Das missachtete Geschlecht – Gedanken zum Tag der Geschlechter-Empathielücke

©Heidas Wikipedia account

Dass Männer, vor allem weiße, alte Männer, so wie ich, als Sinnbild toxischer Männlichkeit von Leuten, die sich für politisch links halten, verunglimpft werden, ist ein besonders hässlicher Auswuchs des aktuellen Feminismus. In der „links-alternativen“ taz verfasst Lalon Sander sporadisch eine Kolumne Namens „Dumme weiße Männer“. Unabhängig von dem Unsinn, den sie darunter subsumiert, ist dieser Kolumnentitel männerfeindlich, rassistisch und sexistisch. Wer ihn für satirisch hält, schleicht sich mit einem derzeit trendigen, gleichwohl feigen und dämlichen Argument aus seiner Verantwortung. Doch es ist ja auch trendig, auf Männer einzudreschen und auf die Jungen ebenso, die von ihren Lehrerinnen großteils vernachlässigt und somit auch verachtet werden.

Diesem Trend folgen Feministen, Männer und Frauen. Die Mehrheit der Gesellschaft folgt ihm jedoch eigentlich nicht. Freilich haben diese Trendsetter derzeit noch einen immensen Einfluss in Politik und Medien. Sie spalten damit als laute Minderheit die schweigende gesellschaftliche Mehrheit, und sie beeinflussen auch die Wahrnehmungen und Meinungen aller, sonst wären sie ja keine Trendsetter. Denn die Verachtung des Männlichen ist in der Gesellschaft ebenso oberflächlich verhaftet wie tief verborgen fundiert. Es sind misandrische Vorurteile und Stereotypen, die inzwischen als Selbstverständlichkeiten kolportiert werden und jedem Mann zeigen: Dein sozialer Kredit ist – weil du Mann bist – perdu. Und falls Sie das nicht wahr haben wollen, empfehle ich Ihnen, beispielsweise während eines normalen Fernsehabends darauf zu achten, wie oft in den gezeigten Filmen Frauen gegenüber Männer gewalttätig werden. Diese Szenen sind ebenso selbstverständlich wie der blöde Spruch aus weiblichen Mund: Männer sind Schweine.

Doch dieser Prolog ist viel zu allgemein für das, auf was ich ziele. Mein Behuf zu diesem Aufsatz war die Initiative des Bloggers Gunnar Kunz, einen Tag der Geschlechter-Empathielücke (Gender Empathy Gap Day) zu initiieren. Wobei er als Termin für den Gedenktag den 11. Juli ins Auge fasste. An diesem Tag vor 13 Jahren ermordete serbische Soldateska bei Srebrenica 8.000 Jungen und Männer. Zuvor selektierten sie Männer und Frauen unter den Augen von UN-Beobachtern. Die Medien verschwiegen diese Tatsache, indem sie von 8.000 ermordeten Muslimen, die überwiegend Männer waren, schrieben, wo es in Wirklichkeit fast ausschließlich Männer – muslimische Bosiniaken – waren, die diesem Genozid zum Opfer fielen.

Eigentlich wollte ich den Blogbeitrag von Gunnar Kunz hier rebloggen, doch dann kam das 3. öffentliche Hearing „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ – veranstaltet von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) – am 27. Juni hinzu, und dabei fiel mir auf, wie in den Diskussionsbeiträgen die missbrauchten Jungen erneut verwischt und übergangen wurden. Abermals war meist nur von Opfern die Rede, und sofern sie nach ihrem Geschlecht spezifiziert wurden, waren es die üblichen „Mädchen und Jungen“. Wobei ein jeder, der sich mit Missbrauch beschäftigt, weiß, dass die überwiegend wahrgenommene Opfergruppe bei Kindesmissbrauch eben Mädchen sind, so wie die überwiegend wahrgenommene Tätergruppe Männer sind. Womit mit der Floskel „Mädchen und Jungen“ Mädchen als die eigentliche Opfergruppe impliziert werden.

Beim Missbrauch in den Kirchen besteht jedoch die überwiegende Opfergruppe aus Jungen, Knaben, Buben. Dieser Umstand ist auch das spezifische des kirchlichen oder – treffender gesagt – des rituellen Missbrauches durch Kirchenleute. Denn während in den 80er Jahren der Missbrauch von Mädchen längst öffentlich angeprangert wurde, diskutierten die Grünen mit ihrer „Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle“ über die Legalisierung der Päderastie, also dem homosexuellen Umgang Erwachsener mit Knaben unter 14 Jahren. Der sexuelle Kindesmissbrauch in den Kirchen, vor allem der in der katholischen war und ist überwiegend homosexuell. Dieser Umstand und die Diskussion der Päderasten in alternativen Kreisen ließ die Opfer erstummen.

Kaum ein Junge, der von einem Priester oder Pfarrer vergewaltigt worden war, wagte es damals, über sein Leid zu berichten. Davon hielt ihn zum einen die Furcht, für schwul gehalten zu werden, und zum anderen die Hilflosigkeit gegenüber der Institution der Kirche ab. Einen Pfarrer, seines Verbrechens zu bezichtigen, erforderte einen Wagemut, den kaum ein geschändetes Kind aufzubringen vermochte. Denn jedes geschändete Kind war in die Kirche eingebunden, es besaß seinen Kinderglauben an den lieben Gott und der verbrecherische Pfarrer war diesem Gott viel näher als das Kind. Es hätte somit seinen Glauben und seinen Gott verraten und zugleich die Schande ertragen müssen, als schwul zu gelten. Schließlich ist es für einen pubertierenden Jungen heute noch schwer, sich als homosexuell zu offenbaren, um wieviel schlimmer war es dann erst vor der Jahrhundertwende. So stellte in diesem Zusammenhang die MiKADO-Studie fest:

62% aller betroffenen jungen Erwachsenen hatten ihre Missbrauchserfahrung bis zur Studienteilnahme noch keinem anvertraut, Frauen aber häufiger als Männer (47% vs. 18%).

Jungen waren somit schweigende Opfer, während landauf, landab Beratungsstellen und Betreuungsplätze für sexuell missbrauchte Mädchen eingerichtet wurden. Gleichzeitig wurde der mögliche Missbrauch von Jungen politisch verhandelt. Betroffene Jungen haben diese Gegebenheiten durchaus wahrgenommen und für sich richtig gedeutet. Nämlich, dass sie niemanden haben, der ihnen zur Seite steht; dass ihnen kaum geglaubt werden wird; und dass sie womöglich noch als schwul denunziert werden könnten. Nebenbei bemerkt, noch schlimmer war und ist die Situation für Jungen, die von einer Frau sexuell missbraucht wurden oder werden. Dieses Verbrechen trifft nach jüngsten Erhebungen etwa 46% aller von Missbrauch betroffenen Jungen und steht somit in einem krassen Missverhältnis zur angenommenen Täterinnenzahl von 10 bis 20%. Denn hinsichtlich weiblicher Täterschaft herrscht nach wie vor der Mythos vor: Frauen und erst recht Mütter tun so etwas nicht! Ein Junge, der das Gegenteil behauptet, ist folglich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Lügner.

Missbrauchte Jungen waren somit über 40 Jahre, seitdem über Kindesmissbrauch – sprich Mädchenmissbrauch – öffentlich gesprochen und geforscht wurde, so gut wie nicht auf dem Schirm der Öffentlichkeit oder der therapeutischen Psychologen geschweige denn der Politik. Das änderte sich erst, als sich der Direktor des Canasius Kolleg, Pater Klaus Mertes, im Januar 2010 mit einem Brief an ehemalige Schüler wandte, um sich bei den Opfern des Missbrauchs durch zwei Patres zu entschuldigen. Dieser Brief gelangte an die Öffentlichkeit und initiierte damit den Skandal der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, in deren Schatten auch die Missbrauchsfälle der evangelischen Kirchen öffentlich wurden.

Von da an hätte auch unbefangen von Jungen als Opfer sexuellen Missbrauchs gesprochen werden können, doch seltsamerweise stellte sich diese Unbefangenheit nicht ein. Weiterhin wurden bei der Berichterstattung über die Sexualverbrechen des Kirchenpersonals Jungen unter dem Begriff Opfer subsumiert und wenn nicht dann nur in der Formel „Mädchen und Jungen“ erwähnt. Dabei betraf der Missbrauch im Umfeld der Kirchen überwiegend Jungen, in vielen Einrichtungen gar zu 100%. Die John-Jay-Studie, die 2005 in den USA veröffentlicht wurde, berichtet von 81% Jungen als Missbrauchsopfer bei 90% männlichen Tätern innerhalb der katholischen Kirche. In Australien wurden gar 90% missbrauchte Jungen ermittelt. Die Zusammenfassung der Fallanalyse „Sexueller Kindesmissbrauch im Kontext der evangelischen und katholischen Kirche“, die die UKASK im Rahmen des Hearings veröffentlichte, zählt bei 65 aufgenommenen Fällen in beiden Kirchen 57% Jungen, wobei sie für die evangelische Kirche ein Geschlechterverhältnis von 1:1 berichtet. Gleichzeitig konnte es die Autorin der Fallanalyse, Marlene Kowalski, nicht unterlassen, die hohe Zahl männlicher Missbrauchsopfer in den Kirchen zu relativieren, indem sie die Vergleichszahlen pädokrimineller Verbrechen in den Familien nannte. Hier besagt das Hellfeld, dass nur 20% der Missbrauchsfälle Jungen betreffen.

Wobei ich der Autorin keine böse Absicht unterstelle, sondern meine, dass sie nur der gesellschaftlichen Wahrnehmung folgt, die nach wie vor Kindesmissbrauch als ein überwiegend gegen Mädchen gerichtetes Verbrechen kommuniziert; ohne darüber nachzudenken, dass in der Sozialisation von Jungen und deren steten Vernachlässigung durch Lehrer und Sozialpädagogen ein Grund liegt, warum sich missbrauchte Jungen nicht offenbaren. Jungen fehlt, bedingt durch ihre Alltagserfahrung, schlicht das Vertrauen zu ihren Pädagogen. Zudem wissen die meisten Mädchen inzwischen, dass sobald ein Mann seine Hand auf ihr Knie legt höchste Vorsicht geboten ist.

Mädchen sind inzwischen durch umfassende Aufklärung „geschult“, Anzeichen sexualisierter Gewalt zu erkennen. Jungen fehlt dieser Blick. Unter anderem deshalb, weil zum einen „Frauen so etwas nicht tun“, und zum anderen, weil ein Generalverdacht gegen päderastische Übergriffe im aktuellen politisch korrekten Klima als Diskriminierung Homosexueller verstanden werden könnte und deshalb besser unterbleibt; also unterbleibt auch die gezielte Aufklärung der Jungen vor ihnen drohender Gefahr. In der Tat zeigte auch die MiKADO-Studie wie andere Studien auch, dass Jungen gegen sie gerichtete sexualisierte Gewalt weniger konkret wahrnehmen als Mädchen. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn einen Pornofilm ansieht, würde von den wenigsten Jungen als eine Sexualverbrecherin erkannt werden. Eher würden sie sich das für sie peinliche Geschehen schön- und wegreden. So wie ich es mit 13 Jahren tat, als mir die Mutter bereits von ihrem Sexualleben berichtete, und ich überhaupt nicht begreifen konnte, dass diese Peinlichkeit nicht nur eine Form, sondern bei ihr auch eine Strategie für noch umfassendere gegen mich gerichtete sexualisierte Gewalt war.

Der Dollpunkt für diesen Essay zum Gender Empathy Gap Day war jedoch ein Kommentar von Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung zum Hearing der UKASK. Er bringt es doch fertig, nachdem er einleitend einmal Jungen und Mädchen und einmal Frauen und Männer erwähnte, in seiner Schlussfolgerung auf die #metoo-Kampagne abzuheben, indem er feststellt: „Strukturen des Schweigens gibt es nicht nur in den Kirchen, das hat „Me Too“ gezeigt“. Damit werden die massiven Sexualverbrechen gegen Kinder – mehrheitlich Jungen – innerhalb der Kirchen mit einer männerfeindlichen Kampagne verknüpft, die zu einem sozialen Pranger wurde, um Männer beliebig zu bezichtigen; eine Kampagne, die schon ein Dutzend Männer in den Selbstmord trieb und etlichen die Karriere vernichtete. Ja, #metoo wurde zum Pranger, der Männer insgesamt als Schweine und Vergewaltiger darstellte, und der ausdrücklich darauf zielte, dass sie sich nicht in den Diskurs einmischen, sondern zuhören sollten. Gerade dieser abschließende Schlenker in dem Kommentar der SZ zeigt, welchen Stellenwert männliches Leid und insbesondere das Leid der von Pfarrern und Priestern geschändeten Jungen in unserer Gesellschaft hat: Sie werden missachtet, um nicht zu sagen, verachtet. Ihnen gilt so wenig Mitgefühl, dass sie nicht einmal richtig gezählt und nie allein als Opfergruppe erwähnt werden.

Zum Abschluss dieses Beitrages liegt der Song der Ärzte „Männer sind Schweine“ nahe, doch damit folgte ich letztlich nur der gesellschaftlichen Empathielosigkeit gegenüber männlichem Leid, Qualen und Krankheiten und verwischte das Übel mit einer feuilletonistischen Witzelei. Gleiches gälte dem Gegenstück der Ärzte dem Lied „Frauen sind Schweine“ von Klaus Densow. Beide Songs sind im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch daneben; denn selbst die Täter, die Priester, Nonnen und Pfarrer, die Kinder sexuell missbrauchten und sadistisch misshandelten sind keine Schweine, sondern Menschen, Verbrecher, die Kinder schändeten. Sie sind Kinderschänder, die bestraft und wenn möglich therapiert werden sollten, und nicht, wie es immer noch geschieht, von den Kirchen gedeckt werden. Auch hier erkennt man noch die gesellschaftliche Missachtung der Opfer, die, wären sie überwiegend Mädchen, so unreflektiert niemand wagen würde zu vollziehen. Denn keine Institution würde es wagen, einen Kinderschänder, der sich an einem Mädchen vergangen hatte, der weltlichen Justiz zu entziehen und in eine Dependance auf einem anderen Kontinent zu schicken, wo er wieder mit Kindern umgehen und Mädchen schänden kann.

Deshalb verlinke ich hier einen Clip mit Fred Astaire und Rita Hayworth. Dazu singt Jackie Wilson „Your love keeps lifting me higher and higher“. Die Tanzeinlage von 1942 passt perfekt auf den 1967 erstmals veröffentlichten Song. Alles zusammen zeigt, mit welcher Freude Menschen über Generationen zusammenwirken können, ohne einander wegen ihres Geschlechtes anzufeinden oder zu missbrauchen. Es braucht nur ein wenig Menschlichkeit, und das Mitgefühl für den Schmerz des anderen ist eine Selbstverständlichkeit.

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