Es hört nicht auf! Diesmal über die Vergewaltigung alter weißer Männer

Im letzten Blogbeitrag schrieb ich über die sexuelle Belästigung meiner Schwiegermutter im Altenwohnstift Augustinum. Ein Freund, selbst Überlebender von Missbrauch durch die Mutter und Krankenpfleger machte mich nach der Lektüre darauf aufmerksam, wie anders die Reaktionen erst gewesen wären, hätte sich die Übergriffigkeit unter veränderten Vorzeichen ereignet; also wenn ein Greis von einer Altenpflegerin sexuell belästigt worden wäre. Nein, wehren Sie bitte nicht gleich in der Meinung ab, das würde nie geschehen, Frauen täten so etwas nicht. Doch wir wissen seit langem, dass Frauen so etwas tun. Frauen machen sich an Säuglinge ebenso ran, wie an Knaben oder Greise. Ja, es ist ein Phänomen, das schon in der Antike bekannt war, denn die Göttermythen haben menschliche Bezüge, um im Olymp zu befrieden, was auf Erden die Seelen zerbricht. So ging damals Traumatherapie, indem die Mythen die alltägliche sexualisierte Gewalt und Kindesmissbrauch zum göttlichen Spiel umdeuteten.

Aphrodite war die Tochter von Zeus und zugleich seine „Gespielin“; jedenfalls wird so die Vergewaltigung durch ihren Vater euphemistisch und mythisch überhöht bezeichnet. Das Ergebnis ihrer Schändung soll nach Sophokles der Liebesgott Eros gewesen sein. Aphrodite vergewaltigte ihrerseits ganz der Täter=Opfer-Analogie folgend ihren ewig kindlichen Sohn. Dieser Mythos wurde im Barock und Rokoko von vielen Malern für die Salons der Reichen teuer illustriert. Offensichtlich gab es in dieser Zeit ein besonderes gesellschaftliches Bedürfnis, sich an dieser perversen Phantasie aufzugeilen.

Doch der inzestuöse Mythos geht weiter: Aphrodites Gatte Hephaistos überraschte sie beim Seitensprung mit dem Kriegsgott Ares, von dem sie vier Kinder hatte, wovon eins, wie andere Theogonisten meinten, Eros gewesen sein sollte. Jedenfalls war Eros in die Liaison als aphrodisierender Moment miteingesponnen; sprich, seine Eltern beliebten es, in seinem Beisein zu vögeln. Ein ebenfalls reales Geschehen vieler Missbrauchsgeschichten, die außer mir etliche weitere männliche Opfer erzählen. Der Feuilletonist Fritz Raddatz sprach kurz vor seinem Freitod darüber.

Hephaistos überraschte also Aphrodite und Ares beim Geschlechtsverkehr und warf ein Netz aus Blitzen über beide, um die anderen Götter von ihrer Lasterhaftigkeit zu überzeugen. Doch die amüsierten sich stattdessen über den Hahnrei, indem sie in das berühmte „homerische Gelächter“ ausbrachen. Somit können wir an dieser Göttergeschichte alle Strukturen des Missbrauchs wiedererkennen, nämlich schweigen, übersehen, relativieren und darüber hinaus jene Strukturen, die wirken, sobald ein männlicher Säugling, Junge oder ein Mann Opfer sexualisierter Gewalt durch eine Frau wird: Sie wirkt schlicht lächerlich! Die Götter lachen darüber, jeder vernünftige Mensch lacht darüber. Eine Frau kann doch keinen Mann vergewaltigen! In vielen Ländern ist dieses Vorurteil derart tradiert, dass eine Frau wegen einer solchen Straftat gar nicht angeklagt werden kann. Dementsprechend läuft jeder Mann, dem weibliche sexualisierte Gewalt widerfuhr, Gefahr, zum Gespött seiner Mitwelt zu werden. Zoten über sexualisierte Gewalt zu reißen, werden insbesondere dann ein Ventil für Befangenheit und Unverständnis, sobald Männer ihre Opfer sind.

Ja, die gesellschaftliche Reaktion auf den von uns gemeldeten Vorfall sexueller Übergriffigkeit durch einen Altenpfleger im Augustinum folgte minus der Zoten dem gleichen Muster: Übersehen, schweigen, relativieren. Als wäre Vergewaltigung und sexuelle Belästigung eine Frage der Attraktion – und nicht perverser Machtgelüste -, weswegen eine Greisin daher solches nicht erleiden könne. Vertuschen, verleugnen, verdrehen, so sehen die Schutzkonzepte vor sexualisierter Gewalt in Altenheimen aus; oder um es klar zu benennen: so sieht der Täterschutz in Altenheimen aus. Denn wo es Personalnotstand gibt, kündigt man lieber die Opfer der Verbrechen als die Verbrecher.

Seit 1975 weiß ich, dass in Altenheimen auch sexueller Missbrauch zur Tagesordnung zählt. Ja, Tagesordnung, schließlich beinhalten geordnete Tage auch sexuelle Gewalt gegenüber Greisen. Sie ist alltäglich und sie ist bekannt. Der Fall, von dem ich vor 45 Jahren aus direkter Quelle hörte, ist wie alle Fälle sexualisierter Gewalt krass, doch kein besonders krasser. Ein dementer Mann, nennen wir ihn Willi, zeigte wiederholt seine Erektion und sagte dazu: „Will mausen“. Er wurde hierdurch zum Gespött einiger Altenpflegerinnen, die ihn darob aufzogen und sich an seiner dann eintretenden Hilflosigkeit und Verwirrung ergötzten.

Eines nachts, zum Schluss eines Umtrunkes der Heimleitung auf der Kegelbahn des Hauses, hatten die Zecher – unter anderem Heimleiter und Pflegedienstleitung – den Einfall, Willi einer ebenfalls dementen Bewohnerin zuzuführen. Die Nachtschwester musste nicht überredet werden, sie war eine Kumpanin der Trunkenbolde. Sie weckte Willi, zog ihn aus, warf ihm einen Bademantel über und führte ihn ein Stockwerk tiefer ins Zimmer der dementen Frau. Dort versicherte sie ihm, dass er nun mausen könne. Sie nahm ihm den Bademantel ab, und Willi tappte mit seiner Erektion an das Bett der Frau. In der Tür und im Eingang des Zimmers stand die Heimleitung als geile Gaffer. Allerdings blieb ihr erhofftes Schauspiel aus. Die demente Frau begann zu kirren, und Willi war sichtlich verwirrt, ob der ermunternden Zurufe von der Türe her. Hilflos stand er im Zimmer. Schließlich erbarmte sich die Pflegerin, zog ihm wieder den Bademantel an und führte ihn zurück.

Stellen wir uns nun vor, Willi hätte noch so weit luzide Momente gehabt, dass er das Geschehen erfassen und über die Nacht hinaus im Gedächtnis behalten hätte. Was wäre dann geschehen? – Nichts! Willi hätte es nicht gewagt, darüber zu sprechen. Dass ihm so etwas geschehen konnte, hätte ihn derart beschämt und erniedrigt, dass er keine Silbe über die Lippen gebracht hätte. Und hätte Willi entgegen dieser Annahme doch noch so viel Stolz und Selbstbewusstsein besessen, dass er diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen wollte, er hätte niemanden gefunden, der ihm dieses Verbrechen, das ihm angetan worden war, geglaubt hätte. Hätte es aber dennoch eine solche Person gegeben, ohne knallharten Videobeweis hätte man die Untat erfolgreich bestritten. Ja, selbst dann wären die Umstände wahrscheinlich soweit relativiert und verdreht worden, dass das Verbrechen ungesühnt geblieben wäre.

Missbrauch in Altenheimen ist nicht auf dem Schirm der Gesellschaft. Es muss hier erst den Fall geben, der es über die Rubrik Vermischtes hinaus schafft. Der Fall einer Altenpflegerin, die im Frühjahr dieses Jahres in Göppingen sechs Demente, vier Frauen und zwei Männer, bei der Intimwäsche vergewaltigte (Link hier), ist jedenfalls nicht der Casus belli, der sexualisierte Gewalt in Altenheimen skandalisiert.  Der menschenverachtende Begriff von Feministen „toxische weiße alte Männer“ trifft hier auf die Opfer in ganz anderer Weise zu, als sich die Dummschwätzer ausmalen können; alte Männer sind zu Müll, zum Giftmüll der Gesellschaft geworden, an denen vermeintliche Gutmenschen ihr menschenverachtendes Mütchen ungestraft kühlen dürfen.

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