Angst

Dieser Tage erkannte ich mit Leib und Seele, dass ich voller Angst bin. Dass Angst, die Droge war, die mich am Leben hielt, und die mich wie jede Droge im Griff hielt. Doch wie jeder Junkie leugnete ich diese Abhängigkeit. Nein, ich hatte keine Angst. „Dort wo die Angst ist, da geht es lang“, war einer meiner flotten Sprüche. Doch jetzt zu Beginn einer neuen Psychotherapie wurde mir klar, wie ich von Angst beherrscht und gelenkt war. Ich gebe hier zwei Auszüge aus meinem Therapietagebuch wieder:

18. September – Die Vorgeschichte

Aus der Stunde mit S.W. komme ich seltsam dissoziiert. Seltsam deswegen, weil ich den Grund hierfür nicht finde. Ich gehe mit Ruth lange schweigend durch den Englischen Garten. Zudem verharre ich den ganzen Tag und auch am Tag danach in eigentümlicher Abwesenheit. Mir tut dabei Ruth leid, denn ich spüre, wie fern ich ihr bin. Der Zustand ist dahingehend eigenartig, als ich eine derartige versammelte Zerstreuung meinerselbst zuvor noch nicht wahrgenommen habe. Reflektierte ich dabei womöglich eine anhaltende Dissoziation. Sozusagen ein Art von Wachkoma oder vigilante Dissoziation. Ich weiß es nicht. Klingt irgendwie gespreizt, affektiert …

Nebenbei laufen Lieder von Phil Collins, auf die ich mit Ruth viel tanzte. Dazu fällt mir ein, dass ich beim Tanzen und nach dem Tanzen häufiger eine ähnlich wache Dissoziation durchlebte. Womöglich liegt hier der Grund für meinen Zustand in den 48 Stunden nach der Stunde. Nämlich in der besonderen Konzentration, die außerhalb meines Raums geschieht und hierdurch etwas abgekoppeltes besitzt. So wie ich auf die Linien im Außen achte und damit einen Teil von mir absondere, um mit dem Rest Anwesenheit, Versammlung darzustellen. Beim Tanzen war es die Koordination von Körper und Kognition. Die Figuren und Schritte lernen, die Haltung kontrollieren, die Musik erfassen und umsetzen, und dabei noch Partner von Ruth zu sein und Person für alle anderen Anwesenden im Tanzsaal.

Ähnliches muss auch in der Stunde geschehen sein. Und noch ein wenig mehr, denn wenn ich zurückdenke, sehe ich mich eher im dissoziativen Nebel, der, rückblickend auf den Rest meiner Erinnerung, stets meine erfolgte Abwesenheit begleitet oder besser gesagt illustriert. Da sitze ich im Nebelgrau einer traumhaften Düsternis und erinnere mich nur schwer und wenn nur schubweise, so dass ich keinen Faden zu erkennen vermag. Weiterlesen

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