Jungs sind nicht missbrauchbar! Schon gar nicht durch Frauen

Unmissbrauchbar © U. Herbert / pixelio.de

Unmissbrauchbar © U. Herbert / pixelio.de

Auszug aus meinem Therapietagebuch Ende Januar 2015. In ihm beschreibe ich, wie der gesellschaftlich verharmloste Missbrauch von Jugendlichen durch ältere Frauen von einem solchen Opfer rezipiert wird.

Nicht der Ablauf und die Dimension des Erlittenen ist von Bedeutung, sondern mein Erleben. Mein Schrecken, mein Schmerz, meine seelische Qual, meine Angst, meine Verzweiflung sind die Parameter, die das Ereignis gewichten. Es ist nicht allein schrecklich durch den Fakt, sondern seinen wahren Schrecken erhält es durch mein Empfinden. Meine Gefühle sprechen die Wahrheit über das Geschehene! – Eine Sichtweise, die ich normalerweise als selbstherrlich empfinde und der ich äußerst skeptisch gegenüber bin; doch diesmal ‑ in meinem Fall ‑ kann ich sie ein- und annehmen.

S.B. kommt auf das Lied „Und es war Sommer“ von Peter Maffay zu sprechen. Ich lese später nur den Text im Internet nach, ich will es nicht hören. Ich lese: „Ich war 16 und sie 31“, und mir wird bitter. Ich lese am Schluss: „Es war Sommer, das erste Mal im Leben. Es war Sommer, das allerletzte Mal.“ Ich denke über das allerletzte Mal nach. Nicht die verlorene Unschuld bedenke ich, sondern die verlorene Lebensfreude, vor dem ersten Mal das allerletzte Mal noch unschuldige Freude … fortan Schändung und Albträume. Ich lese die Zeile noch einmal und ich lese: „Es war Sommer, das allererste Mal.“ – Ein freudsches Verlesen meinerseits also.

In den 60er Jahren, der Zeit meiner Schändung, entstanden mehrere solcher hebephiler Machwerke, zum Beispiel der Film „Die Reifeprüfung“ – der Film wurde mit einem Oscar und fünf Golden Globes ausgezeichnet. Ich habe ihn mir nie angeschaut. Damals herrschte in dieser Hinsicht ein widerlicher Zeitgeist, eine publizierte Öffentlichkeit, die sich in perverser Geilheit über Tabus hinwegsetzte und beispielsweise eine Irina Ionesco als avantgardistische Künstlerin feierte, weil diese ihre Tochter Eva in lasziven Posen halbnackt als Kindfrau fotografierte und mit 11 Jahren in einem indizierten Softporno agieren ließ.

Die sich befreiende Frau befreit sich, indem sie Knaben zu sich ins Bett lockt. So das Geschwätz der einen Seite, einer pervertierten Öffentlichkeit. Die andere, die nicht hörbare, nicht publizierte, weil gesunde Seite empfand das damals wie heute als überwiegend ekelhaft. Und ich hörte hin und wieder das Geschwätz von Freunden, die meinten, Sex mit älteren Frauen sei heißer, weil diese Frauen heißer und ungehemmter seien. Ich fand nichts an diesem Geschwätz; ich wusste nur, dass es besser sei, meinen Mund zu halten, denn wenn sie wüssten, was ich wusste, würden sie angewidert ihren Mund verziehen und mich einen Mutter- und Altweiberficker heißen. – Nicht besser die Gründe, warum ich heute meinen Mund halte, weil Frauen so etwas nicht tun, was sie mir antaten, und Jungs, sofern ihnen so etwas widerfuhr, nur Täter sein können. Und falls sie ausnahmsweise keine Täter waren, nur froh sein könnten, dass ihnen so etwas geschehen ist, und darauf eine Ballade komponieren dürfen. – Übrigens ist das ein weiterer Grund, warum ich mit meiner Geschichte keinen Mann als Therapeuten haben möchte. In dieser Hinsicht, der Vorurteilsbeladenheit, traue ich kaum einem Mann.

Von dieser Art sind Sicht und Empfinden, die ich in meiner Mitwelt gemeinhin einsammeln kann. Mit meinem Empfinden, mit meinem Schrecken bin ich weitgehend allein; allein mit wenigen Freunden, die meine Geschichte andeutungsweise kennen und meinen Schmerz und meine Scham verstehen. Die ich aber nicht weiter fordern kann, da sie nicht wissen, wie sie mit dem Wissen umgehen sollen; deren Hilflosigkeit mich darum eher belastet.

Nicht allein bin ich mit Ruth, die mich tröstet. Nicht allein bin ich in der psychotherapeutischen Praxis, in deren Raum der ganze Schrecken ausgebreitet wird und das Gesagte bleibt, wo ich Vertrauen und Empathie begegne. Und wo mir gesagt wird, dass mein Empfinden mich nicht narrt, dass die Schändung Schändung und niemals Einweihung oder Verführung war; dass all die Schönrednerei mitsamt der spekulativen Protzerei beider Geschlechter darüber nur erbärmlich ist. Mit meiner Geschichte bleibe ich dennoch einsam, sie ist nicht gesellschaftsfähig.

Das steigert meinen Schmerz. Ich würde ihn gerne hinausschreien, aber das wäre gefährlich.

Würde Ruth bei der Wassergymnastik zur Trainerin sagen, achte bitte mit darauf, dass Matthias andere Kameradinnen nicht berühren muss, denn er verträgt keine Berührung, weil er geschändet wurde, dann trüge ich fortan ein unsichtbares Mal.

So aber sagt sie, ich hätte ein Burn-out und vertrüge daher keinen Körperkontakt. Und alles ist klar, keine Nachfragen, jeder versteht es und achtet darauf. Burn-out ist eine anständige Krankheit; für Mann erst recht; schließlich gibt es nichts männlicheres, als sich halbtot gearbeitet zu haben. Dafür hat jeder Verständnis, aber vom Vater blutig gezüchtigt und von der Mutter gevögelt worden zu sein, das ist Prekariat, damit will man nicht belästigt werden, das ist peinlich, weil man dazu keine Worte hat, um es klein-, weg- und gesundzureden. – Mein Schmerz weist auf die Wahrheit, soweit habe ich es verstanden.

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2 Gedanken zu “Jungs sind nicht missbrauchbar! Schon gar nicht durch Frauen

  1. Wenn man sich mit der Geschichte des Mißbrauchs beschäftigt, dann findet man unheimlich viele, teils subtile, Hinweise darauf, wie alltäglich es doch war. Angefangen von Lolita über Peter Maffay bis zur Reifeprüfung uvm.

    Es wird Zeit, dass Männer, die als Kind mißbraucht wurden, ebenso wie Männer, die von ihren Frauen/Freundinnen geschlagen werden, auf die Barrikaden gehen.
    Es ist nicht leicht, aber den Frauen ging es anfangs nicht anders. Noch heute ist es z.b. für jüdische Frauen fast unmöglich über ihren Mißbrauch zu sprechen, besonders wenn es bei den Tätern um ihre Väter geht.

    Aber darüber zu sprechen, immer wieder und wieder, das ist der einzige Weg, um Aufmerksamkeit zu schaffen, um die Öffentlichkeit herzustellen, die es dringend braucht, um auch derzeitigen und zukünftigen Opfern den Weg zu ebnen, frühzeitig reden zu können.

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