, diesem Alb zu entfliehen, und blieb. Harrte einfach aus und lud ihn ein, mich zu überwältigen, und da verlor er sich, verlor seine Macht und kam nie wieder.

Das Böse aber, das sich in meinem neuen Albtraum hinter dem letzen Raum verbarg und das ganze Haus beherrschte, ließ sich nicht austricksen. Es wusste, wo ich mich verbarg. Und wenn ich verharrte, um es über mich ergehen zu lassen, kehrte es sich nicht ab, sondern griff noch wütender nach mir, zwang mich, auf es zuzugehen, dorthin wohin ich nicht wollte, in die grauenhafte Finsternis. Dann wusste ich mir nicht zu mehr helfen und sprach die Zauberformeln aus dem Exorzismus, schlug Kreuze und Bannkreise, sprühte mit Feuer und Weihwasser, doch mein Wehren machte es noch stärker, bis ich schließlich erwachte, weil mich meine knurrenden Flüche und Bannsprüche weckten. Schweißgebadet saß ich im Bett, schnaufte durch und schlug ein Schutzkreuz in alle vier Himmelsrichtungen, zum Himmel und zum Boden. Wenn ich danach aufstand, harrte es manchmal noch in einer Zimmerecke, und wieder schlug ich Bannkreuze, bis es sich auflöste.

So quälte mich dieser Alb über Jahrzehnte bis ich bald 50 Jahre alt war. Und dann, eines morgens, als ich wieder den nächtlichen Schrecken Revue passieren ließ, erkannte ich schlagartig, was der Traum bedeutete: Das Böse war deine Mutter, es war ihr Inzest mit dir! Das war der verbotene Raum, den ich nie betreten wollte, und der mich in sich hineinreißen wollte. ‑ Da war mir ebenso schlagartig klar, dieser Wahnsinn muss ein Ende haben, und ich begann, einen Therapeuten zu suchen.

Der Albtraum selbst kam, nachdem ich ihn aufgedeckt hatte, nicht wieder. Er kam jedoch in anderer Form zurück, jedoch nie mehr mit dieser grauenhaften Gewalt. Er war milder, und immer, wenn ich eine neue Variante des Albs enthüllte, ihm seinen Schleier entzog, erschien er schwächer in neuem Gewand. Die Zeiten zwischen den Albträumen werden zudem länger; dachte ich am 15. 10. 10, als ich diesen Text niederschrieb, doch die Wirklichkeit war eine andere.

Die Nächte wurden wieder grausamer, der Schrecken dichter und in altbekannter Manier bedrohlicher. Zwischendurch träumte ich den Tabubruch als Mord, den ich begangen hätte, und fand mich mit dem Schrecken des Unabänderlichen konfrontiert. Eine zeitlang war ich Nacht für Nacht damit beschäftigt, Leichen zu verstecken und versteckte Leichen umzubetten. Dann erhellte sich mir auch die Geschichte dahinter. Und wieder wandelte sich der Alb.

Doch längst war das Posttrauma ausgebrochen, und der erlittene Wahnsinn aus Kindheit und Jugend umstellte mich auch tagsüber mit Flashbacks, abartigen Assoziationen und Halluzinationen. Inzwischen sind die Albträume derart zerbröselt, dass sie einem Schutthaufen des Schreckens gleichen. In jedem Brocken, in jedem Brösel und Staubkorn währt der Schrecken fort. Da ist nichts mehr zu entschlüsseln, das ist immer wieder dieselbe Hölle, in die ich einst geworfen wurde und die mir seitdem des nachts nachstellt, sich mir erinnert, als wollten mich die Teufel nicht lassen, weil ich ihr Lieblingsbratenstück bin.

Also fliehe ich in meinen Albträumen und komme nirgendwo an, da ein Hindernis nach dem anderen mich abhält. Oder ich sortiere unendliche Puzzles, die nie fertig werden. Ja, Nacht für Nacht wälze ich wie Sisyphos einen Stein den Berg hinauf, der mir Morgen für Morgen entgleitet und wieder hinab in die Hölle rollt, damit ich ihn in der kommenden Nacht wieder zum Gipfel wuchte. Die Symbolik ist so platt wie stimmig. Da ist nichts mehr aufzuschlüsseln, du träumst den Missbrauch und die Misshandlung über das Erbrechen hinaus. Es ist ein Müllberg, den man heute mit Erde abdichten und Entgasungsschächte hineinbohren würde, aus deren Kaminen dann das Höllenfeuer brennt, damit seine Ausgasungen weder Mensch noch Tier vergiften.

Ja, so bin ich in einer gewissen Weise zum Wiedergänger geworden, der die Sünden der Ahnen an sich selbst läutert. Der des Tags durch das Spiegelkabinett der Intrusionen tappt und des Nachts seine Seele den Alben öffnet, damit die ganze böse Wut durch ihn zieht und sich verliert. Als wäre ich der Christus, der in die Hölle fährt, um den alten Adam von seiner Erbsünde zu befreien, um letztlich selbstbefreit gen Himmel zu steigen.

Ja, so ist es, wenn ein Überlebender sexualisierter Gewalt zu Bett geht, um auszuschlafen und anderntags munter aufzustehen. Da gibt es wenig Erholung. So überlebt man als Opfer seinen Seelenmord. – Ich werde dieser Tage mit einer neuen Therapie beginnen. Es werden maximal 80 Stunden sein, die Seele wird danach ein wenig kuriert aber nicht heil sein. Und ich werde danach zwei Jahre warten müssen, bis ich, sofern ich es überlebe, eine neue Seelenkur, sprich Psychotherapie, beginne. Sisyphos lässt grüßen.

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