Auch wegsehen ist Täterschaft

Chauchilla Kindermumie

In seinem Buch „Bummel durch Deutschland“, einer Reflektion seiner Deutschlandreise, die er 1878 unternahm, sinnierte Mark Twain im Anhang über die deutschen Tageszeitungen und berichtete unter anderem über einen Fall von Kindesmisshandlung mit Todesfolge, die er richtigerweise als Mord eingestuft hatte. Er zitierte dabei wortwörtlich aus einer Tageszeitung.

Es ist ein Bericht, der ebensogut heute hätte verfasst worden sein können. Vor allem die Leute im Dorf, in dem der Bub umkam, bekamen mit, was mit ihm geschah, doch sie schwiegen dazu; ja sie zeigten sich gar unbarmherzig für das Leid des Kindes, dass hörbar in seinem Kotter verhungerte; so wie heute die meisten Menschen schweigen und diejenigen, die einen Verdacht haben, zu lange schweigen, anstatt ihn zu melden. Es ist eine unleugbare Tatsache, das physische und psychische Kindesmisshandlung sowie sexueller Kindesmissbrauch durch unser Wegschauen begünstigt wird.

Die meisten Leute sind befangen, wenn sie in ihrer Nachbarschaft solche Machenschaften beobachten. Sie fürchten sich davor, den sozialen Frieden im Ort zu stören, wenn sie sich in familiäre Belange einer anderen Familie einmischten. Damit stellen sie ihre Befangenheit über die Gesundheit von Leib und Seele eines Kindes. Diese Furchtsamkeit aber gefährdet den sozialen Frieden mehr als ein mutiges Wort, selbst wenn man sich gelegentlich in seiner Wahrnehmung irrt.

Darum, falls Sie einen Verdacht haben, dass ein Kind in Ihrer Umgebung misshandelt oder missbraucht wird, denken Sie an das Hilfetelefon! Das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ ist die bundesweite, kostenfreie und anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten. Es ist eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten.

Die Nummer des Hilfetelefons ist: 0800 22 55 530

Hier nun der 140 Jahre alte und durchaus aktuelle Abriss von Mark Twain:

»Von Oberkreuzberg, 21. Januar, erhält die Donau-Zeitung einen längeren Bericht, dem wir kurz folgendes entnehmen: In Rametnach, einem Dorf bei Eppenschlag, lebten seit Georgi v.J. zwei junge Eheleute, welche außer einem Knaben mit 2 Jahren noch einen zweiten, illegitim der Mutter mit 5 Jahren hatten. Aus diesem Grund und da dem Knaben von einem Verwandten in Iggensbach auch 200 fl. (in heutigem Wert ca. 4.000 €) vermacht worden waren, scheint derselbe dem unbarmherzigen Stiefvater im Wege gewesen zu sein und sollte hiernach ein grausames Opfer der unnatürlichen Eltern werden. Der Knabe wurde nämlich langsam ausgehungert und zeitweise schrecklich mißhandelt, wie jetzt die Dorfleute zu spät erzählen. Man sperrte ihn in ein Loch, von welchem aus er weinend die Vorübergehenden um Brot bat. Diese und ähnliche Mißhandlungen dauerten bis zum 3. Jänner, an welchem Tage ihnen der Knabe endlich erlag. Der plötzliche (sic!) Tod des Kindes machte Aufsehen, um so mehr, als man dessen Leiche mit Kleidern angetan sofort auf die Bahre legte. Der Totenbeschauer machte deshalb Anzeige, und am 6. Jänner wurde an der Leiche durch eine Gerichtskommission von Grafenau die Sektion vorgenommen.

Welch ein erbarmungswürdiger Anblick bot sich da? Der Leichnam war ein vollständiges Skelett. Die Gedärme, selbst der Mastdarm waren leer, nur mit Gas gefüllt, ebenso der Magen. Das Fleisch am Leibe war keinen Messerrücken dick und das Seziermesser konnte keinen Tropfen Blut aus demselben hervorbringen. An der Haut war nicht ein Fünfmarkstück großer gesunder Fleck am ganzen Körper: Nur Wunden, Narben, braun oder mit Blut unterlaufen; selbst an der Fußsohle zeigten sich Wunden. Die Rabeneltern wollten glauben machen, der Knabe sei ein bösartiges Kind gewesen und habe deshalb gezüchtigt werden müssen. Zuletzt sei er noch über eine Bank gestürzt und habe sich das Genick gebrochen. Allein auf Grund des Resultates der Sektion wurden sie verflossene Woche verhaftet und in das Gefängnis von Deggendorf abgeführt.«

Mark Twain weiter: Ja, sie wurden verflossene Woche, also zwei Wochen nach der gerichtlichen Untersuchung, verhaftet! Wie vertraut das klingt! Diese Art von polizeilicher Fixigkeit erinnert mich ein Gutteil mehr an mein Heimatland, als der deutsche Journalismus es vermag.

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