Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Wieder einmal durfte ich erfahren, was man hierzulande auf politischer Ebene von Überlebenden von Kindesmissbrauch hält: nämlich gar nichts! Sie sind allenfalls als Mittel zur Selbsterhöhung gut, indem man vorgibt, sich um sie zu sorgen, und billige Fürsorge für Kinder allgemein walten lässt. Ja, wie billig die Kindesfürsorge ist, konnten wir in der Pandemie ablesen, als es die Politik nicht schaffte, in Klassenräumen Luftfilter aufzustellen, und die Kinder zum Fernunterricht nach Hause geschickt wurden. Nebenbei wurde bei der Realisierung des Heimunterrichts noch offenbar, dass viele Schulen nicht einmal die technisch-digitalen Ausstattung besaßen, um diesen Unterricht zeitgerecht umzusetzen.

Ein Grund mehr für mich, Politiker zum Ende der Legislaturperiode zu fragen, in welchem Maße sie sich für Kinderschutz einsetzten, insbesondere jene, die sich für ihre Fraktion als Missbrauchs- respektive Kinderschutzbeauftragte küren ließen. Also schrieb ich sie an und bat sie, mir mitzuteilen, was sie denn in ihrer Zeit als Missbrauchsbeauftragte erreicht haben und was sie sich für die Zukunft an notwendigen Fortschritt beim Kinderschutz erhoffen. Hier der Brief:

„Sie sind der Missbrauchsbeauftragte Ihrer Fraktion im Bundestag. Als Überlebender von sexuellem Missbrauch durch Mutter, Vater und Schwägerin, sowie Opfer sadistischer Gewalt durch den Vater, ereilte mich mit 60 Jahren eine kPTBS, die seit zehn Jahre traumatherapeutisch behandelt wird. Aus dieser persönlichen Betroffenheit setze ich mich seit ebenfalls einem Jahrzehnt aktiv für Kinderschutz ein.

Mit der kommenden Bundestagswahl endet Ihr Auftrag. Aus diesem Anlass erlaube ich mir, bei Ihnen anzufragen, was Sie als Missbrauchsbeauftragter in der zu Ende gehenden Legislaturperiode realisieren konnten und wie Sie ihre Arbeit sowie die Ihrer Kollegen in den anderen Fraktionen bewerten? Zudem möchte ich gerne von Ihnen wissen, was Sie sich für den Kinderschutz in der künftigen Legislaturperiode wünschen, und sollten Sie wieder in den Bundestag gewählt werden, ob Sie erneut für das Amt des Missbrauchsbeauftragten kandidieren wollen.

Ich habe die Absicht, Ihre Antwort in meinem Blog Lotoskraft zu veröffentlichen.“

Ich schickte den Brief an folgende sechs Abgeordnete:

AfD, Mariana Harder-Kühnel, stellv. Martin Reichardt
Bündnis 90/Die Grünen Katja Dörner
CDU/CSU, Marcus Weinberg
Die Linke, Norbert Müller
FDP, Matthias Seestern-Pauly
SPD, Susann Rüthrich

Die Reaktion entsprach meiner durch Erfahrung geprägten Erwartung mit den beauftragten Abgeordneten: Schweigen. Keine Antwort. Nada. Nichts. Ich bin ja nur ein Freak. Ein Abseitiger. Ein Abnormer. Eben ein alter Mann, der mehr als ein Jahrzehnt durch Kindheit und Jugend in seiner Familie und einem evangelischen Waisenhaus misshandelt und missbraucht wurde. Aber das ist ja nun schon über ein halbes Jahrhundert her. Mit so einem braucht man sich nicht abgeben. Dafür hat man ja den lieben Herrn Rörig und das BMFSFJ, die einem solche Lichter vom Leib halten, indem sie sie bei Twitter blockieren. Was die lieben Volksvertreter ja auch gutheißen; denn als ich Narr sie hierfür um Hilfe bat, schwiegen sie auch. Ich war keine Reaktion wert.

Doch sei’s drum, so wichtig nehme ich mich auch nicht. Allerdings zeigt das Verhalten dieser Bundestagsabgeordneten mit der schmucken Dienstbezeichnung „weißer Ritter“, dass ihr sechsfach gleiches Verhalten ein strukturelles ist. Es ist die grundsätzliche Respektlosigkeit, die erwachsene Missbrauchsopfern in ihrem Bemühen um gesellschaftliche und institutionelle Anerkennung ihres Leids erfahren.

Ich bloggte hier zum Staatsakt in Österreich, der 2016 für nach dem Krieg missbrauchte und misshandelte Heimkinder begangen wurde. Auch da hielt man sich die Überlebenden zunächst tunlichst vom Leib und ließ nur ein paar handverlesene ins Parlament, in dem der Staatsakt begangen wurde. Sie durften dort gar in der Mitte des Plenarsaals Platz nehmen, sollten so symbolisch eingebunden und befriedet werden. Da sollten sie sitzen, den Mund halten und zuhören, wie über sie gesprochen wurde. Im Grunde ein Déjà-vu in das man sie stieß, denn das war in ihrer Kindheit ebenso. Sie waren Objekte, die man misshandelte und über die man, aber mit denen man nie sprach.  Folglich war das Erstaunen der Gutbetuchten im Plenarsaal groß und voll Unverständnis, dass aus der Mitte und von der Tribüne nicht nur Applaus, sondern auch Unwillensbekundungen kamen.

Die strukturelle Missachtung Überlebender Betroffener erfuhr mittelbar auch Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). Im Winter dieses Jahres interviewte ihn DER SPIEGEL, nachdem er seinen baldigen Abschied vom Amt angekündigt hatte. Das Interview zeigt einen enttäuschten UBSKM, der sich bemüht hatte, das stille, oder besser gesagt das weiße Verbrechen des Kindesmissbrauchs einzugrenzen und die Aufklärung zu verbessern, und der letztlich an der Indolenz der Politik scheiterte. Ja, es ist Indolenz, nämlich eine Schmerzunempfindlichkeit der Politiker, genauer gesagt der Person in dieser Rolle gegenüber dem Leid Betroffener, das sie hierdurch abweisen. Sie wollen deren „Randprobleme“ nicht an sich ranlassen.

So antwortet Rörig auf die Frage: Hat die Bundesregierung Sie ausreichend unterstützt?

„Die Unterstützungsbereitschaft war da, aber immer auf sehr niedrigem Niveau. Ich bin von der Kanzlerin einmal zu einem Gespräch eingeladen worden, 2018. Wir haben eine Stunde intensiv gesprochen, auch über meine Forderung, Landesmissbrauchsbeauftragte zu etablieren. Sie hat gesagt, ich könne überall kundtun, dass ich dabei ihre Unterstützung habe. Einen weiteren Austausch mit der Kanzlerin hat es in den neun Jahren nicht gegeben.

Ich bin kein einziges Mal ins Kabinett oder von einer Fraktion eingeladen worden.“

Eine Stunde Kanzlerin und sonst keinen Kontakt zu den Fraktionen. Ob er je Kontakt zu einem der sechs Missbrauchsbeauftragten der Fraktionen hatte, weiß ich nicht. Ich hatte Rörig dazu um Auskunft gebeten, jedoch keine Antwort erhalten. Klar, ich bin ja nur Staub an seinen Schuhen.

Kardinal Schönborn wiederholte in seiner Rede beim Staatsakt 2016 die Worte einer Betroffenen, die für sich und andere Betroffene resümiert hatte: Man kann ihnen alles nehmen, aber die Würde kann man ihnen niemals nehmen.

Hier der gesamte Staatsakt zum Anschauen. Man kann zu ihm stehen, wie man will, um eins war man bemüht: um Respekt mit den Betroffenen! Diesen Respekt vermisse ich von den sechs Missbrauchsbeauftragten der Fraktionen ebenso wie vom UBSKM.

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