Statements zur Resilienz

 Auch in diesem Jahr twitterte ich zum Tag der Resilienz unter dem Hashtag „Resilienztag“. Dazu verlinkte ich Lieder, die Mut, Trost und Stärke vermitteln wollen. Ostermontag ist der Tag der Resilienz, weil der Gekreuzigte sich am Abend des zweiten Tages nach seiner Auferstehung erstmals seinen Jüngern zeigte. Von den Toten auferstehen zu können, dürfte wohl die vollkommene Form von Resilienz sein. Diesen Anspruch haben Überlebende von Kindesmissbrauch nicht. Doch viele von ihnen haben eine bemerkenswerte Kraft nach schlimmster Deprivation, Missbrauch und Misshandlung doch ein annähernd „normales“ Leben zu führen.

Allerdings vermögen auch etliche Überlebende diese Kraft nicht in sich zu heben. Ihr Leben bleibt verschattet. Es ist ein Leben im Schatten der Täter respektive im Schatten ihrer Taten. Dieser Schatten kann sich in unterschiedlicher Weise auswirken, er ist in jedem Fall eine psychische Belastung, die mitunter zum Selbstmord führt.

Um an diese Belastung Überlebender zu erinnern, wurde der Tag der Resilienz geschaffen. Er soll darauf aufmerksam machen, dass Überlebenden von Kindesmissbrauch therapeutische Hilfe zuteil wird, damit sie ihr Potential an Resilienz wecken beziehungsweise Fertigkeiten erlernen können, die den Möglichkeiten der Resilienz nahe kommen. Damit Überlebende überleben können, brauchen sie vielmals eine nachhaltige psychotherapeutische Begleitung. Diese zu gewährleisten ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit und somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es ist aber auch eine stets Forderung der Überlebenden, die sie an die Politik und insbesondere an den Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) und die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs(UKASK) richten. Leider verhallen dort bislang diese Forderungen. Doch sie werden nicht vergessen. Die Politik mag vielleicht die Tatsache, dass jährlich über 14.000 Kinder polizeibekannt missbraucht werden (Hellfeld), verdrängen und vergessen; doch es werden jedes Jahr 14.000 Überlebende mehr sein, denen überwiegend therapeutische Hilfe verweigert werden wird. Irgendwann wird diese unmenschliche Verachtung auf die Ignoranten zurückfallen.

Nachstehend die Statements, die ich im Vorfeld des Tags der Resilienz auf meinem Account @Lotoskraft twitterte.

8. April. Die Mutter von mir war für mich als Bub die Sonne, die meine Seele verbrannte, indem sie mich missbrauchte und schließlich vergewaltigte. Trotzdem überlebt zu haben, verdanke ich meiner Resilienz.

8. April. Warum ein Überlebender Resilienz entwickelt und ein anderer nicht, weiß man nicht. Jedenfalls ist Resilienz eine Gabe. Man kann jedoch Skills erlernen, die dem gleichkommen. Nur müssen die stets trainiert werden.

10. April. „Ich werde nicht länger an meiner Diskriminierung mitwirken …!“ Als Überlebender von Kindesmissbrauch zu erkennen, dass man verhöhnt und missachtet wird, und als Konsequenz daraus den Kontakt abzubrechen, ist Resilienz.

10. April. Wenn das Urvertrauen als Kind zerstört wurde, wieder Vertrauen zu finden und als Überlebender von Kindesmissbrauch eine Partnerschaft eingehen und bewahren zu können, das ist Resilienz. Ich danke meiner Frau, für 50 gute Jahre.

12. April. Radikale Akzeptanz bedeutet, die Folgen des Missbrauchs in Körper und Seele ohne wenn und aber anzunehmen. So öffnet sich ein Ausweg. Er wird zum Anfang, der mir immer wieder neue Wege zeigt. Das ist der Pfad der Resilienz.

13. April. Großküchenplaner, Straßenmaler, Nachtwächter, Entrümpler, Fotoassistent, Spieleentwickler, Illustrator, Schriftsteller. Das sind die Jobs, mit denen ich als Überlebender von Kindesmissbrauch überlebte. Auch das ist Resilienz.

13. April. Seinen Engel in sich auferstehen zu lassen und seiner Führung zu folgen, ist ein schönes Bild für Resilienz. Überlebenden von Kindesmissbrauch wurde zwar die Seele erdrosselt, doch ihr Engel verließ sie nicht.

14. April. Sich nicht von Tätern korrumpieren zu lassen, sondern an sich zu glauben und für sich zu wirken, löst uns aus der Täterbindung. Das ist der Ansatz, Seelenmord und Kindesmissbrauch zu überleben. So wirkt Resilienz.

15. April. Die Sexualverbrechen in den Kirchen dürfen nicht zum Synonym für Kindesmissbrauch werden. Vieltausendfach werden alltäglich Kinder in ihren Familien geschändet. Diese Gewalt anzuprangern, ist soziale Resilienz.

Im übrigen bedeutet „schänden“ entweihen. Wer ein Kind schändet, entweiht es. Er löscht sein Seelenlicht. Er oder sie zerbrechen und schinden es.

15. April. Es gab eine Zeit, in der ich dem Tod sehr nahe war. Es war die Zeit nach dem Missbrauch durch die Mutter, als Drogen mich zerstörten. Dass ich überlebte, verdanke ich meiner Resilienz und Menschen, die an mich glaubten.

16. April. Mit 30 wurde ich clean. Mit 60 begann ich meine Traumatherapie. Missbrauch und Misshandlung blieben unvergessen und nähren meine Albträume. Ja, ich will frei sein! Resilienz ist, ein gutes Ziel zu verfolgen, auch wenn man es nicht erreicht.

16. April. So gibt es einige Phänomene, deren Ursachen Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung sind, die sich nicht mehr heilen lassen. Neben meinen Albträumen ist dies ua. meine gestörte Meinhaftigkeit. Bedingungslose Akzeptanz lässt mich trotz wunder Seele überleben.

16. April. In einer Familie die Tatort von Kindesmissbrauch war, kann man nicht überleben. Gleichwohl zieht es einen immer wieder dorthin. Diesem Hang zu widerstreben und zu sich zu kommen, ist Resilienz – und das kann lange dauern.

Erst mit 50 Jahren konnte ich dieses Lied, das ich seit meinem 17 Lebensjahr kenne, auf mich beziehen und die Überlebensfreude darin erkennen, so wie es der Knef vermutlich erging, als sie den Songtext schrieb.

17. April. Wer Resilienz für ein Konzept hält, sich besser zu fühlen, missversteht sie. Zur Resilienz zählen auch Niederlagen, um aus den Fehlern zu lernen und es erneut zu versuchen. Resilienz ist gelebtes Trotzalledem.

18. April. Wille allein schafft keine Resilienz. Es ist eher ein kindliches Empfinden von Führung, das trotz zerstörtem Urvertrauen die Idee von Befreiung nicht verschütten konnte. Hier ein Lied das Mut macht.
Du bist, was Du warst
Und Du wirst sein, was Du tust
Beginne Dich zu lieben
Und Du findest, was Du suchst.

Und weil da noch mehr so passende Zeilen drin sind, hier der Text vom Lied:

18. April. Vermag ein Überlebender von Kindesmissbrauch am Ende seine Lebens zu sagen: „Ich habe gelebt“, gewann er sein Leben dank seiner Resilienz zurück. Das wünsche ich Euch allen und mir. Bleibt lebendig …

19. April. Vollkommen hoffnungslose Situationen und Lebensphasen zu ertragen, ohne daran zu verzweifeln, zählt ebenfalls zur Resilienz. So passte ich mich als Kind an die Dunkelheit an und fand Überlebenstechniken.

20. April. Das Leben in einer Familie, in der Misshandlung und Missbrauch alltäglich sind, zerstört die Seele. Der Seelenrest sammelt sich und träumt Nacht für Nacht denselben Alb. Dennoch an sich zu glauben und nicht aufzugeben, ist Resilienz.

Die verlinkte Melodie währt 10 Std. Sie wiederholt sich wie eine Spieluhr. In ihrem banalen Gleichmaß triggert sie; erinnert an die Alltäglichkeit von Schrecken und Hilflosigkeit. Sie abschalten zu können, ist Befreiung. Dass ich den Schalter umlegen konnte, war Resilienz.

21. April. Gewohnte Pfade zu verlassen, den Blickwinkel zu wechseln, Tabus zu hinterfragen, Tätern Fragen zu stellen, Kontakte abzubrechen, Missbrauch anzuzeigen … All das zählt zur Resilienz. Diese Selbstheilung braucht aber auch Hilfe, Dazu bereit zu sein, ist gleichfalls resilient.

Wie es klingt, neues zu wagen, zeigen hier zwei Organisten und ein Schlagzeuger. Orgelspiel aus Lust & Freude und keinem Götzen zuliebe. Es ist Jazz aber irgendwie auch Resilienz. Danke ihr drei.

21. April. Mit die schlimmsten Empfindungen meiner Kindheit und Jugend waren Verlassenheit und Hilflosigkeit. Ich kannte niemanden, mit dem ich sprechen und der mir helfen konnte. Diese Trostlosigkeit durchstehen zu können, indem ich mir selbst inneren Trost spendete, zählt zur Resilienz.

22. April. Zum Tag der Resilienz: Damit Überlebende überleben können, brauchen sie eine nachhaltige psychotherapeutische Begleitung. Sie zu gewährleisten ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit und somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Tragt für euch heute stolz eine Blume.

22. April. Heute, Ostermontag, ist der Tag der Resilienz. Auf dem Bild seht ihr mich – einen Überlebenden – vor passendem Hintergrund mit einer Blume am Revers. Die gesellschaftliche Situation für Überlebe von Kindesmissbrauch ist nur mit Ironie oder Sarkasmus zu ertragen.

Zum Schluss noch ein Lied, das mich bei der diesjährigen Liedauswahl besonders berührte:

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