Kritik der Studie Kindesmissbrauch durch Frauen

Die Teilnahme an der Studie wurde bis 31. Juli verlängert (Link).

Wieder einmal wird das Rad neu erfunden und eine Studie zum „sexuellen Kindesmissbrauch durch weibliche Personen“ aufgelegt. Wieder einmal wird die Fleißaufgabe damit begründet, „dass es kaum empirisches Wissen über Frauen gibt, die pädosexuell sind oder aus anderen Impulsen Gefahr laufen, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen, aber noch nicht straffällig geworden sind.“ Nun gut, ich gebe aus einer Übersicht der TU Darmstadt nur wieder, wie sich das Rad Kindesmissbrauch durch Frauen über 40 Jahre allmählich rundete. Dort finden sich unter dem Abschnitt „Sexueller Missbrauch von Kindern: Anteil der Täterinnen“ (Link) folgende Zahlen:

  • 9,5%-10% (Weiß, 2007; Finkelhor & Russel, 1984)
  • 25% (Jaboc & Stöver, 2006)
  • bis zu 9% bei Mädchen und bis zu 50% bei Jungen (Gannon & Rose, 2008; Grayston & Luca, 1999; Matravers, 2008; Robinson, 1998).

Das belegt, man weiß seit 1998, dass cirka 50% der missbrauchten Jungen von einer Frau missbraucht wurden. Dieses Ergebnis deckt sich auch mit der MIKADO-Studie der Universität Regensburg (46% Jungen, 10% Mädchen). Nach der MIKADO-Studie sind zudem ein Viertel der kriminellen „Konsumenten“ von Kinderpornografie weiblich. Es handelt sich also leider nur immer noch um einen Tabubruch, wenn man die Gruppe der Täterinnen wahrheitsgemäß in etwa gleichstark wie die der männlichen Täter bezeichnet. Folglich wird mit dieser „neuen“ Studie kein Tabu aufgehoben, wie in ihrer Ankündigung formuliert, sondern es ist lediglich eine Studie mehr, die gesellschaftlich tabuisierte, nämlich weibliche Täterschaft, aufgreift. Was freilich nicht schadet, denn es gibt nach wie vor einen tief verwurzelten medialen, politischen und juristischen Unwillen, Frauen ebenso häufig als Täterinnen zu bemerken, wie sie in Wirklichkeit agieren. Die Gründe hierfür dürften in einem euphemistischen Feminismus zu suchen sein, der seit Jahrzehnten ein obsoletes Frauenbild transportiert.

Doch ich will mich damit nicht weiter aufhalten, die Ergebnisse diskutiere ich gerne, sobald die Studie aufliegt. Derzeit gibt es nur einen Fragebogen zur Datenerhebung im Netz, und mit ihm möchte ich mich hier befassen, denn ich meine, dass diese Art der Datenerhebung derart liderlich ist, dass sie keine seriöse Grundlage für eine Studie zum Thema bieten wird. Sprich die Studie ist für die Katz! Mit ihr wird allenfalls eine – so meine Vermutung – Dissertation am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf von Prof. Dr. Peer Briken finanziert. (Ankündigung der Studie hier)

Wie erwähnt liegt der Studie ein Fragebogen zugrunde, der im Internet bis zum 30. Juni beantwortet werden kann (Link). Gleichzeitig kann man die Fragen auch per PDF vorab durchlesen, um sich auf die Beantwortung vorzubereiten, da bei zu langem Zögern die Eingabe abgebrochen wird. (Link)

Das erste Problem dieser Studie ist somit der allgemeine und ungeprüfte Zugang zum Erhebungsbogen. Ich wurde zwar von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs(UKASK) direkt per Mail auf den Start der Studie aufmerksam gemacht, da ich bei einer ihrer Erhebungen berichtete, dass ich von der Mutter von mir missbraucht wurde; doch warb die UKASK auch in den sozialen Medien für die Teilnahme an der Studie. Es kann also jeder teilnehmen, egal ob er Betroffener ist oder nicht. Und obgleich gebeten wird, den Fragebogen nur einmal auszufüllen, kann man ihn jederzeit wiederholen. Es gibt also keine Evaluation der Teilnehmer.

Anstatt sich die Mühe zu machen, nach möglichen Kandidaten zu suchen, indem man auf die eigene Datenbank zurückgreift oder Traumatherapeuten und Traumaambulanzen anschreibt, oder zumindest eine Vita zum Sachverhalt von den Teilnehmern zu verlangen, können sich Hinz und Kunz an der Befragung beteiligen. Insofern haftet den Basisdaten etwas obskures an. Doch nicht nur dadurch bleibt die Studie angreifbar, sondern auch durch die wenig bedachte Art der Fragen. Demzufolge betrachte ich nachstehend einzelne Fragen eingehender.

„Wieso, weshalb, warum … Wer nicht fragt, bleibt dumm“, wird in der Sesamstraße geträllert. Insofern kann am Fragen nichts falsches sein. Oder doch? Nun, wer die falschen Fragen stellt bleibt ebenso dumm. Wir können das alltäglich in Pressekonferenzen erleben. Wir können es aber ebenso an den Fragen zur Datenerhebung von „wissenschaftlichen“ Studien ablesen. Der Fragebogen zur Studie zum „sexuellen Kindesmissbrauch durch weibliche Personen“ gehört dazu. Er ist nicht nur mangelhaft, sondern auch fehlerhaft. Inwieweit diese liderliche Herangehensweise Methode hat, möchte ich nicht unterstellen, jedoch der Verdacht, bei einem Thema, an dessen Ende Frauen nicht gut dastehen werden, bereits einige Spitzen im Design der Fragen zu brechen, liegt nahe. Auch wenn die Gestaltung des Fragenkatalogs nur „unbewusst“ und bedingt durch das allgegenwärtige Frauenbild so manche notwendige Frage unterschlägt beziehungsweise verzerrt. Klar, jede Wissenschaft atmet auch den Zeitgeist. Allerdings bemerkt man dies erst, sobald dieser Geist verweht ist und nicht länger wie Mehltau den Eifer der Forscher trübt und lähmt. Womöglich liegt aber die seltsame Art der Fragen auch daran, dass die Studie von vier Frauen durchgeführt wird (Quelle unten) und diese ihre Vorurteile hinsichtlich dem Topos: „Frauen tun so etwas nicht“, nicht hinterfragten.

Der Fragenkatalog

Frage 2: Welches Geburtsgeschlecht wurde Ihnen zugewiesen?

Neben den beiden tatsächlichen Geschlechtern, nämlich männlich oder weiblich, steht „Ein anderes zur Auswahl“. Verzeihung, Herr Studienleiter Prof. Dr. Briken, das ist Blödsinn. Anderes ist kein Geschlecht! Geschlecht ist das, was einem Wesen seine Reproduktion erlaubt. Und Menschen reproduzieren sich, indem Mann und Frau den Geschlechtsakt ausüben und sich nicht wie Zillertaler Weberknechte oder die Heilige Maria durch Parthenogenese – sprich Jungfernzeugung – fortpflanzen. Selbst wenn man dem ebenso blödsinnigen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 2017 zur Intersexualität folgt, ist der Status des Zwitters kein Geschlecht, sondern eine ins Geburtsregister eingetragene genetische Anomalie. Die möglicherweise bei einer späteren Klage vom selben Gericht als Diskriminierung wieder gestrichen wird.

Zudem stellt sich die Frage, wem wird die Frage nach dieser dritten Variante im Geburtsregister gestellt. „Divers“ ist erst seit 2019 legitim. Das bedeutet, dass sich diese Frage allenfalls an ein Kind richtet, das seinen Missbrauch durch seine Mutter erst noch durchleiden wird. – Hier offenbart sich der Zeitgeist in seiner eifrigen Einfältigkeit.

Diese Marginalie zum Studiendesign wäre an sich geschenkt, ginge der Blödsinn nicht gleich mit der nächsten Frage weiter.

Frage 3: Welchem Geschlecht fühlen Sie sich zugehörig? Weiblich, Männlich, einer anderen Option.

Nun ja, was soll man da noch antworten? Und vor allem, was hat das mit dem Sexualverbrechen zu tun, dem man durch eine Frau ausgesetzt war? Die Frage nach männlich oder weiblich ist ja aus statistischen Gründen noch angebracht. Andere Option ist hingegen verzerrend, denn erstens ist das was?, und zweitens gehe ich davon aus, dass Erwachsene diesen Fragebogen beantworten, und für jene, für die eine andere Option relevant wäre, diese Option zum Zeitpunkt ihres Missbrauches irrelevant war. Es ist also kurzatmiger Zeitgeist, der hier bedient wird.

Frage 8: Wie würden Sie ihre sexuelle Orientierung beschreiben? Als Antworten werden Homosexualität, Heterosexualität und Asexualität abgefragt.

Beschrieben werden soll sie allerdings nicht, sondern es wird nur danach gefragt. Indessen erachte ich die Frage in diesem Kontext als bedeutungslos. Bedeutend wäre allenfalls die Frage nach Pädophilie, Hebephilie und Gerontophilie, da sie eine Annahme über sexuelle Entwicklungen durch Kindesmissbrauch zuließe. Schließlich wissen wir, dass viele Überlebende in ihrer sexuellen Entwicklung gestört sind und zu Paraphilien neigen.

Frage 15: Durch welche Person/en haben Sie sexualisierte Gewalt erlebt?

Entgegen Frage 8 wird hier konkret nach vierzehn verschiedenen männlichen und weiblichen Sexualverbrechern gefragt, obgleich die Antworten zu männlichem Missbrauch im Zusammenhang der Studie zum Kindesmissbrauch durch Frauen eher marginal sein dürften.

Frage 16: Wie beurteilen Sie Ihre Erinnerungen an die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person?

Es sind zwei Antworten möglich: dauerhaft oder erst nach einiger Zeit. Auch hier wirkt der Zeitgeist hinein, der nur von diesen beiden Möglichkeiten ausgeht. Dabei ist es ziemlich häufig, dass die Erinnerung an die sexuelle Gewalttat verschüttet wird und erst nach Jahren angetriggert zu einer PTBS ausartet. Es gibt also eine Phase nach der Tat, die erinnert wird, und danach ein späteres Wiedererinnern.

Bei mir war es so, dass ich das mir angetane Verbrechen nie vergessen hatte, die Erinnerung daran aber zwischenzeitlich als Datum abgelegt war, so dass ich gar mit den Tätern überwiegend unbefangen Umgang pflegen konnte.

Abgesehen davon, dass die Frage falsch formuliert wurde, erschließt sich mir nicht, von welcher Relevanz sie überhaupt sein soll, hier bleibt die ausgearbeitete Studie abzuwarten.

Frage 17: Wie haben Sie die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person zu der Zeit des Geschehens (nicht heute) bewertet?

Drei Antworten werden angeboten: Ich empfand es als normal; empfand es als Missbrauch; wusste nicht, ob es normal oder missbräuchlich war.
Es fehlen auch hier differenzierte Antworten, wie „kann mich an meine Einschätzung nicht mehr erinnern“; war verstört; hielt es für positiv. In jedem Fall aber fehlt hier die Antwort, die Jungen sich häufig geben, sobald sie von Frauen missbraucht werden, nämlich dass sie sich selbst als Täter erleben, weil ihnen die Vorstellung, eine Frau könnte sie missbrauchen, surreal erscheint; schließlich funktionieren Jungen während des Missbrauchsgeschehens sichtlich.

Es fehlt folglich als vierte Antwort: „Ich fühlte mich schuldig“; und als fünfte Antwort: „Ich fühlte mich verantwortlich“; sowie als sechste Antwort: „Ich meinte, ich wollte es.“

Frage 19: Wissen Sie davon, dass die weibliche Person, durch die Sie sexualisierte Gewalt erlebt haben, mit anderen Tätern/Täterinnen zusammengearbeitet hat?

Klipp oder klapp, sind die Antworten. Doch wie kann man es wissen? Wenn die Eltern wie in meinem Beisein geschehen auf perverse Art kopulieren, arbeiten sie dann zusammen?

Die Intention der Frage ist mir klar, es geht um Missbrauchsringe. Doch wann ist ein Missbrauchsring ein Missbrauchsring, wenn es in der Familie bleibt und wenn einen vormittags der Bruder und zur Nacht die Schwester missbraucht? Jedenfalls fehlt der Frage die Sorgfalt.

Frage 21: Im Folgenden werden unterschiedliche sexuelle Handlungen bzw. Erfahrungen aufgelistet. Geben Sie bitte an, welche Sie durch eine weibliche Person erlebt haben.

Diese Frage ist eine entscheidende Weiche in der Erhebung. Missbrauch durch Frauen wird auf eine weibliche Person beschränkt. Die Vorstellung, dass Frauen Kinder gemeinsam missbrauchen oder ein Kind von mehreren Frauen unabhängig voneinander missbraucht wird, scheint den Erstellern des Fragebogens – wie gesagt vier Frauen – nicht erwägenswert gewesen zu sein. Bei mir jedenfalls waren es drei Frauen, und zwei davon waren extrem in ihrer Perversion. Das bedeutet, es fehlt der Studie eindeutig an Tiefe, um sexuelle Gewalt durch Frauen zu erkunden.

Folgende 15 Antwortmöglichkeiten können angekreuzt werden:

Eine weibliche Person…

O hat ihre Geschlechtsteile vor mir entblößt, um sich sexuell zu erregen
O hat mich aufgefordert, ihr Geschlechtsteil zu berühren oder sie anderweitig mit der Hand oder dem Mund sexuell zu erregen
O hat mich am Geschlechtsteil, an der Brust oder am After angefasst, um sich oder mich sexuell zu erregen
O ist mit ihrem Finger, ihrer Zunge oder einem Gegenstand bei mir in die Scheide, den After oder den Mund eingedrungen, um sich oder mich sexuell zu erregen
O hat pornographisches Material (Videos, Fotos oder Audios) von mir angefertigt
O hat mich dazu genötigt, mit einer anderen Person sexuelle Handlungen zu vollziehen
O hat mich dazu genötigt, bei sexuellen Handlungen zwischen anderen Personen zuzusehen
O war mir gegenüber aufdringlich (z.B. durch Küssen oder Anfassen gegen meinen Willen)
O hat mir etwas angedroht oder mich erpresst, damit ich sexuelle Handlungen mit ihr vollziehe
O hat mir Alkohol oder Drogen verabreicht, damit sie sexuelle Handlungen an mir vollziehen kann
O war mir gegenüber körperlich gewalttätig (z.B. durch Schläge, Fesseln, etc.), damit sie sexuelle Handlungen mit mir vollziehen kann
O hat sich in dem Wissen, dass ich es mitbekomme, selbst befriedigt
O hat mich an Körperstellen angefasst, um sich sexuell zu erregen
O hat mich dazu genötigt, mir pornographisches Material anzusehen
O hat andere sexuelle Handlungen (als die bisher genannten) an mir vorgenommen, und zwar: [Textfeld]

Mich irritierte diese Auswahl, denn sie hat wenig mit dem mir widerfahrenen und mir zur Kenntnis gebrachten Missbrauchsgeschehen durch Frauen zu tun. Es waren zwei Frauen, die mich vergewaltigten, und zwei, die mich massiv bedrängten. Ja, sicher taten die beiden, die mich vergewaltigten, das eine und andere, aber sie taten es im Rahmen einer komplexen „Verführung“, bei der sie sich wohl selbst illusionierten, sie würden von einem Kind oder einem Jugendlichen begehrt, ja sie schienen sich ein Romanze illusionieren, während ich da ein überforderter Bub und hier ein ebenso überforderter Junge war, der nichts von dem wollte, das mit ihm geschähe, was die Frauen von ihm wollten und mit ihm taten. Kein Junge träumt davon, mit Frauen, die einmal seine Mutter war und ein andermal seine Mutter hätte sein können, Geschlechtsverkehr zu haben.

Im Fall der Mutter von mir dauerte es vom fünften bis zum fünfzehnten Lebensjahr, bis sie mich letztlich aktiv vergewaltigte. Da lagen zehn Jahre Sexualisierung und Übergriffigkeiten hinter mir. Welcher elfjährige Bub hat schon gern die Zunge seiner Mutter im Ohr, wenn er zugleich die peinliche Erregung spürt. Da wurde der Bub auch nicht genötigt, zuzusehen, wie der Vater in die Mutter pisst. Nein, der Bub wurde schlafend ins Ehebett getragen und erwachte durch die Geräusche, und als er sah was passierte, kniff er die Augen zu, nur die Ohren konnte er sich nicht zukneifen, und so hörte er die ganze stundenlange Schweinerei.

Das was das Studienteam als Antwortenauswahl anbietet ist seine Fantasie, und es ist eine Fantasie aus einem Handbuch von Kindesmissbrauch durch Männer. Frauen gehen so nicht vor, dass sie nötigen, drängen, drohen oder erpressen. Nein, Frauen sind, auch wenn sie vergewaltigen, keine Männer, sie gehen „einfühlsam“ vor. Sie stellen den zwölfjährigen in die Badewanne und waschen ihn untenrum, bis es ihm peinlich wird. Sie lassen sich von diesem Buben den Rücken waschen, tief zum Hintern hinab und zeigen dabei wie zufällig ihre Brüste. Sie laufen vor ihm jeden Tag in Unterwäsche herum, so wie er sich eigentlich Frauen gerne heimlich im Versandhauskatalog ansehen wollte. Und auf die Idee, dass die Mutter sich damit sexuell stimuliert, kommt kein fünf-, zehn-, zwölf- und auch kein fünfzehnjähriger, als die Mutter ihn schließlich mit Alkohol abfüllte, weil sie an diesem Abend vorhatte, was sie schon zehn Jahre verfolgte. Was soll also die Frage nach der Absicht der Täterin, sich sexuell erregen zu wollen? Eine solche Frage versteht kein Bub, kein Jugendlicher. Er wird benützt. Warum, weshalb, wieso …? Das ist keine Sesamstraße, das ist reale Vergewaltigung durch Frauen. Zurück bleibt ein Junge, der sich die Schuld daran gibt, weil er funktionierte. Doch danach fragt kein Studiendesigner.

Frage 22: Ich habe neben dem sexuellen Kindesmissbrauch auch körperliche Gewalt durch die weibliche Person erlebt.

Ist es körperliche Gewalt, wenn die Mutter mit dem Messer vor dem Jungen steht und ihn anbrüllt: „Noch ein Wort, und ich stech‘ dich ab!“, und der Junge dabei auf das Messer sieht und sich überlegt, ob es nicht besser wäre, noch ein Wort zu sagen, damit der ganze Wahnsinn ein Ende hat? Sie hat dem Jungen ja nichts getan!

Die Antwortmöglichkeit auf diese Frage ist wieder nur klipp oder klapp. Dabei gibt es so viele Graduierungen von körperlicher Gewalt. Ein Teller, der auf einem Kinderkopf zerschlagen wird oder ein reißen am Ohr, beides schmerzhaft, doch die psychische Gewalt, die Missachtung, der empfundene Vernichtungswille der Frau, die damit einhergehen, sind ungleich gewichtet.

Frage 23: Ich habe neben dem sexuellen Kindesmissbrauch auch psychische Gewalt durch die weibliche Person erlebt. Zum Beispiel: Einschüchterung.

Im Untertitel als Auswahl: Beispiel: Einschüchterung, (Todes-)Drohungen, Demütigung, Anschreien, kontrollierendes Verhalten, Verleumdungen

Und die Antwortmöglichkeit: klipp oder klapp.

Dabei ist die psychische Gewalt sehr subtil. Allein die Parentisierung, die von missbrauchenden Müttern ausgeht, wird von einem Kind als Bedrohung, weil Überforderung, erlebt. Da braucht es keine extra Drohungen, da reicht schon ein leichtfertiges Wort zur Nachbarin im Beisein des Kindes, damit es sich in Grund und Boden schämt.

Ich habe hier, wie an anderen Stellen der Befragung auch, den Eindruck, als wollte man gar nicht soviel wissen, um sich Arbeit zu ersparen. Allerdings ist das Ergebnis dann auch nur klipp oder klapp.

Frage 24: Wie haben Sie die sexualisierte Gewalt durch die weibliche Person erlebt?

O Ich habe mich meistens/eher davon abgetrennt gefühlt, so als seien Gefühle und Körperempfindungen ausgeschaltet gewesen
O Ich habe mich meistens/eher psychisch zugegen gefühlt, so als seien meine Gefühle und Körperempfindungen präsent gewesen
O Nichts von beidem / Anders, und zwar: [Textfeld]

Hier wird nach Dissoziationen gefragt. Warum aber fragt man derart verschwurbelt? Was weiß ein Erwachsener, der aufgrund seiner PTBS ständig zwischen Präsenz, Assoziation und Dissoziation wechselt, wie er sich als Junge während des Missbrauchs erlebte. Warum fragen sie nicht, wie es für den Jungen war. Ob es angenehm war? Und verdammt nochmal, das ist ja die Grausamkeit der Natur, es fühlt sich nicht an wie bei einem Ritt mit dem Teufel, sondern es ist angenehm. Vergewaltigte Frauen bekommen Orgasmen. Verdammt nochmal, nicht weil sie daran irgendetwas geil fanden, sondern weil ihr Körper sie verriet, und ebenso verrät der Körper jeden Jungen, der von einer Frau missbraucht wird. Genau darum aber werden so viele Vergewaltigungen von Kindern und Jugendlichen nicht angezeigt, weil sie sich wegen dieses Verrats ihrer Körper abgrundtief schämen.

Wer Kinder schützen will, damit aus der einen Vergewaltigung keine jahrelange Serie wird, sollte sie auch darüber aufklären und die erwachsenen Überlebenden in einer Studie konkret danach fragen, damit sie wenigstens dann wissen, dass dies zum fiesen Kalkül der Täterinnen gehörte; sie in „Mithaftung“ zu nehmen.

Frage 25: Was hat die weibliche Person, die Sie sexuell missbraucht hat, Ihrer Meinung nach dazu bewegt? Bitte versuchen Sie in kurzen Stichworten die Motivation der Täterin zu schätzen.

Eine dumme Frage, eine unsensible Frage. Schon das missbrauchte Kind erlebt die sexuelle Gewalt der erwachsenen Frau als einen seine Seele zerschmetternden Tsunami, einen fleischgewordener Albtraum. Was soll nun der Erwachsene daran deuteln? Soll er etwa noch Verständnis für die Täterin entwickeln; ihre perverse Gemütslage analysieren? Das ist eine typische Frage für Therapeuten, die wie Prof. Dr. Briken auch mit Tätern arbeiten. Sie ist im Grunde ein später Hieb für den Überlebenden.

Vor allem aber ist die späte Deutung der Motivlage der Täterin durch ihr Opfer in keiner Weise relevant. Ebenso könnte der Studienleiter würfeln.

Frage 26: Haben Sie bei der Täterin Schuldgefühle oder Reue in Bezug auf die sexualisierte Gewalt gespürt;

ist von gleicher Dämlichkeit wie die Frage zuvor.

Frage 27: Hat die Täterin Ihnen vermittelt, dass Sie selbst schuld an der sexualisierten Gewalt seien?

Braucht sie zumindest bei einem Jungen nicht. Der fühlt sich schuldig, weil er funktionierte. Außerdem vermittelt Frau keine Schuld, sondern lässt allenfalls ein Wort zu ihrem Opfer fallen, wie scharf und stark es war, als Frau es gerade vergewaltigt hatte. Damit ist die Sprachregelung besiegelt: Du bist kein Opfer, sondern ein kleines geiles Schwein, das gerade seine Schwägerin fickte.

Frage 28: Hat die Täterin Strategien angewendet, um zu erreichen, dass niemand etwas von der sexualisierten Gewalt mitbekommt?

Die Frage fügt sich in den Dilettantismus des Studiendesigns. Worauf sie sich verlassen kann ist, dass sich ihr Opfer in jedem Fall schuldig fühlt und über ihr Verbrechen schweigen wird. Ja, wenn sie ihn anlächelt, und sagt das bleibt unser kleines Geheimnis, dann wird es Jahre dauern, bis es überhaupt zu erkennen vermag, dass es Opfer eines Verbrechens war; dass, was jeder abstreitet, mit ihm doch geschah, dass es von einer Frau vergewaltigt wurde. Und was sind angewandte Strategien? Dass sie vielleicht mit dem Kind auf den Speicher ging, oder es in der Umkleide des Freibades vergewaltigte? Dies ist keine Frage, sondern die Zumutung einer Anmutung über das Täterverhalten. Das mag Prof. Dr. Briken umtreiben, wenn er einer Täterin gegenübersitzt.

Frage 29: Haben Sie den Eindruck, dass andere Personen gewusst haben, dass Sie sexualisierter Gewalt durch eine weibliche Person erleben? Falls ja, geben Sie bitte an, wer Ihrer Meinung nach davon gewusst hat. [Textfeld]

Irgendwie habe ich den Eindruck, die Studiendesignerinnen hatten keinen blassen Schimmer, wonach sie ihre Probanden fragen sollten. Natürlich hatte in der einen Minute niemand einen blassen Schimmer und im nächsten Moment war man sich sicher, dass es das ganze Kaff wusste, was einem geschehen war. Auch hier, die Frage nach der Relevanz der Einschätzung. Warum fragt man nicht konkret danach: Wer wusste wann davon? Bei mir dauerte es fünf Jahre, bis ich mich meiner Frau offenbarte, und sie blieb für 40 Jahre der einzige Mensch, der davon wusste.

Frage 30:

Womit auch diese Frage:

„Haben Sie von der sexualisierten Gewalt durch eine weibliche Person jemals einer Person mitgeteilt?“,

schon beantwortet wäre, doch auch hier hinkt die Frage der Wirklichkeit hinterher; denn es vergeht oft viel Zeit, bis der Missbrauch als Missbrauch erzählt wird.

1966 vergewaltigte mich meine Mutter. 1970 sagte ich meiner späteren Frau: „Ich habe meine Mutter gefickt“. Dann dauerte es bis 2011, bis ich in meiner ersten Traumatherapie sagen konnte: „Ich wurde von der Mutter von mir vergewaltigt“. Es braucht eine lange Zeit des Erkennens, bis man klar sieht, was wirklich geschah. Davor sieht man auf das Geschehene durch die Augen der Täter; durch die gesellschaftlich zugewiesene Rolle als Mann oder Frau; durch die Erwartung der Familie und viele andere gruppendynamische Vorgaben.

Frage 35: Sind Sie bezüglich der sexualisierten Gewalt durch eine weibliche Person jemals aussagepsychologisch begutachtet worden (sogenannte Glaubhaftigkeitsbegutachtung)?

Die Beantwortung dieser Frage ist eigentlich nur für Fälle möglich, die ab 1990 angezeigt wurden, denn davor gab es noch keine Expertise in Glaubwürdigkeitsbegutachtungen.

Frage 38: Hat die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person für Sie negative soziale Folgen?

Es ist nicht der Akt des Missbrauchs der Folgen hat, sondern die Folgen dieses Missbrauchs zeitigen erhebliche Folgen. Dabei ist es unerheblich, welches Geschlecht der Täter hatte. Wenn müsste die Antwortauswahl sehr viel spezifischer sein. Denn bei mir zeitigten sich Folgen vor allem im Umgang mit Frauen, der furchtbesetzt ist und von erhöhter Wachsamkeit begleitet wird. Zum Beispiel vermeide ich es möglichst, mit einer anderen Frau als der meinen, alleine in einem Raum zu sein.

Frage 39: Glauben Sie, dass sich sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person von sexualisierter Gewalt durch eine männliche Person unterscheidet?

Ich denke nicht, dass diese Frage seriös als Glaubensfrage beantwortet werden kann. – Mir wurde beides angetan, und die Verbrechen unterschieden sich naturalmente im Erleben wie im Vorgehen der Täter.

Frage 40: Glauben Sie, dass die Folgen für Sie anders gewesen wären, wenn Sie sexualisierte Gewalt durch eine männliche statt durch eine weibliche Person erlebt hätten? Falls ja, beschreiben Sie bitte kurz, inwiefern.

Diese Frage ist so unsinnig, dass ich auch hier nicht weiter darauf eingehen möchte. Das Opfer leidet unter den Folgen der Tat. Basta. Ebenso könnte man fragen, ob die Folgen andere gewesen wären, wäre die Tat am Morgen oder am Abend geschehen.

Frage 41: Was müsste in der Gesellschaft passieren, damit sexualisierte Gewalt durch weibliche Personen besser verhindert und/oder aufgedeckt werden kann? Bitte stellen Sie Ihre Meinung dazu kurz dar.

Von welcher Relevanz ist die Meinung eines Überlebenden darüber, solange in der Gesellschaft ernsthaft immer noch darüber gestritten wird, ob die Zahl der Missbrauchsfälle durch Frauen 1,5%, 10%, 20%, 30% oder 50% ausmacht. Es gibt Studien, die 50% ausweisen, und es gibt seriöse Experten, die 30% oder eben auch 50% für gesichert halten. Und es gibt Experten am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Klinikum Eppendorf, die allen Ernstes eine Studie aufsetzen, in der sie behaupten, Kindesmissbrauch durch Frauen sei untererforscht und in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert, womit sie eben das gerügte Tabu weiter verfestigen.
Solange Frauen als Missbrauchstäter in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorkommen, wird es für die potentiellen Täterinnen keinen Grund geben, ihr eigenes kriminelles Verhalten zu reflektieren. Denn „Phimosenprophylaxe“ bis zum 14. Lebensjahr wird erst dann als übergriffige Masturbation durch die Mutter erkannt und benannt, wenn allgemein bekannt ist, dass derlei Missbrauchshandlung in vielen Familien von der Mutter praktiziert wird.

Frage 42: Hat(te) die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person Folgen für Ihre Sexualität?

Wieder eine mehr oder minder sinnlos hypothetische Frage. Denn das missbrauchte Kind hatte noch keine entwickelte Sexualität, der Missbrauch aber war ein traumatischer Eingriff in deren Entwicklung. Was also sollte ohne ihn möglich gewesen sein, wenn diese Entwicklung verunmöglicht wurde? Allenfalls wäre eine Frage nach konkreten sexuellen Störungen aufschlussreich gewesen.

Frage 43 bis 45: Hat die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person Ihre psychische Gesundheit in der Vergangenheit so beeinträchtigt, dass bei Ihnen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde?

Frage 44: Beeinträchtigt die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person Ihre psychische Gesundheit aktuell so, dass bei Ihnen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde?

Diese Frage heilt nicht die vorangegangene.

Frage 45: Hat(te) die sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person für Sie gesundheitliche Folgen?

Die Fragen 43 bis 45 befassen sich mit den seelischen und körperlichen Folgen eines Kindesmissbrauchs. Auch hier ist die Erhebung problematisch, da viele Überlebende ihre gesundheitliche Situation nicht einschätzen können. Sie leiden oft längst an einer PTBS, ohne diese zu erkennen. Ebenso leiden sie häufig bis in den Tod an einer psychosomatischen Folgeerkrankung, ohne je zu erkennen, dass sie an den Spätfolgen des erlittenen Missbrauchs sterben werden.

Auch wird auf die spezifische Befragung nach Begleiterkrankungen des erlittenen Missbrauchs verzichtet, also liste ich hier nur auf, an welchen durch den Missbrauch bedingten seelischen, körperlichen und sozialen Einschränkungen ich laboriere:

Psychische Folgen: chronische kPTPS, chronische Albträume, Zyklothymia, Alexithymie, Ich-Dystonie, überwundene Drogensucht, überwundenes SVV.

Psychosomatische Folgen: chronischer Schwankschwindel, chronische Urtikaria, chronischer Reflux, Entzündungsherde, rezidivierender Herpes.

Soziale Folgen: Bildungsversagung, Einkommensverluste, chronisches Vermeidungsverhalten.

Frage 49: Es kann vorkommen, dass Menschen Stereotype (d.h. negative Vorstellungen) von anderen Personen in ihr Selbstbild übernehmen. Anhand der folgenden Fragen soll diese Tendenz erfasst werden.

Diese Frage ist erkennbar nicht ausformuliert. Die Absicht ist ja, zu erkunden, wie Stereotype den Probanden beeinflussen. Diese Scheu, die Absicht zu formulieren, erlebe ich einmal mehr bei dieser Studie als eine Missachtung meinerselbst.

Desweiteren scheinen die möglichen Antworten sehr konstruiert respektive spekulativ; zum Beispiel: „Es gibt niemanden, der mir gerne näherkommen würde, weil ich sexualisierte Gewalt durch eine weibliche Person erlebt habe.“

Frage 50

beinhaltet weder eine Frage noch eine Antwort. Hier zeigt sich eher, mit welcher Liderlichkeit der Fragebogen erstellt wurde.

Frage 51 bis 54

wollen offensichtlich die aktuelle psychische Verfassung des Probanden und Anhaltspunkte für eine eventuelle PTBS erkunden. Die Fragen sind mehr oder minder geschenkt. Hierfür gibt es in der therapeutischen Praxis sehr viel tiefergehende und umfassendere Fragebögen.

Ich erspare mir eine Synopse dieses unwissenschaftlichen wissenschaftlichen Versuchs, Daten zum Missbrauch durch Frauen zu erheben. Es ist schade um das Geld, das hierin versenkt wurde. Es ist schade um die Manpower, die hier vergeudet wird. Und es erschrickt mich, welch vorurteilsbeladener Geist sich hier anmaßt, Erkenntnisse zu heben. Letztlich wurde ich in meiner Auffassung bestätigt, dass Leute, die sich auch von ihrer Arbeit her Tätern widmen, sich besser bei der Erkundung von Opfern von Kindesmissbrauch fernhalten sollten. Mögen sie ihre Täter und Täterinnen befragen, aber für die Hinwendung an die Überlebenden der Verbrechen ihres Klientels fehlt ihnen die Kompetenz.

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